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Er stellt Meißens Wald auf den Prüfstand

Matthias Karich entscheidet, ob ein Baum gefällt wird oder nicht. Weshalb Meißen einen Baumkontrolleur braucht.

Seit einem Jahr gibt es in Meißen eine Extrastelle allein zur Baumkontrolle.
Seit einem Jahr gibt es in Meißen eine Extrastelle allein zur Baumkontrolle. © Claudia Hübschmann

Meißen. Matthias Karich holt aus und schlägt mit einem Gummihammer auf die Rinde der Kiefer ein. Der Stamm klingt vielleicht ein wenig porös, letztlich aber wie jeder andere Baum auch. Zumindest für ungeschulte Ohren. Meißens neuer Baumkontrolleur hingegen hört die Nuancen zwischen den unterschiedlichen Holzklängen heraus: "Ich habe schon mehr als 8.000 verschiedene Bäume gehört, da ist das Gehör einfach geschult."

Die Weymouthskiefer am Lutherplatz klingt nicht mehr ganz vollholzig und ist auf keinen Fall mehr zu retten. Das war schon beim ersten Anblick klar: Mitten in der Vegetationszeit ist die Kiefer völlig braun geworden, zusätzlich ist der Stamm durchlöchert. Das Werk des Prachtkäfers - einem deutlich größeren Schädling als ein Borkenkäfer, der dem Baum im Endeffekt auch die Wasserzufuhr abschneidet. Die klebrigen Harzspuren an der Rinde zeigen, dass sich der Baum noch retten wollte - erfolglos.

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Nicht immer lassen sich kranke Bäume so eindeutig identifizieren wie die Weymouthskiefer am Lutherplatz.
Nicht immer lassen sich kranke Bäume so eindeutig identifizieren wie die Weymouthskiefer am Lutherplatz. © Claudia Hübschmann

"Das ist nicht meine erste Weymouthskiefer, die dieses Jahr trocken geworden ist", diagnostiziert Matthias Karich kopfschüttelnd. "Wir haben bereits eine im Nikolaipark und im Käthe-Kollwitz-Park gefällt", so Karich. "Der hier sollte auch nicht mehr lange stehen bleiben."

Im Wald wäre der Baum nach drei Schlägen gefällt. Doch mitten im Wohngebiet würde ein fallender Baum zu viel Schaden anrichten, weshalb er von einer Baumpflegefirma abgetragen werden muss - zum Beispiel mit Baumklettern oder per Hubschrauber.

Meistens fällt die Diagnose nicht so leicht wie bei diesem Extrembeispiel im Lutherpark. Wenn der Baum noch Lebenszeichen zeigt - also noch Laub oder Nadeln trägt, beginnt Karich mit einer genauen Überprüfung des Baumes. Angefangen von den Wurzeln bis zur Krone. An den Wurzeln sucht Karich nach Beschädigungen, klopft den Stamm ab, sucht nach Pilzen. Für beides hat er seinen ganz besonderen Werkzeugkoffer dabei, der neben Maßband und Gummihammer auch eine Pilzdiagnose-Schablone offenbart. Nach so einer Untersuchung steht fast immer eine Diagnose, die darüber entscheidet, ob der Baum weg muss. Nur in wenigen Ausnahmen zieht er einen Sachverständigen hinzu.

Die Ursachen für die Baumschäden sind sehr unterschiedlich: angefangen von Autounfällen, Vandalismus oder Tieren, die Bäume angraben. In den letzten Sommern war vor allem die Hitze der Auslöser. Für Karich ein entscheidender Grund, warum seine Stelle geschaffen wurde, denn bis vor einem Jahr gab es gar keinen Baumkontrolleur in Meißen und seine Aufgaben wurden vom Bauamt mit übernommen.

Erfahrung als Baumkontrolleur hat der studierte Forstwirt bereits drei Jahre lang in Sachsen-Anhalt gesammelt: "In Großstädten sind Baumkontrolleure mittlerweile Standard, jetzt ziehen die Mittelzentren nach."

Meistens überprüft Matthias Karich Bäume am Straßenrand. Die Warnweste gehört da zum Arbeitsschutz.
Meistens überprüft Matthias Karich Bäume am Straßenrand. Die Warnweste gehört da zum Arbeitsschutz. © Claudia Hübschmann

Naturschutz endet mit Verkehrssicherheit

Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Verkehrssicherung, gerade Kommunen kommt dabei eine besondere Sorgfaltspflicht zu: "Deshalb muss ich bei einen Spielplatz oder Kindergarten auch strenger rangehen, und auch am Straßenrand kann ein herabstürzender Ast einen riesigen Schaden verursachen." Anders sei es bei einem Baum im Park, bei dem der Ast vom Weg weg reicht: "So ein toter Ast kann dann auch einmal toleriert werden, da von ihm keine erhebliches Gefahrenpotential ausgeht - sofern es sich nicht gerade um eine Liegewiese handelt." Für Karich, zu dessen Aufgabe auch der Baumschutz gehört, ist das eine schwierige Abwägungsfrage: "Bei der Baumpflege müssen wir nicht nur für Verkehrssicherheit sorgen. Die Kür ist es, das Leben des Baums an seinem Standort zu verlängern", betont Karich. "Klappt das nicht, kann ich mir einen kleinen Moment zur Trauer nehmen, aber die menschliche Gesundheit und Fahrzeuge haben immer klaren Vorrang."

Gerade im städtischen Raum ist das eine besondere Herausforderung: Hier seien die Bäume durch die großen Temperaturschwankungen besonders betroffen. "Allein durch den aufgeheizten Asphalt und Straßenpflaster ist die Wasserversorgung schlechter als im Wald." Allerdings kann es im Wald passieren, dass die Bäume so dicht stehen, dass sie sich das Wasser gegenseitig wegnehmen - also dass sie mehr um Wasser konkurrieren, als bei größeren Baumabständen im Park.

Zu Karichs Aufgaben gehört jedoch mehr, als den Verfall zu verwalten: Gerade bei Anfahrschäden oder Vandalismus kann er die Bäume bei der Heilung unterstützen: "Da bin ich wie ein Baumdoktor und umhülle den Baum mit Wundschutzfolie. Damit kann ich dazu beitragen, dass ein frischer Anfahrschaden wieder zuheilt." Unter Folie entwickelt sich ein Gewebe ähnlich wie eine zweite Rinde.

Insgesamt gehört eine Waldfläche von über 100 Hektar zu Meißens Stadtgebiet: Um da den Überblick zu behalten und vor allem um zeitnah reagieren zu können, ist das Bauamt auf Meldungen aus der Bevölkerung angewiesen. Auch der abgestorbene Baum am Lutherplatz wäre ohne einen Hinweis erst viel später entdeckt worden.

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