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Viel Lärm um und viel Geld für (fast) nichts

Eine kaum sichtbarer Schaden bringt einer Werkstatt eine goldene Nase und einen Rentner vor Gericht.

Wie Sie sehen, sehen Sie (fast) nichts. Diese kleinen Kratzer brachten einen Rentner aus Coswig vor Gericht.
Wie Sie sehen, sehen Sie (fast) nichts. Diese kleinen Kratzer brachten einen Rentner aus Coswig vor Gericht. © Polizei

Meißen/Coswig. Früher hieß eine Stoßstange mal Stoßstange, weil sie dafür da war, kleine Anstöße abzufangen. Deshalb war sie stabil und aus Metall. Heute ist eine Stoßstange eher ein Stilelement und aus dünnem Kunststoff hergestellt. Schon bei kleineren Anstößen bricht sie, muss ausgewechselt werden. Dies scheint Methode zu sein, bringt das doch den Werkstätten viel Geld.

Diese Erfahrung musste nun auch ein Rentner aus Coswig machen. Ein winziger Anstoß beim Rückwärts-Ausparken wurde nicht nur unglaublich teuer, sondern brachte ihn sogar vor Gericht. Es droht gar, dass er seinen Führerschein verliert. Und das wegen ein paar winziger Kratzer. Doch die Staatsanwaltschaft wirft dem 68-Jährigen Fahrerflucht vor.

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Es herrscht viel Betrieb an jenem späten Julinachmittag auf dem Parkplatz eines Coswiger Einkaufszentrums. Der Rentner hatte große Mühe beim Ausparken, weil immer wieder Fußgänger ohne Rücksicht den Weg queren. Dann gelingt es ihm doch, sein Fahrzeug aus der engen Parklücke zu bugsieren. Dabei merkt er einen winzigen Bumms, wie er sagt. Er steigt aus, schaut an seinem Fahrzeug nach, kann nichts finden. Auch das andere Fahrzeug, an das er vermeintlich gestoßen ist, hat augenscheinlich keine Schäden. Glück gehabt, dass nichts passiert ist, denkt er sich. Immerhin sollen auch heutige Stoßstangen Anstöße bis zu fünf Kilometern pro Stunde wegstecken, behaupten die Hersteller.

Für Laien kein Schaden erkennbar

Für ihn hat sich die Sache erledigt, er ist überrascht, als kurz darauf die Polizei bei ihm auftaucht. Denn eine Verkäuferin, die gerade eine Zigarettenpause machte, hat das Manöver beobachtet. Sie weiß, dass das andere Auto einer Kollegin gehört, informiert diese. Beide Frauen schauen sich das Auto an. "Für uns als Laien war kein Schaden zu erkennen", sagt die Zeugin. Sie sei davon überzeugt gewesen, dass der Angeklagte den Anstoß nicht bemerkt habe, sagt sie. Er sei ganz ruhig und ohne Hektik weggefahren. "Das war keine Flucht", so die Zeugin.

Dennoch rufen die Frauen die Polizei. Die erkennt winzige Kratzer auf der unlackierten Stoßstange, die von dem Anstoß stammen könnten. Die Crux an der Sache. Das Auto, das erst wenige Monate alt ist, ist ein Leasingfahrzeug. "Ansonsten hätten wir die Polizei nicht geholt, sondern die Sache anders geklärt", sagt die Besitzerin des Fahrzeuges. Allerdings dürfte ein solch geringer, kaum wahrnehmbarer Schaden bei der Rückgabe des Leasingfahrzeuges als Gebrauchsspur durchgehen.

Auch die Besitzerin des Fahrzeuges dürfte von der Werkstattrechnung überrascht gewesen sein. Berechnet wurden 1.270 Euro. Die gesamte Stoßstange wurde ausgetauscht, auch die darauf befestigte dicke Chromleiste, die überhaupt nicht beschädigt wurde, taucht auf der Rechnung auf, ebenso wie Hohlraumversieglung und Verbringung des Fahrzeuges. Darüber wundert sich auch der Richter. Immerhin war das Auto fahrtauglich, musste auch nicht in eine Lackiererei gebracht werden. Die Stoßstange ist unlackiert, Lackierkosten tauchen auf der Rechnung nicht auf. Da hat sich wohl jemand eine goldene Nase verdient.

Kosten passen nicht zum Kratzer

Objektiv sei ein sehr viel geringerer Schaden entstanden, als die Rechnung aufweist, befindet Richter Michael Falk. Kratzer und Kosten passten nicht zusammen, so der Richter. Er hatte den von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafbefehl von zehn Tagessätzen zu je 33 Euro, also insgesamt 333 Euro, nicht erlassen, nachdem er auf den Fotos in der Akte die angeblichen "Schäden" gesehen hatte, wollte sich in der Verhandlung ein Bild machen. Das ist nun geschehen, und danach stellt das Gericht das Verfahren wegen geringer Schuld gegen eine Geldauflage von 100 Euro ein.

Für den Rentner wird es dennoch teuer. Zwar hat seine Versicherung die Rechnung bezahlt, er wird aber nun in der Haftpflichtversicherung deutlich höher eingestuft. Da der Mann, der bislang keinerlei Verkehrsverstöße begangen hat und auch sonst nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, nicht verurteilt wurde, kommt er auch um die zwei Punkte in Flensburg herum und muss nicht um seinen Führerschein fürchten.

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