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Manufaktur Meißen: "Liefern wir verspätet oder gar nicht?"

Corona hat die Porzellanmanufaktur Meißen vor unangenehme Entscheidungen gestellt. Geschäftsführer Tillmann Blaschke hat einen neuen Teamgeist entdeckt.

"Wir haben die Restrukturierung nicht dafür gemeistert, um dann in der Coronazeit nicht mehr weiterzukommen." Der Geschäftsführer der Staatlichen Porzellanmanufaktur im SZ-Interview.
"Wir haben die Restrukturierung nicht dafür gemeistert, um dann in der Coronazeit nicht mehr weiterzukommen." Der Geschäftsführer der Staatlichen Porzellanmanufaktur im SZ-Interview. © meissen®

Herr Blaschke, die Pandemie hat die Manufaktur in einer besonders schweren Phase getroffen: Sie hatten erst 200 Stellen abgebaut und mehrere Geschäfte geschlossen. Wie bewältigt man zwei Krisen gleichzeitig?

Augusto
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Die Reorganisation war Ende Februar 2020 vollzogen – wenige Tage später kam Corona. Das war für uns alle nahezu doppelt schwer: Wir mussten unsere Arbeitsabläufe aufs Neue anpassen, diesmal um den Hygieneanforderungen gerecht zu werden. In einem handwerklichen Beruf ist das viel schwieriger zu adaptieren als in der Industrie.

Wenn wir zum Beispiel eine sehr große Vase fertigen, müssen einfach zwei, drei Mitarbeiter anpacken - das schaffen zwei Hände nicht. Da kam es schon einmal zu Ausnahmesituationen, wo es zum Beispiel schwer war, den Abstand einzuhalten. Für uns war das eine riesen Herausforderung, weil wir abwägen mussten, ob wir verspätet liefern oder eventuell auch gar nicht. Dies haben wir immer sehr sorgfältig geprüft. Manchmal haben wir uns dazu entschlossen die Risikosituation einzugehen und ganz oft auch dagegen entschieden.

Sie haben also lieber Lieferverzüge und Ausfälle in Kauf genommen, anstatt traditionelle Arbeitsschritte auf Maschinen auszulagern?

Es wäre gar nicht möglich gewesen, die Arbeitsschritte in so kurzer Zeit umzustellen. An manchen Stellen haben wir Verzögerungen in Kauf genommen, aber man muss ehrlicherweise sagen: Für einige Kunden war es völlig in Ordnung, wenn wir später geliefert haben. Die Krise hat die gesamte Lieferkette betroffen, weshalb unsere Partner teilweise selbst keine Kunden hatten.

Andere Unternehmen konnten die Krise nutzen, um überfällige Prozesse anzustoßen, sehen Sie sich deshalb von der Krise besonders gebeutelt?

Zuerst einmal haben wir mehr Geschäftsprozesse, als nur die Produktion. Aber wenn es um das Herz des Herstellungsverfahrens geht, haben wir tatsächlich nicht umstellen können. Selbstverständlich haben wir im Rahmen unserer Möglichkeiten versucht Abstände einzuhalten, in anderen Fällen waren wir sehr vorsichtig. Zum Beispiel haben wir schon sehr früh FFP3-Masken zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen eingesetzt. Da bei der Goldmalerei schon immer mit solchen Masken gearbeitet wird, hatten wir sowieso solche verfügbar.

In anderen Bereichen haben wir natürlich auch auf Home-Office gesetzt, Abstände vergrößert und persönliche Konferenzen auf Videokonferenzen umgestellt. Einen Teil unserer Azubis haben wir sogar mit ihren Projekten zu Hause arbeiten lassen, um dort zu malen. Überall, wo es möglich war, haben wir nach kreativen Lösungen gesucht. In dieser Zeit haben wir aber auch feststellt, wie sehr die Manufakturisten zusammenhalten. Es war schön zu sehen, welcher Teamgeist sich bei der Suche nach flexiblen Lösungen zeigte.

Kam dieser Teamgeist von allein zum Vorschein, oder musste Sie diesen erst hervorrufen?

Einen guten Teamgeist gab es hier schon vorher. In den letzten 16 Monaten sind wir noch enger zusammengerückt. Die Manufakturistinnen brennen für die Manufaktur und wollen, dass wir es schaffen. Wir haben die Restrukturierung nicht dafür gemeistert, um dann in der Coronazeit nicht mehr weiterzukommen. Bei den Mitarbeitern gibt es eine richtige "Wir-schaffen-das"-Mentalität. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns darauf ausruhen können. Dieser gute Geist muss weiterhin gepflegt werden.

Auf welche Unternehmensbereiche hat sich das ganz konkret ausgewirkt?

Wir haben gelernt, uns gut zu überlegen, wer wirklich an einer Besprechung teilnehmen muss und ob wir nicht manchmal länger zusammensitzen als nötig. Bei Videokonferenzen suchen wir ja auch meist den kürzesten Weg. Ich glaube, was die ganze Besprechungskultur angeht, werden wir in Zukunft effizienter sein.

Führt das auch zu entscheidungsfreudigerem Handeln?

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Es mag schon zutreffen, dass wir deshalb manchmal zügiger und mutiger entschieden haben: Weil wir nicht noch einmal eine Runde drehen. Aber es ist nicht so, dass sich alles im großen Stil geändert hätte. Ich glaube, es war schon ein Merkmal in der jüngeren Vergangenheit, dass wir sowieso zu schnelleren Entscheidungen und zügigeren Besprechungen übergegangen sind. Die Coronazeit hat das sicher noch einmal beflügelt.

Das Gespräch führte Marvin Graewert.

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