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Nichts mehr mit Bella Vista

Muss der Winzerhof Golk wegen der Corona-Maßnahmen schließen? Eigentümer und Betreiber äußern sich. Und kritisieren die Politik scharf.

Eigentümer Uwe Riße und Betreiber Berat Ziberi im Winzerhof in Golk. Seit fünf Monaten ist geschlossen, Besserung nicht in Sicht.
Eigentümer Uwe Riße und Betreiber Berat Ziberi im Winzerhof in Golk. Seit fünf Monaten ist geschlossen, Besserung nicht in Sicht. © Claudia Hübschmann

Diera-Zehren. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, sagt ein Sprichwort. Auch der traditionsreiche Winzerhof in Golk droht zu zerbrechen. Grund sind die Corona-Maßnahmen von Land und Bund, sagt Berat Ziberi. Der 28-Jährige betreibt seit August 2018 mit seiner Familie den Winzerhof, der seitdem zusätzlich Trattoria & Pension "Bella Vista" heißt. Doch die bella Vista - schöne Aussicht - haben Gäste schon seit Monaten nicht mehr.

Ziberi hat sieben Angestellte. "Seit fünf Monaten haben wir Berufsverbot. Alle sind in Kurzarbeit. Wir waren die Ersten, die schließen mussten und sollen die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Die Politik lässt uns im Stich, wir haben keine Lobby. Fünf Monate untätig zu Hause sein müssen, das ist wie Gefängnis", sagt er verbittert.

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Berats Mutter stammt aus Mazedonien. Er selbst war dort kürzlich zu Besuch. Und staunte: "Die gesamte Gastronomie war dort bis 21 Uhr offen, natürlich unter Einhaltung von Hygienemaßnahmen. Das können wir hier doch auch. Warum traut uns die Politik das nicht zu?", fragt er.

Im Ausland ist die Gastronomie offen

Auch Uwe Riße, der Eigentümer und Vermieter des Winzerhofes, war kürzlich im Ausland, in Malta. "Auch dort war die Gastronomie offen, alles super geregelt. Warum geht das in Deutschland nicht? Da muss man sich schon die Frage stellen, wer dient hier eigentlich wem? Der Glaube an die Corona-Predigten, die täglich im Fernsehen auf uns niederprasseln, ist doch längst geschwunden", so der Bauunternehmer aus Klipphausen.

Aber bekommt denn Berat Ziberi nicht Hilfe vom Staat? Er lacht gequält: "Die Novemberhilfen sind jetzt eingetroffen, ja, das Geld für den Dezember noch nicht. Versprochen wurden 75 Prozent des Umsatzes vom vorigen Jahr. Bekommen haben wir 50 Prozent. Das Kurzarbeitergeld wurde abgezogen", sagt er.

Das Geld sei keine wirkliche Hilfe, zumal es viel zu spät komme. "Ich bin von diesem Staat enttäuscht. Es wird viel versprochen und wenig gehalten. Unsere Steuern müssen wir auch pünktlich zahlen, aber der Staat kann sich alle Zeit der Welt lassen", so Berat Ziberi.

Die Folge sei, dass er Schulden habe, offene Rechnungen. "Ich schäme mich dafür, habe zum Glück verständnisvolle Gläubiger. Die verstehen, dass wir eine schwierige Zeit haben", sagt er. Ja, man habe ihm Kredite angeboten. Die lehnt er ab. "Kredite muss man zurückzahlen. Von welchem Geld denn, wenn wir nicht arbeiten dürfen?", sagt er.

Auch Vermieter Uwe Riße kommt ihm entgegen. Im Januar und Februar kürzt er die Miete ohnehin um 20 Prozent. Wegen Corona hat er nochmals weitere zehn Prozent nachgelassen.

Riße: Die Besten als Vorbild nehmen

Der Winzerhof befindet sich auf dem "Golker Herrenberg". Dieser war Bestandteil der Großlage Schlossweinberg Meißen. Die erste urkundliche Erwähnung ist auf das Jahr 1730 zurückzuführen. Seitdem ist der rund zwei Hektar große Weinberg aufgerebt und wurde durch viele Winzergenerationen entwickelt. Der Winzerhof entstand 1935 als Weinprobierstube auf dem Herrenberg. Muss diese traditionelle Einrichtung nun bald schließen? "Im Moment noch nicht", sagt Ziberi, der vor knapp drei Jahren mit seiner gesamten Familie von Berlin hierher in die Region gezogen ist. Aber lange halte er nicht mehr durch. "Anfangs hatten wir ja noch Verständnis. Aber damals hatte niemand gedacht, dass es fünf Monate oder noch länger dauern würde", sagt er.

Dass die Gastronomie von der Politik derart fallengelassen wird, kann auch Bauunternehmer Uwe Riße nicht verstehen. "Wir sollten uns die besten Beispiele der Welt als Vorbild nehmen. Aber in Deutschland sind wir von Vormündern und Bedenkenträgern umgeben. Sowas brauchen wir nicht. Die Politik macht kaputt, was über Jahrzehnte gewachsen ist. In Deutschland gibt es überall Diederich Heßlings", sagt er in Anspielung auf Heinrich Manns Romanfigur aus "Der Untertan". " Wir haben in Deutschland eine Vorstufe erreicht, die an den Grundfesten der Demokratie rüttelt", sagt der Bauunternehmer, der Mitglied der CDU ist.

Die Ziberis hätten sich in Golk etwas aufgebaut. "Als es anfing, richtig gut zu laufen, kam die Politik und machte alles mit einem Handstreich zunichte", so Riße. Berat Ziberi macht noch auf ein anderes, oft unterschätztes Problem aufmerksam: "Wenn man monatelang zu Hause rumsitzen muss und nichts tun darf, wird man depressiv. Davor habe ich mehr Angst als vor Corona."

Kulturgut einfach weggenommen

In dieser Woche nun will er langsam wieder beginnen, Essen zum Abholen anzubieten. Obwohl er weiß, dass dies nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. "Die Gastronomie muss so schnell wie möglich wieder öffnen, am besten zu Ostern, spätestens aber im April, nachdem schon im vergangenen Jahr alle Feiertage im Eimer waren. Sonst gehen etliche Betriebe kaputt. Aber der Politik ist das offenbar egal", sagt er.

In Golk könne man genügend Abstand halten, die Fenster der Terrasse könnten geöffnet werden, sodass man praktisch im Freien sitzt. Es gäbe mehrere Eingänge, so dass ankommende und gehende Gäste getrennt Wege hätten. Eine geringe Anzahl an Gästen sei immer noch besser als gar keine.

Er habe sehr viele Stammgäste auch aus Dresden, Chemnitz, Brandenburg und Berlin. Die riefen an, wollten wissen, wann er wieder öffnet. "Das Volk hat die Schnauze voll. Es kocht gewaltig", hat er festgestellt. Das wird immer deutlicher. So wurde die CDU bei den Landtagswahlen am Wochenende in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für ihre Corona-Politik schwer abgestraft. Und auch die Zahl derjenigen, die mit der Arbeit von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) unzufrieden sind, ist rasant gestiegen.

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Berat Ziberi und seine Familie haben dennoch die Hoffnung nicht verloren. Niemand hat gekündigt, keiner wurde entlassen. "Wir brauchen doch alle, wenn wir wieder aufmachen", sagt der Chef. Und hofft, dass dies so bald wie möglich geschieht. Auch Unternehmer Uwe Riße hofft, ja fordert das: "Auch Gastronomie ist ein Kulturgut. Und das wird uns von der Politik einfach weggenommen."

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