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Mehr als nur ein Schlüsselproblem

Schusseligkeit bringt einen 20-jährigen Radebeuler vor Gericht. Für seinen kurzzeitigen Arbeitgeber hätte sein Verhalten richtig teuer werden können.

Mit dem Schlüssel hatte der Angeklagte Zutritt zu großen Teilen einer Klinik.
Mit dem Schlüssel hatte der Angeklagte Zutritt zu großen Teilen einer Klinik. © Symbolfoto: dpa-tmn

Meißen/Radebeul. Der angeklagte Radebeuler spricht leise, nuschelt, bringt kaum vollständige Sätze zustande. Immer und immer wieder müssen Richterin und Staatsanwältin nachfragen. Der Auftritt vor Gericht ist dem jungen Mann sichtlich unangenehm. Dabei hätte er ihn sich ersparen können. Wenn er nur nicht so schusselig wäre.

Richtig unangenehm hätte die Tat für seinen Kurzzeit-Arbeitgeber werden können, eine Tochterfirma der Elblandkliniken. Im Auftrag dieser Firma führte der Mann Reinigungsarbeiten aus. Doch nicht lange. Gerade mal einen Monat hält er durch. "Psychisch Kranke haben mich ständig vollgequatscht, das ist mir zu viel geworden", sagt er. 

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Nach seiner Kündigung kurz vor Weihnachten vorigen Jahres wird er aufgefordert, einen Schlüssel, den Spindschlüssel und den Chip für die Zeiterfassung zurückzugeben. Doch er denkt nicht dran. "Ich hatte das Zeug verbummelt", sagt er. Und rührt sich nicht. 

Erst jetzt, fast zehn Monate später, will er die Schlüssel und den Chip zufällig bei Renovierungsarbeiten wiedergefunden haben. In die Firma traut er sich immer noch nicht. "Es war mir unangenehm", begründet er das. Nun wird es richtig unangenehm für ihn. Wegen Unterschlagung sitzt er vor Gericht. Seine ehemalige Firma hatte ihn angezeigt.

Nirgends hält er es lange aus

"Mit dem Schlüssel hatte er großen Zugang zu dem Haus und zu vielen Bereichen der Klinik", sagt die Geschäftsführerin der Firma. Normalerweise hätte das gesamte Schließsystem gewechselt werden müssen. Das kostet richtig Geld. Die Firma verzichtet darauf, weist den Sicherheitsdienst an, darauf achtzugeben, ob der Angeklagte auftaucht und dann zu handeln. Doch er taucht nicht auf. "Wir haben ihn mehrfach angeschrieben und auch gemahnt. Dann lagen die Schlüssel plötzlich bei uns im Briefkasten", so die Firmenchefin.

Der Angeklagte hat nicht nur ein Schlüsselproblem, er hat auch ein Problem mit Arbeit. Nach der Förderschule erlernte er keinen Beruf, schlug sich mit Praktika durch. Sollte den Hauptschulabschluss nachmachen, was er aber auch nicht durchhielt. Auch in einer anderen Firma, in der er Supermarktregale auffüllte, blieb er nicht lange. Die Arbeit sei zu schwer für ihn gewesen. 

Geld vom Jobcenter bekommt er nach eigenen Angaben nicht, auch kein Arbeitslosengeld II. Das sei ihm gestrichen worden. Der 20-Jährige lässt sich von seiner Mutter aushalten. "Er ist völlig unselbständig, in allem abhängig von seiner Mutter", bestätigt auch die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe.

Die Schonzeit ist bald vorbei

Und er hat ein Drogenproblem. Das wird deutlich, als er am Neujahrstag 2019 von der Polizei kontrolliert und einen Joint dabei hat. Eine äußerst geringe Menge zwar, dennoch ist das eine Straftat. Und so wird ihm auch vorgeworfen, als Heranwachsender Drogen besessen zu haben. Er habe ab und zu mal Drogen genommen, sagt er. Inzwischen sei sein Drogenkonsum "eindeutig besser" geworden. Früher habe er täglich so zwischen 20 und 30 Gramm Cannabis gebraucht.

Die Sache mit den Schlüsseln sei eine Nachlässigkeit gewesen, auf die nicht mit aller Härte des Gesetzes reagiert werden müsse, sagt Staatsanwältin Yvonne Birke. Und auch wegen des Joints müsse es kein Urteil geben. Das Gericht stellt das Verfahren gegen eine Auflage ein. 

Der junge Mann muss sich dreimal bei der Kompetenzagentur melden. Doch die Staatsanwältin macht ihm auch klar, dass es mit der Schonzeit bald vorbei ist. "Im Mai nächsten Jahres werden sie 21 Jahre alt, dann gilt das Erwachsenenstrafrecht. Und als Erwachsener hätten Sie heute eine Geldstrafe bekommen, die sich gewaschen hat", macht sie ihm deutlich.

Immerhin kümmert er sich jetzt um Arbeit, hat ein Vorstellungsgespräch bei einem Postdienstleister. Der war der einzige, der auf seine Bewerbungen überhaupt reagiert hat. Morgens zeitig aufstehen und bei Wind und Wetter Post austragen? Man darf gespannt sein, wie lange er diesmal durchhält. 

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