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Negativzinsen belasten die Sparer

Der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Meißen, Rainer Schikatzki, kritisiert den Kurs der Zentralbank. Er kündigt auch eine weitere Gebührenerhöhung an.

Von Ulf Mallek
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Sieht die Nullzins-Politik der EZB kritisch: der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Meißen Rainer Schikatzki. Es ist nicht logisch, wenn Sparer fürs Sparen bezahlen müssen, sagt er.
Sieht die Nullzins-Politik der EZB kritisch: der Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Meißen Rainer Schikatzki. Es ist nicht logisch, wenn Sparer fürs Sparen bezahlen müssen, sagt er. © Sebastian Schultz

Herr Schikatzki, immer mehr Sparkassen und Banken nehmen von ihren Kunden sogenannte Negativzinsen. So beispielsweise die Nachbar-Sparkasse Mittelsachsen mit -0,5 Prozent, bei einem Freibetrag von 25.000 Euro oder die Ostsächsische Sparkasse Dresden ebenfalls -0,5 Prozent bei einem Freibetrag von 100.000 Euro. Wann ist es bei Ihnen so weit?

Mit wenigen Hundert sowohl gewerblichen als auch privaten Kunden hat die Sparkasse Meißen in der Vergangenheit schon Vereinbarungen zur Berechnung eines Verwahrentgeltes geschlossen. Diese Vereinbarungen betreffen ausschließlich Guthaben auf Giro- und Zins&Cash-Konten. Jede einzelne bereits geschlossene Vereinbarung wurde dabei vorher mit dem jeweiligen Kunden individuell besprochen. Die allergrößte Mehrheit der ca. 130.000 bei der Sparkasse Meißen Konten führenden Kunden ist derzeit also gar nicht von einem Verwahrentgelt betroffen. Dies wäre auch bei einer künftigen Umsetzung der Fall – nur ein Bruchteil unserer langjährigen Kontoinhaber wäre betroffen. Bei der Eröffnung neuer Konten vereinbaren wir seit einiger Zeit generell entsprechende Regelungen. Dabei gewähren wir jedem kontoeröffnenden Kunden einen sogenannten Freibetrag. Bei gewerblichen Kunden sind es 100.000 Euro, bei Privatkunden 15.000 Euro. Für Guthaben, die diese Freibeträge überschreiten, berechnet die Sparkasse Meißen dann ein Verwahrentgelt – in Höhe des von der Europäischen Zentralbank vorgegebenen Zinssatzes von minus 0,5 Prozent.

Finden Sie eine Bestrafung der Kunden fürs Sparen richtig? Es kehrt doch die Rolle einer Sparkasse ins Gegenteil, oder?

Nein, natürlich nicht. Es ist doch nicht logisch, wenn Sparer für vorhandenes Guthaben nun einen Preis zahlen sollen. Es gibt aber auch Profiteure der jetzigen Situation – noch nie waren Kredite so billig wie heute. Das freut Kreditkunden. Und ja - durch die sehr niedrigen Zinsen wird das grundlegende Geschäftsmodell der Sparkassen auf eine harte Probe gestellt. Bislang hat die Sparkasse Meißen die damit verbundenen Herausforderungen gut gemeistert.

Warum sind diese Strafzinsen nötig?

Mit Strafzinsen meinen Sie sicherlich Verwahrentgelte. Diese Verwahrentgelte resultieren letztlich aus den Entscheidungen der Europäischen Zentralbank (EZB). Die EZB hat die Zinsen, die für Kreditinstitute für Geldanlagen bei der EZB relevant sind, erstmals 2014 auf einen negativen Satz gesenkt. Aktuell liegt dieser Zinssatz bei minus 0,5 Prozent - Kreditinstitute müssen also 0,5 Prozent Zinsen an die EZB zahlen, wenn sie Geld bei der EZB anlegen. Das belastet alle Kreditinstitute stark – und vor allem diejenigen, die Einlagen von Kunden verwahren. Sehr viele Kreditinstitute berechnen deshalb Verwahrentgelte, um den Zustrom neuen Geldes zu verhindern oder zumindest abzumildern. Dadurch schichten Kunden Einlagen verstärkt auf Kreditinstitute um, die kein Verwahrentgelt berechnen. So sind der Sparkasse Meißen von Januar 2021 bis September 2021 ca. 160 Millionen Euro neue Einlagen zugeflossen. Hierauf mussten und müssen wir reagieren. Denn wenn die Sparkasse Meißen kein Verwahrentgelt erhebt, es die anderen Kreditinstitute aber tun, dann wird die Sparkasse Meißen mit neuem Geld geflutet.

Finden Sie den Kurs des ultralockeren Geldes der EZB richtig? Ist er wirklich alternativlos?

Nein, der Kurs ist nicht richtig. Die damit verbundenen Fragen muss aber die Politik beantworten.

Sonnenuntergang vor dem Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt/M. Trotz einer Inflationsrate von 4,5 Prozent in Sachsen und Deutschland bleibt die EZB bei ihrer ultralockeren Geldpolitik, um billige Kredite für die Wirtschaft und Staaten
Sonnenuntergang vor dem Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt/M. Trotz einer Inflationsrate von 4,5 Prozent in Sachsen und Deutschland bleibt die EZB bei ihrer ultralockeren Geldpolitik, um billige Kredite für die Wirtschaft und Staaten © Boris Roessler/dpa

Die Inflation bedroht ernsthaft das Ersparte Ihrer Kunden. Was können Sie ihnen raten?

Bei der aktuellen Inflationsrate, in Deutschland bei steigender Tendenz im Oktober 2021 über vier Prozent, verlieren Geldvermögen zunehmend an Wert. Deshalb gilt es umzudenken: Anlegen statt Sparen. In Deutschland ist das Sparen auf Sparbüchern, Girokonten und Termineinlagen so verbreitet wie in nahezu keinem anderen Land der Welt. Dabei bietet die Anlage von Geld bspw. in Sachwerten Vorteile – unter anderem, dass die Problematik der Inflation in den Hintergrund treten kann. Die Sparkasse Meißen beobachtet hier seit einigen Jahren auch ein Umdenken – und ein Umschichten. Derzeit verwaltet die Sparkasse Meißen für Kunden Wertpapiervermögen in Höhe von ca. 700 Millionen Euro. Diese Anlagen beinhalten dabei auch Risiken, deshalb ist eine individuelle Beratung und Abwägung notwendig. Die Berater der Sparkasse Meißen stehen für derartige Beratungen gern zur Verfügung.

Sie selbst haben große Probleme, an Zinsdifferenzen noch etwas zu verdienen. Heißt das, Sie müssen die Gebühren weiter erhöhen?

Dies wird sich aller Voraussicht nicht vollständig vermeiden lassen. Vor möglichen Gebührenanpassungen werden wir aber auch zukünftig immer prüfen, ob mit anderen Maßnahmen Effekte erzielt werden können.

Wie sieht es – angesichts der starken Online-Konkurrenz – mit der Zukunft Ihres Filialnetzes aus?

Sparkassen werden immer regional verankerte Kreditinstitute sein. Dazu gehört auch eine Präsenz vor Ort. Dort verschieben sich seit vielen Jahren aber die Kundenbedürfnisse. Immer mehr wird telefonisch, online oder mobil erledigt – und immer weniger persönlich in einer Filiale. Die vom Kunden geforderte Nähe ist also eine andere – weg von der Filiale zu modernen (also telefonischen, online oder mobilen) Kontaktformen. In diese modernen Kontaktformen investiert die Sparkasse Meißen und wird so auch in Zukunft regional präsent sein. So hat die Sparkasse Meißen in den vergangenen Jahren ihre telefonische Erreichbarkeit stark ausgebaut. Über das von Montag bis Freitag jeweils von 8 Uhr bis 19 Uhr unter der Telefonnummer 03525 51500 erreichbare KundenServiceCenter der Sparkasse Meißen können sehr viele Vorgänge beauftragt oder abgewickelt werden, für die früher der persönliche Gang in eine Geschäftsstelle notwendig war.

Der Streit mit den Verbraucherschützern um das Prämiensparen ist immer noch nicht beendet. Es geht denen um hohe Zinsnachzahlungen. Jetzt entscheidet der Bundesgerichtshof, oder?

Wir verfolgen die gesamte Thematik. Das Oberlandesgericht Dresden hat das die Sparkasse Meißen betreffende Urteil am 31. März 2021 gefällt – und die Verbraucherzentrale hat sofort Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt. Wir gehen davon aus, dass sich der BGH frühestens 2022 damit beschäftigen wird.

Interview: Ulf Mallek