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Mit versteckter Kamera auf rechten Konzerten

Hakenkreuze, Hitlergrüße und verbotene Texte. Eine acht Jahre alte Doku gibt seltene Einblicke in eine sehr aktive Szene.

Landtagsabgeordneter Frank Richter im Gespräch mit Peter Ohlendorf über seinen Film 'Blut muss fließen'.
Landtagsabgeordneter Frank Richter im Gespräch mit Peter Ohlendorf über seinen Film 'Blut muss fließen'. © Claudia Hübschmann

Meißen. Vor dem Filmpalast Meißen steht ein Streifenwagen – obwohl ein acht Jahre alter Film gezeigt wird und der angereiste Regisseur auch nicht sonderlich bekannt ist. Alles zum Schutz des Publikums, erklärt SPD-Landtagsabgeordneter Frank Richter, der den Abend organisiert hat. Denn der gezeigte Dokumentarfilm beleuchtet eine Szene, die zuvor wenig Beachtung in Politik und Medien bekam und gerne unter dem Radar geblieben wäre.

Der Film zeigt eine Parallelwelt, in der man sich mit Hitler-Gruß begrüßt, mit einem Plastik-Becher Bier in der Hand 'Lass die Messer flutschen in den Judenleib!' grölt und Hakenkreuz-Tattoos zur Kleiderordnung gehören. Am Eingang werden verbotene CDs und Klamotten mit verfassungsfeindlichen Symbolen verkauft. Immer wieder sind Polizisten auf den Veranstaltungen zu sehen, die aber nicht eingreifen und Politiker, die das Verhalten damit rechtfertigen, dass es für die Beamten schwierig sei, zwischen Kunst und Straftaten zu unterscheiden. Die Szenen, aufgenommen mit versteckter Knopfloch-Kamera, hält Regisseur Peter Ohlendorf für so knüppelhart, dass er den Film nur unter Aufsicht zeigt, vor allem um anschließend darüber zu diskutieren.

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Mit Konzerten wie in Mücka, Bautzen und Wurzen spielt schließlich der größte Teil des Films in Sachsen. In Mücka begleitet der Undercover-Journalist Thomas Kuban gleich drei Konzerte, bis die Polizei das erste Mal ihr Einschreiten androht. Die Clubbesitzerin stoppt darauf hin die verbotenen Lieder und schaltet auf fröhliche Diskomusik um. Die kahlköpfige Truppe, die zuvor mit gereckter Faust menschenverachtende Parolen gebrüllt hat, tanzt nach dem Musikwechsel auf einmal eine ausgelassene Polonaise.

Doch nach neun Jahren Film-Tour durch Deutschland möchte sich der 68-jährige Regisseur nicht auf Bundesländer als Hotspots, sondern auf Regionen konzentrieren: "Die gibt es ganz genauso in NRW, zum Beispiel in Dortmund mit einem sehr problematischen Stadtviertel, dann haben wir das Allgäu und nicht weit entfernt den Zollernalb-Kreis." 

Sein Film habe Probleme aufgezeigt, damit sich allerdings etwas ändert, komme es darauf an, dass die Verwaltung vor Ort, die Polizei und die Zivilgesellschaft aufmerksam und aktiv vorgeht. "Wir können das packen, schließlich habe ich Deutschland durch die Film-Tour auch von einer Engagement-Seite kennengelernt, die mich sehr bewegt hat und meinen Optimismus füttert."

Neonazis trauen sich immer mehr

In der anschließenden Gesprächsrunde mit dem 20-köpfigen Publikum ist der Gesprächsbedarf entsprechend groß - wenn sogar aus Jesus auf solchen Konzerten ein "Judenschwein" gemacht wird. Vor allem interessiert die Meißner, ob Ohlendorf den Film aufgrund des Einflusses der AfD heute anders aufgezogen hätte. Doch der Regisseur ist sich sicher, dass Neonazi-Rock-Konzerte nach wie vor sehr wichtig für die Identität der Szene seien - um sich zu verabreden und organisieren: "Allerdings würden wir uns heute die Frage stellen, ob die Kontakte des Höcke-Flügels bis in die Konzert-Szene hinein reichen."

Denn eigentlich wollte der verdeckte Rechercheur Thomas Kuban nach über zehnjähriger Arbeit mit diesem Film den Schlussstrich ziehen. Allerdings hätte sich in Thüringen die Zahl solcher Konzerte verdoppelt - und das unter einer rot-rot-grünen Regierung: "Nachdem wir gemerkt haben, dass die Konzerte in Thüringen wieder aus dem Ruder laufen, ist Thomas Kuban noch mal auf ein Konzert in Südthüringen. Damit haben wir leider auch den Beweis, dass sich überhaupt nichts geändert hat", berichtet Ohlendorf, dessen Erfahrungen sich mit Erhebungen der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus decken, die auch von einer kontinuierlichen Zunahme extrem rechter Liederabende berichtet. 

"Wir sehen außerdem, dass sich die Neonazi-Szene immer mehr nach draußen traut und sich der Öffentlichkeit als ganz normale Familienväter geben", so Ohlendorf. Frank Richter, dem der Film sichtlich nahe gegangen ist, wirft dann noch die Frage in den Raum, ob es nicht auch andersherum sein könnte und es normale Familienväter sind, die sich auf den Konzerten als Rechtsradikale geben.

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