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Stadtentwicklung in der Nassau

Die SEEG krempelt ein ganzes Quartier um – und setzt dabei auf ein Pilotprojekt.

Noch weist nur ein Baustellenschild darauf hin, dass dieses Mehrfamilienhaus, das am Albert-Mücke-Ring entsteht, ein ganz besonderes ist.
Noch weist nur ein Baustellenschild darauf hin, dass dieses Mehrfamilienhaus, das am Albert-Mücke-Ring entsteht, ein ganz besonderes ist. © Claudia Hübschmann

Meißen. An diesem Mittwoch sollte das Richtfest stattfinden. Mit ministeriellem Besuch aus Dresden. Die Pandemie hat diese Pläne über den Haufen geworfen. Bauherrin Birgit Richter hätte gern die Gelegenheit genutzt, um sich bei allen Bauleuten, Planern und Handwerkern zu bedanken – nicht nur, weil das Richtfest schon einmal verschoben werden musste. Schließlich handelt es sich hier am Albert-Mücke-Ring um ein ganz besonderes Projekt, in einem besonderen Quartier.

Von der Niederauer Straße sind die zwei viergeschossigen Neubauten bereits gut erkennbar, welche die Stadtentwicklungs- und -erneuerungsgesellschaft (SEEG) errichtet. 2017 und 2018 war mit den Planungen begonnen und 2019 der erste Grundstein gelegt worden. Jeweils 20 Wohnungen entstehen in den neuen Mehrfamilienhäusern. Die meisten davon sind Vier-Raum-Wohnungen. Solche Mietwohnungen sind derzeit am meisten gefragt.

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Beim Innenausbau in einem der beiden Wohnhäuser ist vieles anders. Das Haus wird in besonderer Weise ausgerüstet – es soll energieautark werden. Damit meinen Fachleute die weitestgehende Selbstversorgung mit Energie. Das erfolgt über ein ausgeklügeltes System für das Mehrfamilienhaus, das mit Erdwärme und Sonnenenergie seinen Bedarf an Wärme zu 100 Prozent und zu 75 Prozent bei Strom deckt.

Strom wird aufbewahrt

Zur energetischen Selbstversorgung durch Fußbodenheizung und Warmwasseraufbereitung kommt das Lüften hinzu, bei dem in den einzelnen Wohnungen über 80 Prozent der entweichenden Wärme zurückgewonnen werden. Darüber hinaus kann der durch die Solarmodule auf dem Dach erzeugte Strom im Haus am Albert-Mücke-Ring 14 „aufbewahrt“ werden. Dazu wurden Stromspeicher mit einer Gesamtleistung von 150 Kilowattstunden installiert – „die größte Anlage dieser Art in Meißen“, wie die SEEG-Chefin anmerkt.

Birgit Richter kommt ins Schwärmen, wenn sie über dieses Projekt spricht. Sie erwähnt auch Unwägbarkeiten, denen sich Pilotprojekte ausgesetzt sehen. Die Abstimmung und elektronische Steuerung der Systeme sind da ebenso im Blick zu behalten wie deren Wartung. Und: Die innovative Energieversorgung, die auf fossile Energieträger verzichtet, verlangt auch ein bestimmtes „Nutzungsverhalten der Mieter“, wie Birgit Richter sagt. Das beginnt beim Lüften.

Auch deshalb soll über ein Monitoring genau beobachtet und analysiert werden, wie sich Verbrauch, Aufwand und Nutzen entwickeln. Wie die SEEG-Chefin hinzufügt, haben sich bereits viele Interessenten und Großvermieter in Meißen angemeldet, um sich in der Nassau selbst ein Bild davon zu machen, wie ein Mehrfamilienhaus energieautark gebaut und betrieben werden kann.

Insgesamt vier Millionen Euro investiert die SEEG in dieses Bauvorhaben. Den Extra-Zuschuss in Höhe von 200.000 Euro, mit dem der Freistaat Sachsen sich an diesem Projekt beteiligt, soll dafür verwendet werden, die Kaltmiete gering zu halten. Für die Mieter kalkuliert die SEEG mit durchschnittlich 7,65 Euro für den Quadratmeter. Da das Haus seine Energie überwiegend selbst erzeugt, zahlen die Mieter eine Energiepauschale statt monatlicher Beiträge für Strom und Wärme, erläutert Birgit Richter.

Nur ein Baustein

Im Wohngebiet am Albert-Mücke-Ring ist das Pilotprojekt aber nur ein Baustein – es soll dazu beitragen, dem Quartier ein neues Antlitz zu verleihen. Für die zu DDR-Zeiten heiß begehrten und nach der Wende ungeliebten Wohnblocks waren auch schon Abrisspläne diskutiert worden. Angesichts eines Wohnungsleerstandes von 30 Prozent erschien dies manchem Entscheider in der Stadt als eine Option.

Andererseits bietet die Lage am Stadtrand aber in der Nähe zu Einkaufs- und sozialen Einrichtungen wie Krankenhaus und Kitas Potenziale für eine Entwicklung des Quartiers. Als gelernte Architektin und Stadtplanerin hat Birgit Richter erheblichen Anteil daran, dass ein Quartierskonzept ausgearbeitet wurde. Gemeinsam mit Architekten, Bauplanern, Bau- und Handwerksbetriebes wird es nun Schritt für Schritt umgesetzt.

Es sieht auch die zum Teil bereits abgeschlossene Sanierung der vorhandenen Häuser samt barrierefreier Erschließung vor und den Bau einer kleinen Reihenhaussiedlung, für die in diesem Sommer der Grundstein gelegt wurde. Im nächsten Herbst sollen die ersten Familien als Mieter einziehen. Insgesamt 21 Millionen Euro investiert die SEEG Meißen am Albert-Mücke-Ring. Die Nachfrage nach den neu entstehenden Wohnungen nicht nur im energieautarken Haus, die ab Februar bezugsfertig sein sollen, spricht für das Konzept.

Angebote für Studenten und junge Familien

Für das zweite Mehrfamilienhaus hat die Verwaltungshochschule Meißen bereits Interesse bekundet. Hier können Studenten einziehen und in Wohngemeinschaften leben, wenn das Haus ebenfalls im nächsten Jahr fertig ist. Letztlich sind auch Maßnahmen zur Neugestaltung von Grünanlagen und Spielflächen vorgesehen – damit sich Menschen verschiedener Genrationen hier wohlfühlen. Und das Quartier soll für sich und Meißen werben. Ein Giebel der neuen Wohnblocks wird dafür eine besondere Gestaltung erhalten. Mehr will Birgit Richter aber noch nicht verraten. Der erwartete Zuzug in das Quartier dürfte auch für die Kita „Nassaumücken“ mit neuen Perspektiven verbunden sein.

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Auch darauf hätte Birgit Richter an diesem Mittwoch hingewiesen, beim Richtfest am Albert-Mücke-Ring 14. Natürlich wird das nachgeholt, schon der guten Tradition wegen. Dann können sich die Gäste und Besucher selbst ein Bild davon machen, was es heißt, in einem energieautarken Haus zu leben.

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