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Eine unheilvolle Mischung

Eine Frau baut mehrere Unfälle. Mit "Filmriss" will sie im "Blindflug" von Radebeul nach Moritzburg unterwegs gewesen sein.

Von Jürgen Müller
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Dieser Medikament nahm die Angeklagte ein und trank dazu noch Alkohol, der die Wirkung der Tabletten extrem verstärkt. .
Dieser Medikament nahm die Angeklagte ein und trank dazu noch Alkohol, der die Wirkung der Tabletten extrem verstärkt. . © Claudia Hübschmann

Meißen. Das war eine regelrechte Kamikaze-Fahrt, welche die 50-Jährige da an jenem Oktobertag vorigen Jahres in Moritzburg hinlegte. Auf der Schlossallee kam sie mit ihrem Auto nach rechts von der Fahrbahn ab, streifte einen geparkten Golf. An diesem entstand ein Schaden von 3.350 Euro.

Die Frau fuhr einfach weiter in Richtung ihres Wohnhauses. Auf dem Hof des Grundstückes krachte sie dann mit ihrem Fahrzeug gegen einen Ford und eine Sichtschutzwand. Auch hier haute sie ab. Die Polizei wird später in dem Auto der Frau eine leere Likörflasche finden. Eine Blutalkoholentnahme ergab einen Wert von 1,77 Promille. Und nicht nur das. Auch Substanzen, die zu Drogen zählen, wurden im Blut festgestellt.

Wegen Gefährdung des Straßenverkehrs und unerlaubtem Verlassen des Unfallortes sitzt die Moritzburgerin nun vor dem Meißner Amtsgericht. Im Grund gibt sie die Taten zu, behauptet aber, einen "Filmriss" gehabt zu haben. Sie sei bei einem Arzt in Radebeul gewesen, zuvor habe sie eine Flasche Likör gekauft. Angeblich für ihre Kollegin, weil die ihn so gerne trinke.

Doch dann nimmt sie selbst einen Schluck, dann noch einen und noch einen. Es ist aber nicht das Einzige, was sie an diesem Tag genommen hat. Auch starke Beruhigungsmittel hat sie geschluckt. Diese hatte ihr ein Psychiater verschrieben. Die Tabletten beeinträchtigen die Fahrtauglichkeit.

Zu den typischen Nebenwirkungen zählen laut Packungsbeilage Müdigkeit und Benommenheit, Bewegungsstörungen und Gangunsicherheit, Muskelschwäche und Übelkeit. Die Wirkung wird vor allem von Alkohol verstärkt. Wer unter Einfluss des Medikaments Bier, Wein oder andere Alkoholika konsumiert, muss damit rechnen, schneller und stärker betrunken zu werden und schlimmstenfalls in einen lebensbedrohlichen Zustand zu geraten, wird gewarnt.

"In geistiger Starre"

An die Fahrt könne sie sich kaum noch erinnern. "Ich bin wie im Blindflug von Radebeul nach Moritzburg gefahren", sagt sie. Ob sie während der Fahrt Likör getrunken hat, will sie nicht mehr wissen. "Wenn die Flasche leer war, muss es wohl so gewesen sein", räumt sie ein.

Etwas Erinnerung hat sie dann aber doch. Sie habe bei dem ersten Unfall gedacht, sie sei gegen eine Bordsteinkante gefahren, sagt die Frau. Nach dem zweiten Crash habe sie "in geistiger Starre im Auto gesessen". Eine Nachbarin habe sie herausgeholt und mit in die Wohnung genommen.

Seit der Trennung von ihrem Mann leide sie unter psychischen Problemen, hatte allerdings auch schon Jahre zuvor Depressionen, so die Selbstständige.

Die Staatsanwältin nimmt ihr die Geschichte mit dem "Blindflug" nicht ab. Sie sei eine lange Strecke gefahren, auf der viel Verkehr herrschte. Vor dem Unfall sei sie nirgendwo kollidiert. "Das ist abenteuerlich, was Sie uns hier erzählen", so die Staatsanwältin. Es wäre eher wohl so gewesen, dass sie den Likör erst zu Hause ausgetrunken und danach den "Filmriss" bekommen habe.

Das spräche sogar für die Angeklagte. Demnach habe es einen "Nachtrunk" gegeben, die Frau sei also nicht mit 1,77 Promille gefahren, sondern mit deutlich weniger Alkohol im Blut. Wie hoch der Alkoholwert während der Fahrt war, sei so nicht mit Sicherheit festzustellen.

Fahrt hätte ganz anders enden können

"Ihnen war bewusst, dass sie die Fahrt nicht hätten antreten dürfen. Ihre psychischen Probleme sind kein Rechtfertigungsgrund. Diese Fahrt hätte auch ganz anders ausgehen können", wo die Staatsanwältin, die darauf hinweist, dass die Medikamente in die Betäubungsmittelkategorie fallen.

Das Gericht verurteilt die Angeklagte zu einer Geldstrafe von 4.500 Euro. Die Fahrerlaubnis wird entzogen, der Führerschein, der bereits am Unfalltag vor elf Monaten sichergestellt wurde, wird eingezogen. Frühestens nach weiteren drei Monaten kann sie eine neue Fahrerlaubnis beantragen. Diese wird sie aber wohl nicht ohne Weiteres erhalten. Und die Frau erwarten wohl noch weitere Konsequenzen. Die Versicherung, welche die Schäden vorerst reguliert hat, wird sie nach diesem Urteil sicher in Regress nehmen. Denn bei Unfällen unter Alkoholeinfluss zahlen Versicherungen in aller Regel nicht.