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West-Verwandtschaft stoppt Sportkarriere

Vincent Walter vom Meißner St. Afra-Gymnasium schrieb über seine Mutter und beteiligte sich am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Mit Erfolg.

Afraner Vincent Walter in der Bibliothek des Meißner Landesgymnasiums mit seiner Arbeit über seine Mutter, die KJS und die Stasi.
Afraner Vincent Walter in der Bibliothek des Meißner Landesgymnasiums mit seiner Arbeit über seine Mutter, die KJS und die Stasi. © Claudia Hübschmann

Meißen. Sport und Politik sind bis heute eng verflochten. Das zeigte sich erst jüngst, als es um die Beleuchtung der Münchner Allianz-Arena in Regenbogenfarben während des Fußballspiels gegen Ungarn ging. Politik mischt sich in den Sport ein, nationalpolitische Förder-Entscheidungen legen die Grundlagen für sportliche Erfolge, zum Beispiel bei Olympischen Spielen.

In der DDR hatte diese Verquickung allerdings eine viel größere Brisanz. Die Ex-Sportlerin und Schriftstellerin Ines Geipel berichtet in ihren Büchern "No Limit - wie viel Doping verträgt die Gesellschaft?", "Staatsplan Sieg", "Umkämpfte Zone - Mein Bruder, der Osten und der Hass" oder "Generation Mauer" aus eigener Erfahrung darüber. Vincent Walters Mutter Claudia (46) erlebte ein ähnliches Schicksal. Ihre Zeit an der Kinder- und Jugendsportschule (KJS) Oberhof war nach zwei Jahren schon beendet. Das Ministerium für Staatssicherheit fällte die Entscheidung, dass ihre Sportkarriere viel zu früh zu Ende ging - und ein großer Traum der damals 15-Jährigen zerplatzte.

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Schüler der Kinder- und Jugendsportschule Dresden in der Jugendherberge Valtenberghaus Neukirch im Januar 1976.
Schüler der Kinder- und Jugendsportschule Dresden in der Jugendherberge Valtenberghaus Neukirch im Januar 1976. © Werner Mohn/Archiv

Ein Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ist der Anlass, dass der Neuntklässler Vincent Walter in die Abgründe dieses DDR-Verfassungsbruchs hinabschaut. Denn die Verfassung garantierte eigentlich allen Bürgern gleiche Entwicklungschancen. "Bewegte Zeiten. Sport macht Gesellschaft" nennt sich dieser 27. Wettbewerb, auf den der Afra-Schüler aus Dresden durch seinen Tutor Jakob Polak aufmerksam gemacht wird. "Du hast doch die Geschichte deiner Mutter an der Kinder- und Jugendsportschule Oberhof", legt dieser Vincent nahe. "Setz dich mit dem System des Leistungssports in der DDR auseinander." Der Afraner folgt dem Rat und versetzt sich zurück in die letzten Jahre der Ostrepublik, als seine Mutter so alt war wie er heute.

"Ich wusste schon ein bisschen was von meinem Großvater, der im Wartburgkreis, wo meine Mutter groß geworden ist, eine Funktion beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund FDGB innehatte", erzählt Vincent. Der Opa, ein früherer Radrennsportler, sei nicht sehr systemkritisch gewesen. So kam Mutter Claudia, die mit sieben Jahren mit Skilanglauf begonnen hatte, an die KJS. Obwohl man Westverwandtschaft hatte - die ganze Familie wohnte drüben, erzählt Vincent Walter.

Bei einem unerwarteten Besuch eines Verwandten im Herbst 1988 flog die angebliche Verletzung der Linientreue auf. "Im Westauto ist mein Opa mit zum Bahnhof gefahren, das hat jemand gesehen und ihn verpfiffen", erzählt Vincent Walter. Auch seine Mutter bekam das zu spüren: Wegen angeblicher sportmedizinischer Gründe flog sie von der Sportschule und musste auch aus dem Oberhofer Internat ausziehen. Die dürre Begründung schlechter Trainingsleistungen wirkte wenig glaubwürdig, hatten ihr die Trainer doch immer wieder bestätigt, auf welch hohem Niveau ihre Ergebnisse waren. Die junge Sportlerin sollte sogar in den neuen Kader des Frauenbiathlons aufgenommen werden.

"Ich kann mir diese Entscheidung nicht richtig vorstellen, obwohl sie sportlich so erfolgreich war", ist der Afraner nachdenklich. Wie sehr das Ministerium für Staatssicherheit vor allem in den letzten 20 Jahren der DDR in Sportlerkarrieren eingriff, macht ihn betroffen. Er kann sich gut hineinfühlen, wie es seiner Mutter damals gegangen sein muss. "Auch ich lebe ja hier in Meißen seit zwei Jahren im Internat, das macht großen Spaß, wir sind eine gute Gemeinschaft", sagt Vincent Walter. Das aufgeben zu müssen, würde ihn wirklich sehr traurig machen.

Europameisterin Grit Breuer (M.) gründete 1999 eine Sprint- und Laufschule bei ihrem Verein SC Magdeburg. Die Talentschmiede orientiert sich am Training zu Zeiten der Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) in der DDR.
Europameisterin Grit Breuer (M.) gründete 1999 eine Sprint- und Laufschule bei ihrem Verein SC Magdeburg. Die Talentschmiede orientiert sich am Training zu Zeiten der Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) in der DDR. © Kostenfrei

Für seine Recherche zum Wettbewerb stellt Mutter Claudia extra den Antrag auf Akteneinsicht bei der Stasiunterlagenbehörde. "Die war leider nicht so ergiebig, weil meine Mutter zur Wende noch jung war", erklärt der Afraner. Deshalb schiebt er einen Forschungsantrag bei der Außenstelle Suhl hinterher. Dort lagern noch viele Dokumente zur Kinder- und Jugendsportschule Oberhof. Durch die Corona-Beschränkungen muss der Dresdner die Akten telefonisch anfordern, kann weder nach Oberhof noch zu seinen Großeltern für die Recherche fahren. "Ursprünglich wollte ich eigentlich Filminterviews aufnehmen", erzählt Vincent.

Besonders viel Mühe gibt sich der 15-Jährige deshalb mit genauen Quellenangaben und beim exakten Zitieren. "Meine persönliche Meinung habe ich weitgehend rausgelassen, denn es sollte ja eine objektive Analyse werden." Dennoch hat er sich viel mit seiner Mutter, die heute in Dresden als Psychologin arbeitet, unterhalten. "Sie erzählte mir, wie sie an der KJS vor allem Selbstdisziplin lernte. Und wie die Internatsschüler gemeinsam kochten." Diese positiven Erinnerungen kann der Afraner durch seinen Alltag gut nachvollziehen.

Die Ski-Arena in Oberhof. Hier befand sich früher die Kinder- und Jugendsportschule für Wintersport, die auch die Mutter von Vincent Walter von 1987 bis 1989 besuchte.
Die Ski-Arena in Oberhof. Hier befand sich früher die Kinder- und Jugendsportschule für Wintersport, die auch die Mutter von Vincent Walter von 1987 bis 1989 besuchte. © Robert Michael

Sehr ausführlich beschäftigt er sich mit den legalen und illegalen Wirkfaktoren für den sportlichen Erfolg in der DDR. "Gut und legal waren wohl das einheitliche Sichtungs- und Auswahlsystem und die technischen Voraussetzungen an den Kaderschmieden, zu denen die KJS gehörten", zitiert Vincent aus seiner Wettbewerbsarbeit. Illegal war natürlich die ganze Dopinggeschichte. Der Sport hatte viel mehr als heute ideologische und gesellschaftliche Ziele zu erfüllen, meint Vincent. "Die Spartakiaden waren darauf angelegt, möglichst viele Spitzensportler hervorzubringen." Allerdings sei die allgemeine sportliche Betätigung dadurch ausgeprägter gewesen, findet Vincent. "Heute gibt es, glaube ich, viel mehr übergewichtige Jugendliche."

Vincent Walters Arbeit ist nun einer von 1.349 Beiträgen zum Geschichtswettbewerb. Der Afraner ist damit einer von 181 Schülern aus Sachsen, die sich beteiligten und sich mit politischer Instrumentalisierung des Sports auseinandersetzten. Und er gehört zu den Gewinnern. 245 Landessiege und 250 Förderpreise hat die veranstaltende Körber-Stiftung ausgewiesen. Am 23. September werden die Preisträger aus Sachsen im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig ausgezeichnet. Als Landessieger hat Vincent Walter zudem die Chance, einen von 50 Bundespreisen zu erringen. Wir drücken die Daumen!

Ines Geipel war selbst Leistungssportlerin in der DDR und ist heute Schriftstellerin und Professorin an der Berliner Schauspielschule. Sie nutzt die eigene Familiengeschichte, um Verwerfungen in der DDR aufzuzeigen. 1989 war sie in den Westen geflohen.
Ines Geipel war selbst Leistungssportlerin in der DDR und ist heute Schriftstellerin und Professorin an der Berliner Schauspielschule. Sie nutzt die eigene Familiengeschichte, um Verwerfungen in der DDR aufzuzeigen. 1989 war sie in den Westen geflohen. © star-media

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