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So detaillierte Einblicke in die Manufaktur wie nie

Der neue Rundgang durch die Produktion der Meißner Porzellanmanufaktur gibt nicht nur spannende Eindrücke, sondern ist ein notwendiger Schritt.

Seit 37 Jahren ist Anett Günther Porzellanmalerin. In der neuen Führung der Manufaktur berichtet sie, warum seitdem keine Langeweile aufgekommen ist.
Seit 37 Jahren ist Anett Günther Porzellanmalerin. In der neuen Führung der Manufaktur berichtet sie, warum seitdem keine Langeweile aufgekommen ist. © Claudia Hübschmann

Meißen. 80 Euro für eine Kaffeetasse? Einer jungen, schnelllebigen Generation sei diese Wertigkeit immer schwieriger zu vermitteln. Für Geschäftsführer Tillmann Blaschke habe das zu einem Umdenken geführt: "Unsere vielen arbeitsintensiven Prozesse lassen sich in einem Verkaufsgespräch gar nicht vermitteln, sondern nur dann, wenn Besucher die Möglichkeit bekommen, sich intensiv mit dem Herstellungsprozess zu beschäftigen."

Bisher war ein Blick hinter die Tore der Manufaktur nur zum Tag der offenen Tür möglich. Ab sofort gehört neben den täglichen Touren durch die Schauwerkstatt auch eine Führung durch die richtigen Produktionsräume der Manufaktur dazu: Dass Meissener Porzellan hauptsächlich aus Kaolin besteht, sei hinlänglich bekannt, erklärt Gästeführerin Heidi Dießner. Doch wer hat die krümelige Masse schon mal angefasst? Die neue zweistündige Tour schließt diese Wissenslücke. Beginnend vor bläulichen Reinigungsbecken der Manufaktur, wo täglich zwei Schubkarren Kaolin frisch aus dem Bergwerk zerrieben und gereinigt werden, um daraus verschiedene Porzellanmassen herzustellen – je nach Endprodukt.

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Angetrieben von einem rhythmischen Klopfen und Zischen treibt es die Besucher weiter, wo aus der weichen Masse zum Beispiel Tassen hergestellt werden. Durch freies Drehen eines sogenannten Hubels, wird die rotierende Negativgipsform eingedreht und mit einem Schwamm an die Gipsformwand angedrückt. Die überflüssige Masse wird mithilfe einer Schablone aus der Form geschnitten.

Trotz Massenfertigung dauert es eine viertel Stunde, bis eine Tasse fertig ist; dazu kommt eine Trocknungszeit von mehreren Monaten. Große Behälter am Rand zeigen, dass dabei schon mal Ausschuss entsteht – wovon 98 Prozent wiederverwendet würden.

Im historischen Buch in der Hand des Ministerpräsidenten ist verzeichnet, in welchem Gang die verschiedenen Formen für Tisch- und Tafelservice zu finden waren. Insgesamt lagern 700.000 Formen im Archiv. Daneben Geschäftsführer Tillmann Blaschke.
Im historischen Buch in der Hand des Ministerpräsidenten ist verzeichnet, in welchem Gang die verschiedenen Formen für Tisch- und Tafelservice zu finden waren. Insgesamt lagern 700.000 Formen im Archiv. Daneben Geschäftsführer Tillmann Blaschke. © Claudia Hübschmann

Daneben die Modellherstellung, wo die Einzelteile der Skulpturen sorgfältig überarbeitet werden. Schließlich gehe es um jedes Detail von Haaren, Fell bis Federn, aber auch bestimmte Körperhaltungen und Bewegungssituationen müssten erhalten werden. Dazu werden die Einzelteile zur ganzen Figur zusammengesetzt, modellgerecht überarbeitet und dann wieder in ausformbare Einzelteile zerschnitten. Alle Details wie Faltenwürfe, Hände und Gesichter so zu modellieren, dass am Ende alle Nähte verschwinden, erfordere akribische Genauigkeit und jahrelange Erfahrung. Dabei muss die Masse immer 16 Prozent größer modelliert werden als geplant, da sie im Ofen schrumpft.

Einer der ersten Besucher und Ehrengast, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), hörte neugierig zu. Schließlich handele es sich bei Meissener Porzellan um ein Aushängeschild Sachsens, sogar einem Stück sächsischer Identität. Zudem machte er Hoffnung, viel Zustimmung zur Bewerbung zum Unesco-Weltkulturerbe vernommen zu haben.

Der Meißner Engel in seinen Einzelteilen.
Der Meißner Engel in seinen Einzelteilen. © Claudia Hübschmann

Warum die Skulpturen am Ende so "preisintensiv" werden, liege an ganz grundlegenden Herausforderungen: "Für jede Skulptur muss erst ein Positiv - ein Tonmodell - entworfen werden. Aus dem Positiv entsteht ein Negativ und daraus das Porzellan selbst." Viel könnte auch digital gemacht werden, aber damit würde die skulpturale Arbeit aufgegeben werden.

Am Ende landete eine zusammengesetzte Skulptur bei Anett Günther, die seit 37 Jahren Manufakturporzellanmalerin ist. Doch von Langeweile bei der Arbeit – keine Spur, dank ihres ganz besonderen Arbeitsplatzes: "Es kommt immer neues auf uns zu, das ist das Schöne an der Figurenmalerei, dass wir nicht immer nur Drachen und Blumen malen, sondern alle Figuren."

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Zum Abschluss der "manufakTour" ging es in die Brennerei, wo jedes Stück Meissener Porzellan auch heute noch "geschwertert" wird. Wenn der Ministerpräsident schon mal zu Besuch war, wurde er gleich angelernt. Seine eigens bemalte Tasse kommt zwar nicht in den Verkauf, sondern in Kretschmers Vitrine.

Michael Kretschmer versucht die berühmten blauen Schwerter auf einen Kaffeebecher aufzumalen. Das Endergebnis kann sich sehen lassen.
Michael Kretschmer versucht die berühmten blauen Schwerter auf einen Kaffeebecher aufzumalen. Das Endergebnis kann sich sehen lassen. © Claudia Hübschmann

Die Erlebniswelt Meißen bietet ab dem 10. September von Montag bis Freitag eine zweistündige Entdeckungstour durch die Produktionsräume der Manufaktur an. Eintritt: 40 Euro (für maximal zehn Personen).

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