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Mutter mit Bierflasche k.o. geschlagen?

In der Familie aus Russland wird offenbar viel Alkohol getrunken. Möglicherweise saß der Täter mit im Saal.

© Symbolfoto: dpa

Meißen. Immer wieder bricht die 34-jährige Frau auf der Anklagebank in Tränen aus. "Ich weiß auch nicht, warum die mich so hassen. Ich habe ihnen doch immer geholfen", sagt sie. "Die", das ist ihre Familie, vor allem ihr Vater und ihre Mutter. Und von dieser wird sie nun schwer beschuldigt. Sie habe ihrer Mutter am 4. Oktober 2019 eine leere Bierflasche auf den Kopf geschlagen, so dass diese kurz ohnmächtig wurde, wirft ihr der Staatsanwalt vor. Die Geschädigte wurde im Krankenhaus behandelt, sollte noch zwei Tage zur Beobachtung bleiben. Doch sie hat sich einfach selbst entlassen.

"Ich kann dazu nichts sagen, denn ich war es nicht. An diesem Tag war ich gar nicht bei meinen Eltern, sondern zu Hause", sagt sie. Wieso sie sich so genau erinnern kann, was sie an diesem Tag gemacht habe, wenn nichts Außergewöhnliches vorgefallen sei, will der Staatsanwalt wissen. Nun, ihre Mutter habe sie am Tag danach angerufen und ihr vorgeworfen, sie habe sie mit einer Bierflasche geschlagen, sagt sie.

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"Keine Erinnerung, weil sie besoffen war"

In der Familie, die aus Russland stammt, seit 2006 in Deutschland lebt und in Meißen wohnt, fließt offenbar reichlich Alkohol. Sagt zumindest die Angeklagte. "Die kann sich nicht erinnern, weil sie besoffen war", sagt sie einmal. Ein anderes Mal behauptet sie, ihre Mutter habe bei der Polizei angerufen und sagen wollen, dass ihre Tochter nichts gemacht habe. Das habe sie wegen des Alkohols aber nicht hingekriegt.

Einen Anruf bei der Polizei gab es tatsächlich, aber von der Angeklagten. Darin teilt sie mit, dass sie zur Vernehmung nicht erscheinen könne, weil sie an jenem Tag um 14 Uhr zu ihrem Freund in die Ukraine fahren werde. Dem Vorschlag, um 8 Uhr zu erscheinen, stimmt sie zu. Aber sie kommt nicht.

Die Aussage der 58-jährigen Mutter ist sehr widersprüchlich. Sie sei von ihrer Tochter von hinten geschlagen worden, behauptet sie. Doch dann hätte sie diese gar nicht sehen können. Der Freund der Tochter habe zu dieser gesagt: "Warum hast du das getan." Aber sie sei doch ohnmächtig gewesen, hält ihr die Richterin vor. Ja, aber zwei, drei Minuten habe sie noch alles mitgekriegt, sagt die Frau.

Sie wollte auch einmal die Anzeige gegen ihre Tochter zurücknehmen. Aber nicht, weil sie es nicht gewesen sei. "Ich habe mitgekriegt, was ihr droht. Ich wollte Frieden, mehr nicht", sagt sie. Gleich zu Beginn ihrer Vernehmung hatte sie betont, sie werde die Wahrheit sagen, sonst nichts. Gerade das darf bezweifelt werden.

Bezweifelt werden darf auch ihre Behauptung, dass es keinen Streit gegeben habe. Bei der Polizei hatte sie angegeben, dass am Morgen eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Von einem Täter habe sie sich gemerkt, was er anhatte. Als abends die Tochter und ihr Freund kamen, habe sie den Freund an den Sachen als Täter erkannt, worauf es zum Streit kam.

"Spasibo, Mama", sagt die Angeklagte, als ihre Mutter den Saal verlässt. Es klang nicht freundlich.

Anders als seine Frau macht der Vater der Angeklagten von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Hat er etwas gutzumachen? Jedenfalls hatte die Angeklagte zuvor behauptet, von ihrem Vater geschlagen worden zu sein. Angezeigt habe sie ihn aber nicht. "Ich habe ihm verziehen", sagt sie.

Schon einmal verurteilt

Auch die Angeklagte ist offenbar kein Kind von Traurigkeit. Erst im Juni vorigen Jahres wurde sie wegen versuchter Körperverletzung verurteilt, erhielt per Strafbefehl eine Geldstrafe. Die zahlt sie in Raten ab, obwohl sie auch das nicht gewesen sein will. "Ich kenne den Kerl nicht, habe ihn niemals gesehen", sagt sie. Einspruch gegen den Strafbefehl hat sie dennoch nicht eingelegt. Sie spreche nicht gut genug Deutsch, habe hier keine Freunde, niemanden, der ihr helfe. "Ich wusste nicht, an wen ich mich wenden sollte. Deshalb bezahle ich das jetzt in Raten ab", sagt sie.

Ob sie es diesmal war, ist nicht nachzuweisen. Der Sachverhalt sie nicht vollständig erwiesen, die Schuld nicht eindeutig festzustellen, weil die Mutter unglaubwürdig war, es kein schlüssiges Bild von der Tat gibt, so der Staatsanwalt. Wie von ihm beantragt spricht die Richterin die Angeklagte frei. Die hatte zuvor schlimmste Befürchtungen. "Werde ich jetzt hier eingeschlossen", fragt sie. Nein, wird sie nicht.

Möglicherweise saß ja der wahre Täter unsichtbar mit im Saal. Er ist flüssig, klar wie Wasser, wird gewöhnlich in Flaschen abgefüllt und in gewissen Kreisen bevorzugt aus 100-Gramm-Gläsern getrunken.

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