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Die Schatzhüterin

Marita Benz hat Generationen von Meißnern begleitet – in der Kita „Hand in Hand“. Nach 44 Jahren verabschiedet sie sich in den Ruhestand.

Abschied nach 44 Jahren: Marita Benz geht als langjährige Leiterin der Kindertagesstätte "Hand in Hand" der Lebenshilfe in den Ruhestand.
Abschied nach 44 Jahren: Marita Benz geht als langjährige Leiterin der Kindertagesstätte "Hand in Hand" der Lebenshilfe in den Ruhestand. © Claudia Hübschmann

Meißen. Immer in der Gabelstraße. Ein ganzes Arbeitsleben lang. 44 Jahre war Marita Benz hier tätig, an ein- und demselben Arbeitsplatz. Die freundliche Frau hat ganze Generationen von kleinen Meißnern begleitet und deren Aufwachsen miterlebt – in der Kita, die seit Übernahme durch die Lebenshilfe im Jahr 1994 den Namen „Hand in Hand“ trägt.

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Hier in der Gabelstraße hat sie am 1. September 1977 als staatlich anerkannte Krippenerzieherin angefangen. Das ist immer noch ihr Traumberuf. Ihre Arbeit ist für sie das Hüten eines Schatzes. „Die Eltern vertrauen uns ihr Wertvollstes an“, beschreibt Marita Benz ihre Berufsauffassung. Das ist eine große Verantwortung – aber auch eine große Freude: „Oft sind wir es, die in der Kindereinrichtung einen Entwicklungsschritt wahrnehmen, ein neues Wort, das ein Kind spricht oder die ersten Schritte“, sagt sie. Und sie erinnert sich daran, wie sie es manchmal selbst kaum erwarten konnte, um den Eltern davon zu berichten.

Als Marita Benz frisch von der Fachschulausbildung in die Kinderkrippe an der Gabelstraße kam, war das eine der modernsten in Meißen. 1972 erbaut, 1973 die erste Belegung als Tages- und Wochenkrippe. „Ich habe so manche Träne getrocknet, mich über fröhliches Kinderlachen und dankbare Eltern gefreut, Schrammen bepustet, Baustein-Türme gebaut, 6-Sitzer geschoben, Schlaflieder gesungen und Unmengen an Windeln gewechselt“, erinnert sie sich. Seit 1987 ist sie hier die Chefin – mit kurzen Unterbrechungen, u.a. wegen der Geburt ihrer eigenen Kinder.

1976 wurde erstmals eine Sondergruppe zur Betreuung von Kindern mit Behinderungen eingerichtet. In Weiterbildungen hat Marita Benz sich auf diese Aufgabe vorbereitet. „Mit der Gründung des Kreisrehabilitationszentrums im Schloss Proschwitz, welches unter der Leitung des Kinderarztes Dr. Jürgen Petersen stand, wurden die Sondergruppen diesem Zentrum als Abteilung Frühförderung angegliedert, berichtet sie.

Der erste Integrationskindergarten

„1992 sollte eine Mitarbeiterin in der Küche eingestellt werden. Wir brauchten sie dringend“, erzählt Marita Benz aus der Nachwendezeit. Die Einstellung war aber nur möglich, wenn ihr Kind, das eine Entwicklungsverzögerung aufwies, betreut werden konnte. Begebenheiten wie diese, gaben den Ausschlag, das Profil der Kita zu schärfen. So entstand das Konzept für den ersten Integrationskindergarten in Meißen.

Hier hat sie Krippenerzieherin angefangen: Marita Banz an ihrem letzten Arbeitstag in der Kita "Hand in Hand".
Hier hat sie Krippenerzieherin angefangen: Marita Banz an ihrem letzten Arbeitstag in der Kita "Hand in Hand". © Claudia Hübschmann

Aufbauend auf den Erfahrungen aus DDR-Zeiten erarbeiteten die Mitarbeiterinnen ein Konzept, um die Betriebserlaubnis für eine Integrationskindertageseinrichtung beantragen zu können. „Uns ging es darum, dass alle Kinder gemeinsam den Alltag in der Kita erleben“, erläutert Marita Benz den neuen, den integrativen Ansatz. Seit die UN-Behindertenkonvention gilt, die von der Bundesrepublik 2009 in nationales Recht umgesetzt wurde, ist dies die Grundlage für die Inklusion – das gleichberechtigte Aufwachsen aller – unabhängig von körperlichen oder kognitiven Einschränkungen.

Den Kindern will sie dabei vor allem als „Ermöglicherin“ gegenübertreten: Sie schafft eine Umgebung, in der sie alle sich entfalten können und in ihrer Persönlichkeit bestärkt werden, erläutert Marita Benz. In vielen Schulungen – oft an Wochenenden – haben sie und ihre Mitarbeiterinnen sich mit neuen Erkenntnissen zur Betreuung und Förderung von Kindern ab der Geburt bis zum Schuleintritt auseinandergesetzt, haben Projekte erarbeitet und deren Umsetzung eingeschätzt.

Grundstein für Empathie und Mitgefühl

„Natürlich fällt es auch kleinen Kindern auf, wenn andere Kinder anders sind, im Rollstuhl sitzen oder sich anders verhalten. Dann fragen sie nach – das andere Kind oder die Erzieherin“, beschreibt Marita Benz ihre Erfahrungen. Sie geben sich mit der Antwort zufrieden – und spielen gemeinsam weiter. Im frühen Kindesalter können Integration und Inklusion den Grundstein für Empathie, Mitgefühl und Solidarität im späteren Leben legen, ist Marita Benz überzeugt.

Unter Kindern ist das Nebeneinander der Kinder mit und ohne Einschränkungen kein Problem. Bei den Eltern ist das manchmal schwieriger. Da galt es nicht nur Vorbehalte, sondern auch Ängste zu überwinden. „Ich habe immer das offene Gespräch gesucht“, sagt Marita Benz: „Viele Befürchtungen der Eltern konnten durch das Erleben, wie unkompliziert ihre eigenen Kinder in der Begegnung mit den ,so anderen Kindern´ umgingen, genommen werden. Heute entscheiden sich die meisten Eltern gerade wegen des inklusiven Konzepts für uns.“

Auch das gehört zu den Erfahrungen, die in der Kita bei einem Modellprojekt zur Inklusion gesammelt wurden. Sie wünscht sich, dass sich weitere Kitas auch im Umland damit beschäftigen. Das könnte dazu beitragen, eingeschränkte Kinder möglichst wohnortnah zu betreuen. Noch immer bringen Fahrdienste Kinder aus dem gesamten Landkreis in die Kita „Hand in Hand“.

Keine große Verabschiedung

Am Mittwoch war ihr letzter Arbeitstag. Mit 63 Jahren will Marita Benz jetzt in den Ruhestand treten. Das hat sie sich reiflich überlegt. Und sie hat ein gutes Gefühl, denn ihre Nachfolgerin Carina Richter ist eine langjährige Kollegin und Mitstreiterin. Die Heilerziehungspflegerin hat viele Jahre an ihrer Seite in der Kita „Hand in Hand“ gearbeitet und sich durch ein berufsbegleitendes Studium für die Leitungsaufgabe qualifiziert. Die 160 Kinder und etwa 30 Kolleginnen weiß sie bei Ihrer Nachfolgerin in guten Händen, sagt Marita Benz. Zum Jahreswechsel hat sie die Leitung der Kita an ihre Nachfolgerin übergeben.

In Zeiten von Pandemie und Notbetreuung gab es natürlich keine „große Verabschiedung“. Ihr Chef, Lebenshilfe-Geschäftsführer Matthias Christoph, sowie Vereinsvorsitzende Ines Mai hatten sich am Nachmittag angesagt, um sich bei Marita Benz für das in den vergangenen 44 Jahren Geleistete zu bedanken. Liebe Worte, kein Händeschütteln, Blumen.

Natürlich wird sie auf ihren Abschied noch einen ausgeben und mit ihren Kolleginnen sowie dem Hausmeister beisammensitzen. Am besten bei einer Party im weitläufigen Außengelände der Kita – wenn das wieder möglich ist.

Marita Benz freut sich auf den Ruhestand: Sie hofft, sich nun endlich um das kleine Gärtchen in Sörnewitz, wo sie seit einigen Jahren wohnt, kümmern zu können, aber auch um ihr Hobby – das Schneidern. Und dass mehr Zeit für Familie, Freunde und zum Lesen bleibt.

Ihrer Kita in der Gabelstraße bleibt sie weiter verbunden: Das jüngste ihrer vier Enkelkinder geht hier in den Kindergarten. Klar, dass Marita Benz immer mal wieder vorbeischauen wird.

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