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Ein schlimmer Finger

Trotz Hausverbotes wollte ein Meißner über eine frisch betonierte Treppe laufen. Doch vor Gericht steht ein anderer.

Der Angeklagte hatte gerade ein Treppe frisch betoniert, als ein Mann auftauchte. Ob und was danach geschah, darüber gehen die Aussagen weit auseinander.
Der Angeklagte hatte gerade ein Treppe frisch betoniert, als ein Mann auftauchte. Ob und was danach geschah, darüber gehen die Aussagen weit auseinander. © Jan Woitas/dpa-Zentralbild

Meißen. Im weißen Hemd, mit Schlips und in Begleitung eines Anwaltes sitzt der 59-Jährige vor dem Meißner Amtsgericht. Er soll einen 55-Jährigen bei einer Auseinandersetzung schwer am Finger verletzt haben. Dieser soll sich einen knöchernen Strecksehnenriss zugezogen haben, musste operiert werden.

Die Sache hat von Anfang an einen faden Beigeschmack. Denn obwohl der angeblich so schwer Verletzte große Schmerzen gehabt haben will, suchte er erst viele Tage später einen Arzt auf. Das Verhältnis zwischen dem Angeklagten und dem Geschädigten ist schon seit langer Zeit gespannt. Immer wieder tauche der Mann auf dem Hof des Mehrfamilienhauses in Meißen auf, das dem Angeklagten gehört. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen mit dem Mann und einer Mieterin. Und immer wieder endet sie auf die gleiche Art und Weise: Die Frau ruft die Polizei. 

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Inzwischen ist es dem 59-Jährigen zu bunt geworden. Er hat dem Mann Hausverbot erteilt. Das kümmert ihn überhaupt nicht. Auch an jenem Septembertag vorigen Jahres ist er wieder da, will Einkäufe ins Haus bringen, die er für die Mieterin besorgt hat. Das geht aber gerade nicht. Denn der Hauseigentümer hat die Treppe betoniert, sie ist noch feucht, darf nicht betreten werden. 

Er bietet an, dass der Mann die Taschen abstellt und er sie später der Mieterin übergibt. Doch der denkt gar nicht daran. Stattdessen versucht er, sich an dem Mann vorbeizuzwängen und auf die Treppe zu gelangen. Der hält ihn auf, breitet die Arme aus, es kommt zum Gerangel. „Er wollte mich prügeln, deutete an, mich boxen zu wollen. Ich habe angemessen reagiert, es ist nichts passiert“, sagt der Angeklagte. Danach habe der Mann den Hof verlassen mit den Worten: „Das war´s noch nicht, du hörst noch von mir.“

Der vorgeblich Geschädigte erzählt eine ganz andere Geschichte, gibt allerdings zu, dass er das Hausverbot missachtet hatte, auf die frisch gemachte Treppe wollte. „Ich wollte ihn rüberschieben, da hat er mich an den Fingern gegriffen und es hat geknirscht“, sagt er. Von dem Angeklagten sei er zu Boden gedrückt worden und habe höllische Schmerzen gehabt. „Ich wollte mir das Leben nehmen, so groß waren die Schmerzen“, sagt er. Der Finger bleibe krumm, er könne nur noch einen „Pinzettengriff“ machen, sagt er. Polizei und Notarzt seien da gewesen, er sei ins Krankenhaus nach Radebeul gekommen, behauptet er. 

Doch einen Krankenwagen oder Polizei hat außer ihm niemand gesehen. „Er ist ganz normal weggegangen. Niemand hat auf dem Boden gelegen, niemand hat geweint, niemand hat geschrien“, sagt die Frau des Angeklagten. Nachweislich war der erst acht Tage nach der Tat beim Arzt, zur Erstbehandlung, wie der Arzt protokolliert hat. Laut ärztlichem Bericht seien auch keine Folgeschäden zu erwarten. Der Mann dagegen hatte behauptet, er sei zu 80 Prozent behindert, seit der Tat wegen des schlimmen Fingers nun zu 100 Prozent. Tatsächlich ist er allerdings wegen einer psychischen Erkrankung behindert.

Richter und Staatsanwältin haben genug gehört. Wenn es bei der Rangelei überhaupt eine Verletzung gegeben haben sollte, so wäre das eine Notwehrsituation gewesen, so Richter Michael Falk. Viel wahrscheinlicher sei aber, dass sich der Zeuge an dem Finger zu einem ganz anderen Zeitpunkt und in einer anderen Situation verletzt habe. Er spricht den Mann frei.

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