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„Sie sind Mama, Sie schaffen das“

Diese Antwort ihres Kita-Trägers macht eine Familie aus Sörnewitz wütend. Für sie ist die Absage zur Notbetreuung ihrer Kinder nicht nachvollziehbar.

In ihrem Haus in Sörnewitz verbringen sie gerade viel Zeit. Nicole Schubert mit ihren zwei ältesten Kindern, Fanny und Karl.
In ihrem Haus in Sörnewitz verbringen sie gerade viel Zeit. Nicole Schubert mit ihren zwei ältesten Kindern, Fanny und Karl. © Norbert Millauer

Von Beate Erler

Im Wohnzimmer sitzen Karl und Fanny mit ihren Eltern Nicole und Stefan Schubert. Sie spielen Mau-Mau und wollen dabei eigentlich gar nicht gestört werden. Die anderen beiden Söhne schlafen: Sie sind erst zwei und ein Jahr jung. Unter Nicole Schuberts grauem Pulli wölbt sich ein Bauch: „Ich bin im achten Monat schwanger mit meinem Bauchzwerg“, sagt sie. So ordentlich und ruhig wie gerade ist es in letzter Zeit selten in dem kleinen Häuschen am Wasserwerk in Sörnewitz.

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Erst vergangene Woche hat die junge Familie einen Antrag auf Notbetreuung für drei ihrer Kinder gestellt. Karl ist sechs Jahre alt und geht in die erste Klasse an die Grundschule Brockwitz. Die fünfjährige Fanny und der zweijährige Sohn in die Coswiger Kita Knirpsenland. Seit Dezember ist Nicole Schubert die meiste Zeit allein mit vier Kindern zu Hause: „Es ist praktisch unmöglich, alles unter einen Hut zu kriegen“, sagt die 29-jährige Mutter, „ich habe oft ein schlechtes Gewissen, weil ich es nicht schaffe, jedem Kind gerecht zu werden.“

Ihr Mann arbeitet als Fachpfleger auf der Intensivstation in einem Dresdner Klinikum im Dreischichtsystem: „Es ist für uns sehr anstrengend und wir wissen nicht, wie lange wir das so noch schaffen“, sagt Stefan Schubert. Während des ersten Lockdowns im März letztes Jahr waren alle drei Kinder zur Notbetreuung in der Kita. Deshalb hatte die Familie Hoffnung, dass es auch diesmal wieder klappt. Doch wenige Tage später kam dann die Ablehnung von der Kita-Leitung und dem Träger, JuCo Soziale Arbeit gGmbH in Coswig. Sie sind Mama, Sie schaffen das schon, hieß es.

“Laut Kreisjugendamt waren zum Stichtag 6. Januar insgesamt 3.083 Kinder im Landkreis Meißen in der Notbetreuung. Das entspricht einer Auslastung von zirka 35 Prozent. In der Stadt Coswig waren es zu diesem Zeitpunkt insgesamt 221 Kinder. „Wir haben bisher sehr viele Anfragen zur Notbetreuung über die Kitas gehabt und sofern die Voraussetzungen eindeutig erfüllt sind, wird die Notbetreuung auch immer gewährleistet“, sagt die Pressesprecherin der Stadt Coswig, Ulrike Tranberg. Es sei vom Land gerade nicht gewollt, dass die Regelungen großzügig ausgelegt werden, so die Pressesprecherin.

Nicole und Stefan Schubert sind enttäuscht über die fehlende Unterstützung für eine junge Familie: „Überall heißt es, dass die Notbetreuung abgesichert ist, aber unsere persönliche Lage wird hier nicht berücksichtigt.“ Von ihrem Frauenarzt hat sie ein Beschäftigungsverbot bekommen, der einjährige Sohn fordert ihre ganze Aufmerksamkeit, der Zweijährige lernt gerade laufen und macht nur Unsinn, sagen die Eltern. Die fünfjährige Fanny beschäftigt sich gut allein, aber da ist noch der Unterricht zu Hause für den Erstklässler Karl: „Ich brauche allein für die Schulaufgaben etwa zwei bis drei Stunden pro Tag und kann unter diesen Bedingungen die Betreuung aller vier Kinder nicht gewährleisten“, sagt die Sporttherapeutin.

In der Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung ist der Lockdown für Schulen und Kitas aktuell bis zum 7. Februar beschlossen. Das Angebot zur Notbetreuung in Grundschulen und Kitas steht nur Eltern mit systemrelevanten Berufen zur Verfügung. Als Fachpfleger gehört Stefan Schubert zu den Berufen der Gesundheitsversorgung und Pflege und ist dadurch an der Betreuung seiner Kinder gehindert, wie es im Gesetzestext heißt.

Doch nur wenn die Betreuung durch den anderen Elternteil auch nicht gewährleistet ist, besteht ein Anspruch: „In diesem Fall scheint das nicht zutreffend zu sein, denn aus einer Schwangerschaft allein entwickelt sich kein automatischer Anspruch auf Notbetreuung“, erklärt die Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Sächsischen Staatsministerium, Susann Meerheim. Anders verhalte es sich, wenn zum Beispiel medizinische Gründe und ein ärztliches Attest vorliegen, dass eine Betreuung durch die schwangere Mutter nicht möglich ist, sagt sie.

Auch Nadine Eichhorn vom Landeselternrat Sachsen sagt: „So leid es mir für diese Familie auch tut, aber rein aus der Verordnung heraus besteht hier kein Anrecht auf die Notbetreuung.“ Die Kita-Leitung habe die Entscheidung so begründet: Die Familie habe aus menschlicher Sicht einen Anspruch auf Betreuung, aber sie müssten sich an die Gesetzte halten. Da Nicole Schubert zu Hause ist, kann sie sich um die Betreuung ihrer Kinder kümmern. Für Stefan Schubert klingt das ein bisschen nach einer Ausrede, sagt er. Die Kitas sollen ihre Entscheidung doch für jeden Einzelfall treffen.

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Am meisten Sorge haben sie vor einer Verlängerung des Lockdowns: „Wenn das Baby dann da ist, weiß ich nicht, wie ich das ohne Notbetreuung machen soll“, sagt Nicole Schubert. Bis dahin hält sie zu Hause die Stellung und versucht, ihrem Sohn neue Buchstaben und den Zahlenstrahl beizubringen, während die Kinder im Zimmer nebenan ein Topfkonzert veranstalten.

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