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Meißen: Flaschen voller Zigarettenstummel

Eine Dresdner Initiative sammelte im Elbland Kippen. Das ist mittlerweile preisverdächtig.​ ​

Initiator Alexander Kempe (rechts) sammelte mit der Aktion "Pinke Hände" Zigarettenstummel aus der Meißner Altstadt. Sie werden in Flaschen abgefüllt.
Initiator Alexander Kempe (rechts) sammelte mit der Aktion "Pinke Hände" Zigarettenstummel aus der Meißner Altstadt. Sie werden in Flaschen abgefüllt. © Claudia Hübschmann

Besonders häufig klemmen sie in der Meißner Altstadt zwischen den Pflastersteinen: Sorglos weggeschnippte Zigarettenstummel. Wer einmal aufmerksam durch die Straßen läuft und nach ihnen Ausschau hält, wird sie bald überall entdecken. Das bestätigt auch der kleine pinke Bilderrahmen der Initiative „Pinke Hände“, der auf eben diesen Pflastersteinen steht: „80 Prozent aller gerauchten Zigaretten werden achtlos weggeschmissen“, ist darauf zu lesen.

Genau dagegen will der Verein aus Dresden, der am Montag auf Besuch in Meißen war, etwas unternehmen: Alexander Kempe ist der Initiator der Initiative und hat die Meißner dazu aufgerufen, sich Einwegflaschen zu schnappen, nach Kippen zu suchen, diese in die Flaschen zu stopfen und dann am Stand der „Pinken Hände“ zu übergeben. Vor dem Heinrichsbrunnen stehen schon einige prall gefüllte Plastikflaschen, ein aus fünf Flaschen zusammengebauter Zigarettenhomunkulus, Aufsteller und Plakate. Immer wieder bleiben Passanten stehen, das Ordnungsamt, das die Aktion hier genehmigt hat, kommt vorbei und lobt und ein älterer Meißner berichtet: „Die Touristen schmeißen ihre Kippen in den Mülleimer, aber die Meißner selbst, werfen sie einfach auf die Straße.“

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Doch um wirklich viele Zigarettenkippen ärmer ist Meißen heute leider nicht geworden: Bisher ist nur eine Literflasche voll. Die hat Jakob Funken von der Linksjugend Meißen aufgesammelt. Natürlich mit pinken Mehrfachhandschuhen: „Ich war am Elberadweg auf beiden Seiten und in der Altstadt und hatte in knapp zwei Stunden die Flasche voll“, sagt der 17-jährige Schüler des Franziskaneums. Seine Sammlung schätzt er auf 100 bis 150 Stummel: „Besonders viele liegen an den Bushaltestellen“, sagt er, „und das, obwohl es dort Mülleimer gibt.“ Obwohl er am Montag lange Unterricht hat und gerade noch an einer Facharbeit schreibt, wollte er mithelfen: „In Meißen gibt es viel zu wenige Aktionen wie diese und da wollte ich dabei sein.“

Eigentlich sollte sie viel größer werden, denn das Medien- und Forschungsschiff Aldebaran sollte auf seiner Elbe-Expedition für saubere Gewässer auch am Yachthafen in Meißen anlegen. Die Crew aus Wissenschaftlern der TU Dresden und Umweltinitiativen wollte die Kippen in Empfang nehmen, gemeinsam mit den Sammlern dokumentieren und dann mit dieser Botschaft weiter die Elbe bis Cuxhaven entlang reisen: „Leider ist mit dem Transport des Forschungsschiffes etwas schiefgelaufen“, sagt Alexander Kempe, „für ein bestimmtes Stück benötigte es Polizeischutz, der kurzfristig nicht umgesetzt wurde.“ Insgesamt will die Aldebaran, nach den Startschwierigkeiten, 720 Kilometer durch sechs Bundesländer fahren und steuert 18 Häfen an, wo jeweils neue Zigarettenkippen an Bord gebracht werden.

Für die Pinken Hände, die es seit August 2019 gibt, ist es das erste überregionale Projekt. Sie wollen das Problem der Umweltverschmutzung durch die unscheinbaren Zigarettenstummel sichtbarer machen und Raucher sensibilisieren ihren Sondermüll fachgerecht zu entsorgen. Die Filter bestehen aus Cellulose-Acetat und stehen im Verdacht, das am häufigsten weggeworfene Abfallprodukt weltweit zu sein. Von 4,5 Billionen Filtern jährlich ist die Rede, die so in die Umwelt gelangen. Bei Aufräumaktionen in Städten und an Küstengewässern machen sie 30 bis 40 Prozent des Abfalls aus.

Zur Initiative um Alexander Kempe, der in Dresden psychologische Beratung studiert und im Altenheim arbeitet, gehören acht bis zehn Mitstreiter. Bei den Sammelaktionen sind meist zwischen zehn und 20 Helfer dabei. Angefangen hat alles mit Frustmüllsammeln, erzählt der 26-Jährige: „Eine Freundin von mir hatte sich von ihrem Freund getrennt und wollte sich so ablenken.“ Daraus entstand erst eine Müllsammelgruppe, die bei der großen Fridays for Future-Demo in Dresden vor zwei Jahren mit dabei war, um den Müll der Teilnehmer einzusammeln: „Dabei fiel uns auf, dass es vor allem Kippen waren, die rumlagen.“ Inzwischen haben die pinken Hände allein in Dresden rund 400.000 Kippen gesammelt, die bei Alexander Kempe im Keller auf extra gebauten Regalen in Flaschen lagern. Dafür wird die Initiative vielleicht bald belohnt, denn sie ist für den Deutschen Engagementpreis 2021 vorgeschlagen.

Das Kreisumweltamt kann zum Thema Verschmutzung durch Zigarettenkippen wenig Auskunft erteilen: „Für viele Bürgerinnen und Bürger sind Zigarettenkippen vorrangig ein ästhetisches Problem. Die Folgen für Grundwasser, Boden und Kleinstlebewesen sind wenigen bewusst.“ Wer seine Kippen achtlos wegwirft, statt sie in Abfallbehältern zu entsorgen, handelt regelmäßig ordnungswidrig, so das Kreisumweltamt.

Diesen Sonntag ruft die Linksjugend Riesa ebenfalls zum Kippensammeln auf. Treffpunkt ist die Jahnabrücke neben dem Bootshaus in Riesa. Los geht es 13.30 Uhr. Ein Schreiben mit Ideen zum Stopp der Kippenflut hat die Linksjugend diese Woche bereits im Riesaer Rathaus abgegeben.

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