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Nickerchen in der Autobahnausfahrt

Ein 54-jähriger Nossener behauptet, von einem Lkw angefahren worden zu sein. Eine Frau bezichtigt er des Missbrauchs von Kindern.

Der gesamte Rettungsdienst war an jenem Oktoberabend im Einsatz.
Der gesamte Rettungsdienst war an jenem Oktoberabend im Einsatz. © Archiv/Daniel Förster

Meißen/Nossen. Es klingt dramatisch, was als Notruf bei der Polizei eingeht. Ein schwerer Verkehrsunfall wird gemeldet. Ein Mann soll an der Autobahnausfahrt Siebenlehn an jenem Oktobertag vorigen Jahres von einem Lkw angefahren worden sein. Obwohl die Meißner Polizei sofort ausrückt, sind Rettungswagen und Notarzt schon vor Ort. Auch der Zoll, der zufälligerweise auf dem Parkplatz Lkw kontrolliert, ist da. Das gesamte Rettungsprogramm läuft an, der Mann wird in eine Klinik nach Döbeln transportiert. Als die Polizisten dort eintreffen und vorsichtig anfragen, ob der Mann vernehmungsfähig ist, trauen sie ihren Augen und Ohren nicht. Der angeblich schwer Verletzte ist mopsfidel, beschimpft die Polizisten und das Klinikpersonal. Obwohl er angeblich eine Beinverletzung haben soll, springt er plötzlich von der Trage.

Tatsächlich lag der Mann an jenem Tag im Dunkeln in der Autobahnausfahrt. Eine Frau sah das, kümmerte sich gemeinsam mit dem Zoll um ihn. Der Mann war offenbar bewusstlos. Als er kurz erwachte, behauptet er, von einem Lkw angefahren worden zu sein und sagt, er könne seine Beine nicht mehr spüren. Dann fällt er wieder ins Koma.

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Nicht nur der Mann liegt auf der Straße, sondern auch eine zerbrochene braune Flasche und eine Bierlache. Ein Blutalkoholtest bei dem Mann wird später 2,1 Promille ergeben. Er war offenbar betrunken und hat sich im Rausch auf die Straße schlafen gelegt. Auf einem Überwachungsvideo ist zu sehen, dass ein Lkw an ihm vorbeifährt. Allerdings in etwa zehn Metern Entfernung.

Zwei Wochen später sorgt der 54-Jährige erneut für Aufregung. Er wählt den Polizeinotruf, gibt an, er habe den Verdacht, dass in dem Nossener Mietshaus,  in dem er wohnt,  Kinder sexuell missbraucht würden. Jedenfalls habe er aus der Wohnung unter ihm derartige Geräusche gehört. Als die Richterin den Polizeinotruf abspielt, will er den Saal verlassen.  Polizisten, die ihn zum Termin vorgeführt haben, hindern ihn daran. "Ich kann das nicht anhören", sagt er und hält sich schließlich die Ohren zu. 

16 Mal zur Entgiftung

Die Polizei rückt aufgrund des Notrufs bei ihm an. Dort  wiederholt der Mann die Vorwürfe. Doch die Polizisten sehen und hören - nichts. Sie klingeln bei den Nachbarn und finden Großeltern mit ihrem Enkel vor. Der ist keineswegs verstört, sondern hat offensichtlich ein sehr gutes Verhältnis zu Oma und Opa. Nun wirft die Staatsanwaltschaft dem Mann auch noch falsche Verdächtigung und Missbrauch von Notrufen vor.

Deutlich wird, dass der Alkohol das Leben des 54-Jährigen zerstört hat. Sieben Jahre war er mal trocken, dann griff er wieder zur Flasche. 16 Mal hat er nach eigenen Angaben eine Alkoholentgiftung gemacht, zweimal eine Langzeittherapie. Es hat alles nicht geholfen. "Ich hatte 1.000 Gelegenheiten, mit dem Alkohol aufzuhören, schaffe es einfach nicht. Das bringt nichts mehr, ich habe mein Leben gelebt, saufe mich mal zu Tode", sagt er. Weil er durchsetzte, dass die Miete vom Amt nicht an den Vermieter, sondern auf sein Konto gezahlt wurde und er das Geld vertrank, verlor er seine Wohnung. Jetzt lebt er in einem Obdachlosenheim,  in einem "Rattenloch", wie er sagt. 

Staatsanwältin will Haftstrafe

Staatsanwältin Sabine Greiffenberg hält ihn bei der ersten Tat an der Autobahnausfahrt wegen der Alkoholisierung für schuldunfähig. Deshalb könne er dafür nicht verurteilt werden. Sie fordert aber eine Haftstrafe wegen Vollrausches. Auch wegen falscher Verdächtigung und Missbrauchs von Notrufen soll er ins Gefängnis, und zwar insgesamt für sechs Monate und zwei Wochen. Ohne Bewährung. Denn erst im August vorigen Jahres wurde er wegen Trunkenheit im Verkehr zu einer Bewährungsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Er war wiederholt betrunken mit einem Mofa gefahren. Verteidiger Carl Christian Roß hingegen fordert Freispruch. 

Richterin Petra Rudolph spricht den Mann tatsächlich frei. Zwar hätten sich die Tatvorwürfe bestätigt, doch es sei nicht nachweisbar, ob er vorsätzlich falsche Behauptungen aufgestellt habe. Vielmehr habe er in beiden Fällen wegen seiner Alkoholisierung die Situationen aufgrund der Gegebenheiten verkannt oder sich etwas eingebildet und zusammengereimt. Ob er in beiden Fällen wusste, dass keine Gefahr bestand, sei jedenfalls nicht nachweisbar. 

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