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Was steckt hinter der Meißner Scheißnase?

Was heute wie eine Beschimpfung im Straßenverkehr klingt, war im Mittelalter ein ganz natürliches und übelriechendes Geschäft.

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Wer hätte gedacht, dass das die "Scheißnasen" der Albrechtsburg sind?
Wer hätte gedacht, dass das die "Scheißnasen" der Albrechtsburg sind? © Foto: Frank Höhler

Während wir in unserer privilegierten Welt in beheizten und beleuchteten Bädern auf weißen, blanken Keramikschüsseln mit Spülfunktion unser Geschäft verrichten können, war das im Mittelalter eine recht dunkle und der Jahreszeit entsprechend auch mal eine kalte Angelegenheit.

Die Burgherren ließen an ihren Burgmauern einfach ein paar gut belüftete Außentoiletten, die sogenannten „Scheißnasen“ anbauen. Das verrichtete Geschäft plumpste nach unten durch ein Loch. Natürlich Pech für denjenigen, der gerade des Weges kam oder gerade ein paar frische Waldbeeren am Burgwall naschen wollte. Um die Beseitigung der untenliegenden Überreste kümmerte sich dann die Natur.

In der Albrechtsburg noch Gang und Gäbe?

Um sich selbst mal so eine „Freilichttoilette“ anzuschauen, muss man gar nicht so weit schweifen. Die Albrechtsburg Meissen verfügt nämlich noch über so eine „Scheißnase“. Die liegt 48 Meter über dem Erdboden. Aus dieser luftigen Höhe nimmt das Geschäft eine beachtliche Geschwindigkeit auf. Demnach kann man sich gut vorstellen, welche Granaten den arglosen Wanderer trafen.

Uwe Michel, Schlossleiter, über die "Scheißnasen":

„Die zwei Nasen über dem Rondell sind von 1524. Jacob Heilmann von Schweinfurt, der vom Prager Hradschin bzw. seinem Baumeister Peter Parler inspiriert war, hat uns die Nasen an den Nordturm gesetzt. Die werden heute nicht mehr genutzt. Die Beschwerden der Rundwegnutzer „häuften“ sich doch zu sehr. Klopapier konnte damals natürlich nicht gehortet werden. Anstelle dessen nahm man Blattwerk, nicht so die Soft-Variante, oder an Stöcken befestigte Schwämme. Weitere Details erspare ich uns.

Aber weit moderner waren dagegen unsere Wasserklosetts - tatsächlich ein Trendsetter damals. Auf drei Etagen gab es diese innenliegenden Toiletten, die praktisch wie die Scheißnasen funktionierten. Besonderheit war eben innenliegend und der Fakt, dass das Niederschlagswasser des Burghofes in einen Bereich des Kellers der Albrechtsburg geleitet wurde, welches wiederum das organische Material in Richtung Elbe wegspülte. Organisches Material hängt jetzt noch im Schacht und eine Obduktion würde einiges ans Tageslicht bringen. Damals supermodern und von unserem Baumeister Arnold von Westfalen bereits 1471 am Südflügel des Schlosses umgesetzt.“

Und wenn Sie nun anderenorts an alten Schlössern entlanglaufen, dann achten Sie doch mal auf diese schönen "Scheißnasen"! Sind Sie nicht ein wundersam fäkaler Anblick?

Das frühere Sitzmöbel der innenliegenden Toilette.
Das frühere Sitzmöbel der innenliegenden Toilette. © Foto: Frank Höhler
Die "Scheißnasen" der Albrechtsburg am Nordturm.
Die "Scheißnasen" der Albrechtsburg am Nordturm. © Foto: Frank Höhler
Der Schacht der innenliegenden Toiletten in der Albrechtsburg.
Der Schacht der innenliegenden Toiletten in der Albrechtsburg. © Foto: SBG gGmbH