merken
PLUS Meißen

"Ein Ende ist nicht absehbar"

Corona-Alltag in der Meißner Werkstatt für Menschen mit Behinderung: Trotz Betretungsverbot muss die Produktion weitergehen.

Etwa ein Drittel der Mitarbeiter der DRK-Werkstatt auf der Ziegelstraße arbeitet in der Pandemie, um die Verträge regionaler Firmen zu erfüllen.
Etwa ein Drittel der Mitarbeiter der DRK-Werkstatt auf der Ziegelstraße arbeitet in der Pandemie, um die Verträge regionaler Firmen zu erfüllen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wie schaffen es Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt? In der Regel über eine Werkstatt, die sie ausbildet. Dort können sie sich ausprobieren: in Meißen von der Tischlerei über die Druckerei bis zur Metallbearbeitung. „Je nachdem, welche Interessen und Fähigkeiten sie haben, entscheiden sie selbst, was sie lernen wollen“, sagt Michael Druch, Leiter der Werkstatt. In Zeiten von Corona ist das so nicht möglich.

300 Menschen mit Behinderung oder chronisch-psychischer Erkrankung beschäftigt die Werkstatt des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Meißen. Mehr als 25 arbeiten in Außenarbeitsplätzen. So wie Marlies Pooch in der Meißner Bildungs- und Tagungsstätte der Bundesagentur für Arbeit. Wenn die Pandemie nicht wäre, kümmert sich die 54-Jährige dort um die Reinigung oder hilft bei Veranstaltungen. Am liebsten würde sie jetzt weiter arbeiten, allerdings ist das Gebäude bis auf Weiteres geschlossen.

Anzeige
Geld für Vereine, Projekte, mehr Zuversicht!
Geld für Vereine, Projekte, mehr Zuversicht!

Mit einem Crowdfundingprojekt unterstützt die Volksbank Dresden-Bautzen eG gemeinnützige Projekte.

"Ich bin kein kleines Kind"

Neben der Arbeit fehle ihr zudem der Kontakt zu ihren Freunden. „Am schlimmsten ist es: zu wissen, wo sie wohnen, aber nicht hinfahren zu dürfen“, sagt sie. Dafür telefonieren sie regelmäßig. Sie versteht und akzeptiert die Schutzmaßnahmen wegen des Coronavirus. „Es nützt ja nichts. Es ist richtig, auch wenn es mir manchmal schwerfällt.“ Was Marlies Pooch jedoch verärgert: Wenn sie nicht ernst genommen wird. Sie möchte gern so sein wie die anderen. „Ich bin kein kleines Kind. Wenn ich Fehler mache, soll man mir das ganz normal sagen.“ Dieses Selbstbewusstsein ist sicherlich ein Grund dafür: Sie ist Mitglied im Werkstattrat, vergleichbar mit einem Betriebsrat.

Auch Michael Druch und seine Mitarbeiter belastete das Corona-Jahr. Von Ende März bis Anfang Juni gab es ein Betretungsverbot in der Werkstatt, genauso wie jetzt wieder. „Die Produktion konnte zwar teilweise in die Wohnstätten der Menschen verlegt werden, etwa 100 müssen trotzdem in der Werkstatt arbeiten“, so Michael Druch. Viele brauchen zum einen eine Notbetreuung, da ihre Angehörigen selbst außerhalb arbeiten. Zum anderen muss die Werkstatt Verträge erfüllen, die sie mit regionalen Firmen geschlossen hat.

Marlies Pooch ist im Werkstattrat, vergleichbar mit einem Betriebsrat in anderen Firmen. Sie kann nicht lesen und schreiben. Zudem hat sie regelmäßig epileptische Anfälle.
Marlies Pooch ist im Werkstattrat, vergleichbar mit einem Betriebsrat in anderen Firmen. Sie kann nicht lesen und schreiben. Zudem hat sie regelmäßig epileptische Anfälle. © Claudia Hübschmann

Eine Herausforderung während des Lockdowns: mit den Menschen mit Behinderung in Kontakt zu bleiben. Wie in vielen anderen Unternehmen geht das ausschließlich telefonisch oder per Video. „In solchen regelmäßigen Gesprächen versuchen unsere Angestellten herauszufinden, ob es zu Hause Probleme gibt“, erklärt Michael Druch. Manchmal führe das dazu, dass ein Mitarbeiter in die Notbetreuung muss. Weil zum Beispiel die Angehörigen überlastet sind.

Immer wieder traten einige Corona-Fälle in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung auf, wie Michael Druch weiter informiert. „Seit November können wir dies durch wöchentliche Tests herausfinden. Die meisten infizierten sich jedoch zu Hause.“ Schnelltests und Mund-Nasen-Schutz seien deshalb gut geeignete Mittel, um Infektionen frühzeitig zu erkennen. Dabei mussten Personal und Besucher schon im vergangenen Frühjahr medizinische Masken tragen, was das Personal bis heute belastet. Genauso wie die geltenden Schutzverordnungen, die sich alle paar Wochen ändern: „Da müssen wir ständig umdenken. Ein Ende ist nicht absehbar. Für alle Beschäftigten ist dies eine enorme Herausforderung.“

Corona-Krise birgt auch Chancen

Aber die Pandemie hat nicht nur negative Folgen für die Werkstatt. Die DRK-Angestellten arbeiten jetzt flexibler von zu Hause aus. Ebenso die Menschen mit Behinderung haben neue Fähigkeiten durch die Notlage gelernt und sind in bestimmten Situationen selbstständiger geworden. Viele Werkstattmitarbeiter leben allerdings beispielsweise in Wohnstätten des Lebenshilfe-Verbandes, der sich um geistig behinderte Menschen kümmert. In den Quartieren werden sie ganztägig betreut. „Das ist für die Kollegen dort natürlich eine zusätzlich Belastung.“

Weiterführende Artikel

Corona: "Wir Behinderten werden vergessen"

Corona: "Wir Behinderten werden vergessen"

Seit vier Monaten kann der Dresdner Paul Funke seine Werkstatt nicht besuchen. Damit fehlen ihm die wichtigsten sozialen Kontakte. Ist das eine Nebensache?

Alle Sachsen sind gefragt: Werden Sie diskriminiert?

Alle Sachsen sind gefragt: Werden Sie diskriminiert?

Eine Umfrage ermittelt, wer in Sachsen diskriminiert wird. Klar ist: Neben Religion, Herkunft und Sexualität führen Armut, Alter, Krankheit und Gewicht dazu.

Marlies Pooch ist dabei in den vergangenen Monaten ebenso gut durch die Krise gekommen. „Ich habe keine Angst vor dem Virus. Ich desinfiziere zu Hause regelmäßig alle Türklinken und wasche mindestens dreimal am Tag meine Hände.“ Sie wünscht sich aber, dass die Läden bald wieder öffnen. Und sie freut sich darauf, wenn sie wieder arbeiten und ihre Freunde treffen darf. Ihr Ehemann ist ihr in der belastenden Situation eine große Stütze. „Wenn er nach Hause kommt, geht für mich die Sonne auf.“

Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Meißen