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Meißen will seine Alleen zurück

In den nächsten zehn Jahren sollen Tausende Straßenbäume gepflanzt werden. Doch so einfach wie der Plan klingt, ist er nicht.

Alleen sind rar geworden im Meißner Land. Auch die Miltitzer Straße wird nur noch auf einem kleinen Stück beidseitig von Bäumen gesäumt.
Alleen sind rar geworden im Meißner Land. Auch die Miltitzer Straße wird nur noch auf einem kleinen Stück beidseitig von Bäumen gesäumt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Der Einstieg macht wehmütig. Einst habe der Landkreis Meißen über einen großen Alleenbestand verfügt. Von diesem seien heute nur noch geringe und verstreut liegende Teile übrig. Ausgeräumte Agrarfluren prägten große Bereiche des Landschaftsbildes. Das schreibt Magister Franziska Renner in ihrem fast 200 Seiten umfassenden Alleenkonzept, welches jetzt teilweise im Ratsinformationssystem des Kreises veröffentlicht wurde.

Exakte Zahlen liefert zudem eine Kleine Anfrage des damaligen grünen Landtagsabgeordneten Wolfram Günther. Dieser ist zu entnehmen, dass im Zeitraum 2010 bis 2018 im Landkreis Meißen an Bundesstraßen 1.402, an Staatsstraßen 3.460 und 172 Bäume an Alleen gefällt wurden. Im gleichen Zeitraum wurden im Landkreis Meißen jedoch nur 786 Bäume an Bundesstraßen, 427 Bäume an Staatsstraßen und 71 Alleebäume nachgepflanzt. Rechnet man diese Zahlen mit der Bilanz an Kreisstraßen zusammen, sind in den letzten zehn Jahren circa 10.000 Straßenbäume im Landkreis ersatzlos verschwunden.

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Zusammenhängendes System schaffen

Ziel der Arbeit von Franziska Renner ist es, einen Plan zu liefern, mit dem der Straßenbaumbestand in der Region in den nächsten zehn Jahren zielgerichtet erweitert wird, sodass erneut ein zusammenhängendes Geflecht von Alleen beziehungsweise Baumreihen entsteht. Räumliche Schwerpunkte sollen die linkselbischen Täler sowie die Lommatzscher und Großenhainer Pflege bilden.

Nach Angaben der Pressestelle des Landratsamtes wird das Vorhaben mit dem Landesamt für Straßenbau und Verkehr in Bezug auf Staats- und Bundesstraßen koordiniert. Bereits für die Jahre 2019 und 2020 habe der Kreistag jeweils zusätzlich 100.000 Euro für Baumpflanzungen zur Verfügung gestellt, die im laufenden Haushalt 2021 und 2022 ebenfalls enthalten sind. "Damit konnte erreicht werden, dass im letzten Jahr mehr Bäume an Kreisstraßen gepflanzt wurden, als gefällt werden mussten", schreibt Sprecherin Anja Schmiedgen-Pietsch.

Zusätzliche Flächen sind schwer zu bekommen

Bei der praktischen Umsetzung des Planes ergeben sich dem Landratsamt zufolge allerdings verschiedene Hürden. Aus Gründen der Sicherheit müssten an klassifizierten Straßen zum Teil sehr große Abstände zur Fahrbahn eingehalten werden. Dadurch werde bei Neupflanzungen und großen Lückenbepflanzungen zusätzlicher Grunderwerb erforderlich, der schwer umsetzbar ist. Landwirte sind oft nicht bereit, Teile ihrer rar gewordenen Flächen abzugeben. Gute Lösungen gebe es im Rahmen von Flurneuordnungsverfahren.

Ein weiteres Problem, besonders in den letzten Jahren, ist ein erhöhter Aufwand für die Pflege, vor allem der jungen Bäume, unter anderem durch lange anhaltende Trockenheit. Dadurch verteuern sich solche Vorhaben erheblich und es können mit den zur Verfügung stehenden Mitteln weniger Bäume gepflanzt werden. Hinzu kommt, dass Bäume durch die angrenzende landwirtschaftliche Nutzung, durch maschinelle Grasmahd und Vandalismus gefährdet werden.

Deutlich mehr Erfahrungen im Umgang mit Alleen liegen nach Angaben der Behörde derzeit in Brandenburg vor. Auch aus diesen Erfahrungen heraus wurden die ersten Schritte im Landkreis Meißen gegangen. Ein weiterer Austausch besteht mit dem Landkreis Bautzen und im Rahmen einer losen Arbeitsgruppe mit praktischen Erfahrungsträgern aus dem Freistaat, zum Beispiel dem Landesamt für Umwelt und Geologie. Da es sich um ein sehr komplexes Thema handelt, wäre künftig ein gemeinsames Agieren der Fachministerien aus Sicht des Meißner Landratsamtes sehr hilfreich.

Bäume und Sträucher in Förderung integrieren

Kritik nicht an dem Konzept selbst, sondern am späten Zeitpunkt seiner Erarbeitung und Umsetzung kommt im Kreis von Bündnisgrünen und SPD. So schreibt Kreisrätin Eva Öhmichen (Grüne) in einer Mitteilung: "Wir sind weit davon entfernt, den Trend der verschwundenen Straßenbäume umzukehren und unserer Kulturlandschaft wieder ihr Gesicht zu geben." Neben der konsequenten Weiterführung des jetzt angeschobenen Programms auch in den nächsten Haushaltsjahren, brauche es vor allem ein kluges und konsequentes Reagieren bei künftigen Straßenbaumfällungen. Dort wo dies nötig sei, müsse sofort nachgepflanzt werden. Bäume und Sträucher dürften bei der Agrarförderung nicht mehr aus den landwirtschaftlichen Nutzflächen herausfallen.

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Neben dem behördlichen Alleenkonzept gibt es im Landkreis bereits seit vielen Jahren private Initiativen, wie etwa den Kulturkreis Scharfenberg um Leo Lippold, die aus privaten Mitteln oder Spenden selbstständig Straßenbäume pflanzen.

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