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Honeckers Volvo und der Privatdetektiv

Der Chef der Volkssolidarität Elbtalkreis setzt auf ein mögliches Mitglied einen Spitzel an. Das könnte ihn teuer zu stehen kommen.

Mit einem solchen DDR-Regierungs-Volvo, nimmt ein Rechtsstreit zwischen der Volkssolidarität Elbtalkreis und einem Autohauschef vor dem Landgericht in Dresden seinen Lauf.
Mit einem solchen DDR-Regierungs-Volvo, nimmt ein Rechtsstreit zwischen der Volkssolidarität Elbtalkreis und einem Autohauschef vor dem Landgericht in Dresden seinen Lauf. © kairospress

Elbland. Alles beginnt mit einer Herrenpartie. Der Geschäftsführer eines im Elbtal ansässigen Autohauses Georg Wolf (Name geändert) wird im Frühjahr 2018 von einem Mitglied des deutschen Hochadels zu einer Oldtimer-Rallye als Beifahrer eingeladen. Organisiert hat die Ausfahrt die Volkssolidarität Elbtalkreis mit Sitz in Radebeul, deren Vereinschef eine Vorliebe speziell für Autos mit DDR-Vergangenheit pflegt. Privat besitzt Frank Stritzke einen Volvo aus dem Fuhrpark des Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker (SED).

Drei Jahre später, Ende April 2021, um die Mittagszeit, sitzen sich Stritzke und Georg Wolf bei einer Gerichtsverhandlung am Landgericht Dresden gegenüber. Es geht um einen Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung. 21.000 Euro werden vom Autohauschef als finanzielle Entschädigung verlangt.

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Spannung liegt in der Luft. Der Autohaus-Geschäftsführer war - eigenen Angaben zufolge berufsbedingt - von der Oldtimer-Rallye begeistert. Nach der Ausfahrt im Frühling 2018 entwickelte sich im Zuge der Herrenpartie zudem eine Beziehungsgeschichte. Im Spätsommer 2018 stellte Unternehmer Wolf einen Antrag auf Mitgliedschaft im Verein Volkssolidarität Elbtalkreis. Er habe gern an weiteren Rallyes teilnehmen und die Interessengemeinschaft Zeitreise-Oldtimer innerhalb der Volkssolidarität unterstützen wollen, sagt er vor Gericht aus. Der Weitergabe seiner Daten habe er nicht zugestimmt.

Von der Trapo zur Stasi

Bei Frank Stritzke läuten beim Eingang des Eintrittsgesuches die Alarmglocken. Er sei vom Bundesverband angehalten worden, künftige Mitglieder auf eine strafrechtlich relevante Vergangenheit zu prüfen, sagt der Volkssolidaritätschef-Chef in einem Telefongespräch mit der SZ. Da ihm entsprechende Hinweise zu dem in der Region bekannten Kandidaten vorgelegen hätten, habe er - mit Unterschrift von zwei ehrenamtlichen Vereinsmitgliedern - die Detektei Alldek Saxonia von Lutz Peschel mit Nachforschungen beauftragt, ungeachtet dessen, dass er diese Angaben eigentlich nicht hätte verbreiten dürfen.

Das Institut Alldek Saxonia ist nicht unbekannt. Peschel soll in der DDR für die Staatssicherheit gearbeitet haben. Stritzke selbst war SZ-Informationen zufolge vor 1990 bei der Transportpolizei der DDR tätig. Autohaus-Chef Wolf erfährt nebenbei von dem Auftrag, ihn bespitzeln zu lassen. "Für mich war das ein Schock", sagt er. Das hat einen guten Grund. Die Familie des Autohändlers hätte erheblich unter dem SED-Regime gelitten, so sagt er. Als Kleinkind sei der Unternehmer mit seinen Eltern aus der DDR geflohen. Nach der Wende sind sein Vater und er - allerdings wohl nicht ganz ohne Unregelmäßigkeiten - wieder geschäftlich im Osten, in Sachsen und vor allem im Landkreis Meißen tätig geworden.

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Vor Gericht in Dresden wird all dies detailreich ausgebreitet und besprochen. Richter Ernst Brandt schlägt zuweilen die Hände über dem Kopf zusammen. Speziell, wenn er aus den Berichten der Alldek Saxonia zitiert. Eine solche Wortwahl habe er das letzte Mal vor 20 Jahren erleben müssen, sagt der Richter. Es geht um "Zielpersonen" und "Dossiers". Der Jargon erinnere doch stark an die damalige Stasi-Wortwahl.

In den nächsten Wochen haben die Parteien Zeit, weitere Argumente vorzubringen. Frühestens Ende Mai soll ein Urteil fallen in der Sache "Honeckers Volvo und der Privatdetektiv".

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