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Drei Jobs und trotzdem keine Arbeit

Die Ungarin Ilona Kovács fällt bei Corona durch alle Raster. Viele Jahre stand sie auf Straßenfesten. Nun verkauft sie ihren Lángos nur noch einmal pro Woche.

Immer am Samstag stehen Ilona Kovács und István Borbás (Foto) mit ihrem Lángos-Wagen in Weinböhla vor dem Edeka-Markt auf der Dresdner Straße.
Immer am Samstag stehen Ilona Kovács und István Borbás (Foto) mit ihrem Lángos-Wagen in Weinböhla vor dem Edeka-Markt auf der Dresdner Straße. © Arvid Müller

Vor 13 Jahren hat Ilona Kovács ihre Heimat verlassen: Sie ist mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern aus der Stadt Pécs im Süden von Ungarn nach Deutschland gekommen. Der Grund war damals die Politik, sagt die 65-jährige Frau, die nur schlecht deutsch spricht: „In Ungarn war 2008 die Inflationskrise und wir hatten keine Arbeit und kein Geld.“

Zuvor hatte sie lange in einer Arztpraxis gearbeitet. In Deutschland muss sie drei Jobs machen, um über die Runden zu kommen: Sie arbeitet als Putzkraft, in einem Restaurant als Küchenhilfe und an Wochenenden und Feiertagen steht sie auf Straßenfesten und verkauft Lángos und süße Baumstriezel. Bis die Corona-Krise kam.

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Die IHK-Schulungsgebäude, die sie sonst putzt, stehen plötzlich leer. Das Restaurant, in dem sie sonst Teller spült, ist geschlossen. Die Weinfeste und Weihnachtsmärkte in Weinböhla, Meißen und Radebeul, wo sie seit acht Jahren den beliebten ungarischen Snack anbietet, fallen kleiner oder ganz aus. „Das letzte Jahr war die Hölle“, sagt Ilona Kovács, die mit ihrem Mann in Dresden-Laubegast lebt.

Obwohl sie drei Jobs hat, kann sie nicht arbeiten und verdient kein Immer am Samstag ist sie mit ihrem Lángos-Wagen in Weinböhla vor dem Edeka-Markt auf der Dresdner Straße Geld. Seit drei Wochen gibt es jetzt einen winzigen Hoffnungsschimmer: Immer am Samstag ist sie mit ihrem Lángos-Wagen in Weinböhla vor dem Edeka-Markt auf der Dresdner Straße.

Am letzten Samstag im März ist es stürmisch und verregnet. Kein Wetter, bei dem man Lust auf einen Lángos to go hat. Doch Ilona Kovács und ihr Schwiegersohn István stehen trotzdem in dem kleinen, weißen Wagen mit der rot-weiß-grünen Flagge. Drinnen ist es warm und riecht nach frittiertem Öl. Ilona Kovács öffnet immer wieder die Tür zum Lüften.

Für den heutigen Tag haben sie 20 Kilo Hefeteig vorbereitet, der in einer großen verschlossenen Plastikbox unter der Arbeitsplatte steht: „Wir machen ihn in Handarbeit“, sagt István Borbás, „er wird aus Mehl, Hefe und Wasser gemacht und der Rest ist Geheimnis.“ In Ungarn gibt es Lángos vor allem am Strand, auf dem Wochenmarkt oder zu Feierlichkeiten, sagt er.

Ihr Wagen steht bei Bekannten in Weinböhla, nicht weit weg vom Edeka-Markt. Vor drei Jahren haben sie ihn neu gekauft und ausgebaut. Dafür mussten sie einen Kredit aufnehmen, den Ilona Kovács immer noch jeden Monat mit 250 Euro abbezahlt. Damit sich das Geschäft hier und heute lohnt, müsste sie mindestens 200 Lángos zu je vier Euro verkaufen. Die letzten beiden Samstage waren es aber nur rund 80 und heute war bisher nur eine Frau da. „Wir probieren es, aber Sie sehen ja, dass nicht viel los ist“, sagt sie und ist wütend: „Die Politiker haben keinen Kopf, denn ohne Arbeit kein Geld und das geht nicht.“

Zusammen mit einem Bekannten, ist sie die möglichen Hilfsgelder durchgegangen: „Leider fällt sie mit ihrem Job als Reinigungskraft und mit ihrem Reisegewerbe durch alle Raster“, sagt Victor Vincze. Er ist selbst Ungar und Vorsitzender des Dresdner Ausländerbeirates: „Viele Menschen aus allen möglichen Ländern wenden sich an mich, weil sie Hilfe benötigen“, sagt er. Seit zehn Jahren kennt er die Familie Kovács als fleißige und arbeitsame Familie und hat sie schon bei ausländerrechtlichen Angelegenheiten, bei der Arbeitsvermittlung und bei Übersetzungen unterstützt.

Aber diesmal konnte er nicht helfen: Der Antrag auf Soforthilfe, den er für Ilona Kovács ausgefüllt hat, kam zu spät und das Budget war bereits aufgebraucht. Weil sie als Reinigungskraft eigentlich eine Festanstellung über 30 Stunden hat und in Kurzarbeit ist, kann sie keine weiteren Hilfen bekommen, sagt ihre Steuerberaterin. „Als sie mich kontaktierte, war sie ziemlich verzweifelt“ sagt Victor Vincze und macht bei Facebook Werbung für ihren Lángosverkauf.

Aber wie lange sie hier noch stehen kann, ist ungewiss und mit den wenigen Putzaufträgen, die sie noch bekommt, kommt auch nicht viel Geld rein: „Wir müssen jetzt extrem sparen“, sagt Ilona Kovacs, „wir müssen mit 20 Euro für Lebensmittel pro Woche auskommen“, sagt sie. Etwas anderes bleibt ihr nicht übrig. Die drei Lángos gehen trotzdem aufs Haus und einen Baumstriezel packt sie noch zusätzlich oben drauf: „Guten Appetit und lassen Sie es sich schmecken“, sagt Ilona Kovács zum Abschied.

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