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Nutrias breiten sich an der Elbe aus

Geht von den kleinen Nagern eine Gefahr aus? Scheu sind sie jedenfalls nicht. Was Meißner jetzt beachten sollten.

Offensichtlich gibt es schon eine kleine Nutriafamilie am Ufer des rechtselbischen Parkplatzes in Meißen. Doch bleiben sie dauerhaft?
Offensichtlich gibt es schon eine kleine Nutriafamilie am Ufer des rechtselbischen Parkplatzes in Meißen. Doch bleiben sie dauerhaft? © Claudia Hübschmann

Nutrias sind nicht zum Streicheln da. Denn die Tiere aus Nordamerika, die früher für die Pelzgewinnung gezüchtet und gehalten wurden, leben mittlerweile wild. Und zwar in ganz Deutschland. Jetzt machen sie sich seit Tagen auch in Meißen breit, in der Nähe des Parkplatzes auf der rechten Elbseite. Sie haben keine Scheu vor Menschen. Warum man die Tiere nicht füttern sollte, erklärt neben anderen die Vorsitzende des Meißner Naturschutzverbandes Nabu.

Seit wann gibt es Nutrias an der Elbe?

Vor 1990 gab es viele Nutriafarmen in der DDR. Nach der Wende wurden diese aufgegeben. Denn die Aufkaufpreise sind massiv zurückgegangen. Vor allem aus kleinen Privatanlagen wurden die Tiere illegal freigelassen. "Das führte zu einem Populations- und Arealzuwachs, der durch milde Winter begünstigt wurde", steht im Atlas der Säugetiere Sachsens, den das Landesumweltamt 2009 online herausgegeben hat. Die Nutrias des Elbtals von Riesa bis Meißen siedelten sich ebenso in dieser Zeit an, so Tanja Schumann, Vorsitzende des Nabu in der Region Meißen. "Zudem wurden örtlich die Zutraulichkeit und möglicherweise auch der Fortpflanzungserfolg durch Fütterung befördert."

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Trotzdem steht der Nutria seit 2016 auf der Liste der invasiven Arten der Europäischen Kommission. Das heißt konkret, die Tiere dürfen laut einer EU-Verordnung nicht eingeführt, gehalten oder gezüchtet werden. Der Ausbreitungserfolg sei von Krankheiten oder der Witterung abhängig, so Tanja Schumann. "Milde Winter könnten die Nutria aktuell zwar begünstigen, von völlig ungehinderter Ausbreitung kann aber nicht gesprochen werden." Gegenwärtig seien zudem die Vorkommen im Raum Meißen lokal konzentriert – seit 30 Jahren schon.


Sind die Nager gefährlich für Menschen?

Die Nutria ist mittlerweile in Deutschland ein Wildtier. Man sollte sie deshalb nicht in die Ecke drängen.
Die Nutria ist mittlerweile in Deutschland ein Wildtier. Man sollte sie deshalb nicht in die Ecke drängen. © Claudia Hübschmann

"Da der Nutria kein Schädling ist, kein Überträger von Krankheiten, sogar sein Fleisch ist essbar, besteht keine Veranlassung, behördlich einzugreifen", äußert sich Katharina Reso, Sprecherin der Stadt. Die Nabu-Vorsitzende meint wiederum, dass mögliche Gefährdungen auf Vorurteilen beruhen. Laut ihr gibt es keine dokumentierten Fälle von Beißattacken, auch wenn er sich als großes Nagetier wehren könnte. Aber: "Fühlt sich der Nutria tatsächlich bedroht, wählt er die Flucht", so Tanja Schumann. Zwar gebe es Onlineberichte, die von Attacken auf Hunde schreiben, aber ohne Belege. "Hunde sollen ohnehin am Gewässer nicht frei beziehungsweise unkontrolliert herumlaufen und damit Wildtiere bedrängen."

Auch die Grabetätigkeit der Nutrias sei vergleichsweise nur schwach ausgeprägt – etwa ein bis drei Meter lang, kaum verzweigt, ein Eingang –, sodass Ufer- oder Deichschäden nicht ausschließlich auf sie zurückzuführen seien. "Oft werden auch vorhandene Gänge anderer Uferbewohner nachgenutzt", so die Meißner Naturschützerin. Sie verweist zum Beispiel auf die Bisamratte, die viel umfangreicher gräbt, oder auf Starkniederschläge infolge des Klimawandels. "Das Problem ist zu komplex, und es sollte deshalb nicht vorschnell und einseitig auf eine Art als Verursacher geschlossen werden."

Allerdings sieht Tanja Schumann eine reelle Gefahr darin, dass die Nutrias die Pflanzen eines Gebietes beschädigen. Denn die Tiere fressen bestimmte Röhricht- und Schwimmblattarten. Eine Gefährdung sei das besonders dann, wenn in diesen Gebieten spezielle Naturschutzziele vorgesehen sind.

Breiten sich Nutrias ungehindert aus?

Die Größe der Population sei maßgeblich von der Futtermenge abhängig, sagt die Stadtsprecherin. "Aufgrund der fehlenden Scheu gegenüber den Menschen sollte dringlichstes Gebot sein, die Tiere nicht zu füttern und damit eine Zone zu schaffen, in der sich die Tiere besonders wohlfühlen." Das führt dazu, dass sie sich auch an bebauten Gewässern ansiedeln. Wie zum Beispiel an der Döllnitz in Riesa.

Als invasive Art aus Nordamerika vermehrt sich der Nutria in Deutschland rasant. Das liegt unter anderem daran, dass Menschen sie gern füttern, genauso wie die Enten.
Als invasive Art aus Nordamerika vermehrt sich der Nutria in Deutschland rasant. Das liegt unter anderem daran, dass Menschen sie gern füttern, genauso wie die Enten. © Claudia Hübschmann

Dürfen sie gejagt werden?

Die Sprecherin der Stadt sagt dazu: "Nach Rücksprache mit der Jagdbehörde gehört der Nutria in unseren Tierbestand, genauso wie Waschbär oder Marder." Das heißt, laut Sächsischem Jagdgesetz Paragraf 8 dürfen die Tiere gejagt werden, solange keine anderen Regelungen dagegensprechen. In der Jagdsaison 2018/2019 wurden verhältnismäßig viele Nutrias erlegt, wie der Landesjagdverband (LJV) Sachsen meldete. Das sind etwa 62.000, also knapp 18 Prozent mehr als im Jahr zuvor und 261 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Der LJV begründet dies damit, dass die anhaltenden milden Winter eine großflächige Ausbreitung der Nutrias begünstigte. Die Anzahl der Tiere verdoppelte sich allein zwischen 2005 und 2015.

Wie ist die Ansiedlung in Meißen zu bewerten?

Anja Schmiedgen-Pietsch geht noch nicht von einer dauerhaften Ansiedlung in Meißen aus. Erst wenn die nachgewiesen werde, könne darauf reagiert werden. Zum Beispiel durch Vergrämen oder Jagen, so die Landkreis-Sprecherin. Der Nabu Meißen meint ähnlich, dass die Nutrias momentan keiner besonderen Aufmerksamkeit bedürfen. Zudem gehen die regionalen Vorkommen der Tiere auf den Menschen zurück. "Jeder Einzelne ist für das, was um ihn herum geschieht, mitverantwortlich", mahnt Tanja Schumann. Sie plädiert deshalb für mehr Achtsamkeit in der Natur.

Worauf sollte man sonst achten?

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Nichts Spezielles, nur die allgemeinen Regeln zum Umgang mit freilebenden Tieren. Bei Interesse, die Tiere beobachten, und sonst in Ruhe lassen, erklärt Tanja Schumann. "Das heißt insbesondere nicht füttern, nicht berühren und Hunde nicht unkontrolliert herumlaufen lassen." Die Landkreissprecherin ergänzt, darauf zu achten, dem Tier eine Fluchtmöglichkeit ins Wasser einzuräumen. "Als große Nagetiere könnten sie dem Menschen erhebliche Bissverletzungen zufügen."

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