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Lommatzscher Unternehmer nach Tschechien entführt?

Drei jungen Männern werden am Landgericht Dresden schwere Straftaten vorgeworfen. Einer lieferte sich auch eine Verfolgungsjagd mit der Polizei.

Die Verfolgungsjagd mit der Polizei endete mit einem Unfall auf der Kleinen Kirchgasse in Döbeln. Der Täter wurde festgenommen. Jetzt sitzt er in Dresden vor Gericht.
Die Verfolgungsjagd mit der Polizei endete mit einem Unfall auf der Kleinen Kirchgasse in Döbeln. Der Täter wurde festgenommen. Jetzt sitzt er in Dresden vor Gericht. © Dietmar Thomas

Dresden/Lommatzsch. Das Städtchen Lommatzsch gilt als ruhig und beschaulich. Böse Zungen behaupten, dass um 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, ehe sich dort Fuchs und Hase Gute Nacht sagen. Kriminalität, schwere Verbrechen gar, gibt's doch dort nicht. Wohl doch. Jedenfalls sitzen seit Dienstag drei junge Männer vor dem Dresdner Landgericht. Nötigung, gefährliche Körperverletzung, schwerer Raub, schwere räuberische Erpressung und Freiheitsberaubung werden den heute 23, 22 und 31 Jahre alten Männern vorgeworfen. Verhandelt wird vor der Jugendkammer, weil zwei der Angeklagten zur Tatzeit noch keine 21 Jahre alt waren. Wobei das in einem Fall noch unklar ist.

Im beschaulichen Lommatzsch soll sich auf der Königsstraße ein schweres Verbrechen ereignet haben. Die mutmaßlichen Täter sitzen seit Dienstag vor dem Dresdner Landgericht.
Im beschaulichen Lommatzsch soll sich auf der Königsstraße ein schweres Verbrechen ereignet haben. Die mutmaßlichen Täter sitzen seit Dienstag vor dem Dresdner Landgericht. © Gerhard Schlechte

Die drei Angeklagten Sch., W. und F., die aus Käbschütztal und Freiberg stammen, sollen am 20. November 2018 an einer Wohnungstür in der Königstraße geklingelt und nach dem Öffnen den Inhaber geschlagen sowie mehrere Gegenstände gefordert haben. Sch. soll den Mann mit der Faust gegen den Kehlkopf geschlagen und gewürgt, F. ihm mit einer Axt gedroht haben. Sie durchsuchten die Wohnung, stahlen Geld, ein Handy, Auto- und Wohnungsschlüssel. Die Täter zwangen laut Anklage den Wohnungsinhaber, einen selbstständigen Unternehmer, mit seinem Fahrzeug Einrichtungsgegenstände wie ein Sofa in die Wohnung von Sch. zu fahren.

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Zudem forderten sie eine Drohne im Wert von 800 Euro, die der eingeschüchterte Geschädigte übergab. Die drei Angeklagten sollen ihm angedroht haben, mit ihm nach Tschechien zu fahren, ihn dort auszusetzen und sein Auto zu verkaufen. Tatsächlich sollen zwei von ihnen mit dem Mann ins Nachbarland gefahren sein, überlegten es sich aber anders und kamen zurück. Unter einer Todesdrohung musste der Mann versprechen, dass er keine Anzeige erstattet. Nachdem er dies versichert hatte, ließen sie ihn frei.

Eine Axt als "Türstopper"

Der Geschädigte ist der Vermieter eines Mannes, der die Wohnung von Sch. ausgeräumt haben soll, als dieser in Haft saß. Diese Gegenstände habe er sich jetzt mithilfe zweier Freunde zurückholen wollen. Sie trafen aber den mutmaßlichen Dieb nicht an, weil der im Gefängnis sitzt, sondern nur den Vermieter. "Ich wollte meine Möbel holen, habe ihn mit der Faust geschlagen, aber nicht gewürgt", sagt Sch.

Zudem sei er nicht "Herr seiner Sinne" gewesen. Er habe sehr viel getrunken, weil er an jenem Tag Geburtstag hatte. Auch die beiden anderen Angeklagten wollen viel Alkohol getrunken und auch Drogen genommen haben. Kaum nachvollziehbar ist, wie sie unter diesen Umständen Möbel schleppen und in die Wohnung des Sch. transportieren konnten.

Dass der Geschädigte mit einer Axt bedroht wurde, streiten alle drei ab. Vielmehr sei die Axt lediglich als "Türstopper" eingesetzt worden. Auch die Fahrt nach Tschechien sei eine reine Erfindung des Geschädigten. "Ich frage mich, wie er darauf kommt", sagt Sch., während sich W. nicht an eine Fahrt erinnern kann. "Ich war kaputt, habe geschlafen", sagt er. Auch ansonsten leidet er unter Gedächtnisverlust. Er weiß nicht, ob eine Axt im Spiel war und ob Crystal konsumiert wurde.

Auch F. streitet die Fahrt ab. "Der hat wohl zu viele Krimis geguckt", sagt er. Jedenfalls habe er an jenem Abend Crystal genommen.

Dann tritt der Geschädigte in den Zeugenstand. Nachdem er die Wohnungstür geöffnet habe, sei ihm sofort mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden, sagt er. Dann habe man ihm mit der Axt gedroht. "Ich habe mich natürlich sofort ergeben und alles gemacht, was die drei von mir forderten, alles gegeben, was sie wollten", sagt der 35-Jährige. Handy, Tablet und Geldbörse seien ihm abgenommen worden. Später habe er die Gegenstände aber zurückbekommen. "Die haben die Axt benutzt, um mich zu bedrohen", versichert er. Dass sie als "Türstopper" verwendet wurde, daran könne er sich nicht erinnern.

"Ich hatte Todesangst. Im Auto auf der Fahrt nach Tschechien wurde ich mit einem Schraubenzieher bedroht. Ich bin davon ausgegangen, dass sie Axt und Schraubenzieher auch einsetzen werden. Das ganze Martyrium dauerte auch Stunden", sagt der Mann, der als Nebenkläger auftritt.

Die Fahrt nach Tschechien schildert er detailliert. Man sei in Rehefeld über die Grenze gefahren. Er habe den Angeklagten klargemacht, dass sie das Auto nicht verkaufen können, weil der Fahrzeugbrief bei der Bank ist. Zudem ist nachts um drei Uhr eine schlechte Zeit, um ein Auto zu verkaufen. Daraufhin seien sie wieder umgekehrt.

Wieder zu Hause sei er zu seiner Mutter nach Meißen gefahren. Die drängt ihn, trotz der Todesandrohung, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Er macht dies schließlich, allerdings erst zwei Tage später.

Mit 140 durch die Ortschaft

Dem Angeklagten F. wird noch eine weitere schwere Straftat zur Last gelegt. Er soll am 17. Juli vorigen Jahres einem 75-jährigen Mann in Nossen das Auto geraubt haben. Der Mann saß in seinem Honda und wartete auf seine Ehefrau, als sich der Angeklagte auf den Beifahrersitz setzte und den Fahrer aufforderte "Fahren Sie los!". Dabei soll er ihm mit einem Messer mit einer knapp 20 Zentimeter langen Klinge gedroht haben. Als der Mann den Fahrzeugschlüssel abziehen wollte, schlug er ihm auf die Hand. Der Rentner stieg aus, der Angeklagte fuhr mit dem Honda samt Geldbörse mit Ausweispapieren, Fahrzeugschein und Schlüsseln davon.

Zur Suche des Flüchtigen wurde auch ein Polizeihubschrauber eingesetzt. Innerhalb von Ortschaften fuhr der Angeklagte zeitweise mit 141 Kilometern pro Stunde, nahe Mahlitzsch sogar mit fast 240 Sachen. Trotz Verfolgung durch die Polizei mit Blaulicht, Signalhorn und Aufforderung zum Stopp hielt er nicht an. Der Mann fuhr nahezu ungebremst über eine rote Baustellenampel. Mit knapp 90 Kilometern pro Stunde kam er in Döbeln nach rechts von der Straße ab, das Auto blieb stehen. Hier konnte der Freiberger festgenommen werden. Er hatte keine Fahrerlaubnis, dafür aber 1,56 Promille Alkohol und auch Rauschgift im Blut.

21. Geburtstag in der Tatnacht

Der geschädigte Rentner soll nun am kommenden Donnerstag als Zeuge gehört werden. Insgesamt hat die Jugendkammer vier Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil soll es am 28. Oktober geben. Dabei geht es auch um die spannende Frage, ob Sch. nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Grenzfall. Denn in der Tatnacht wurde er 21 Jahre alt, ab dann gilt kein Jugendstrafrecht mehr. Deshalb betont er immer wieder, dass die Taten vor Mitternacht geschehen seien. Sollte es aber tatsächlich eine Fahrt nach Tschechien gegeben haben, war er dann schon 21 Jahre alt.

Der Unterschied beim Strafmaß wäre beträchtlich. Allein für schweren Raub droht ihm nach Erwachsenenstrafrecht eine Mindeststrafe von fünf Jahren. Wird Jugendstrafrecht angewendet, gilt ein Strafmaß zwischen sechs Monaten und höchstens fünf Jahren. Hier könnte also sogar eine Bewährungsstrafe herauskommen.

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