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Ein besonders artenreiches und üppiges Pilzjahr

Seit seinem fünften Lebensjahr sammelte Stefan Zinke Pilze. 1.300 Arten hat er bisher entdeckt. Ein Waldspaziergang bei dem hauptsächlich giftige Pilze im Korb landen.

Als geprüfter Pilzsachverständiger gibt Zinke Workshops, Seminare und kartiert die Pilze der sächsischen Wälder, wie hier in Moritzburg.
Als geprüfter Pilzsachverständiger gibt Zinke Workshops, Seminare und kartiert die Pilze der sächsischen Wälder, wie hier in Moritzburg. © Claudia Hübschmann

In die Pilze gehen, heißt für Pilzexperte und Mykologe Stefan Zinke auch am Wegesrand zu suchen. Vor allem in diesem Jahr. Der viele Regen und die Wärme ließ massig Fruchtkörper aus dem Boden sprießen. "In diesem Jahr ist die Ausbeute besonders artenreich und an manchen Stellen üppig", sagt Zinke, der seinen ersten Fund direkt am Parkplatz der Waldschänke in Moritzburg macht. Ein riesiger Parasol, besser bekannt als Gemeiner Riesenschirmling. Daneben gleich das nächste Prachtexemplar: "Die sind total lecker", schwärmt Zinke – vor allem in Panade und als Schnitzel gebraten.

Tausende Formen und Hunderte Gerüche

Langer genatterter Still, dunkle Hutschuppen und der doppelte Ring. Nicht alle Pilze lassen sich aufgrund des Anblicks identifizieren: Manchmal muss Zinke auch buddeln.
Langer genatterter Still, dunkle Hutschuppen und der doppelte Ring. Nicht alle Pilze lassen sich aufgrund des Anblicks identifizieren: Manchmal muss Zinke auch buddeln. © Claudia Hübschmann

Seit seinem fünften Lebensjahr sammelt Zinke Speisepilze - heute landen die nur noch als Beifang im Korb: Der 39-Jährige ist zu wissenschaftlichen Zwecken unterwegs, auf der Suche nach den tausend Formen, die sich zuhause unter seinem Mikroskop auftun: "An Risspilzen kann ich einfach nicht vorbeigehen, ohne sie in den Korb zu legen, weil ich ihre Strukturen total spannend finde, und in den letzten beiden Jahren nicht so viele gefunden haben."

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Tausende Formen und Hunderte Gerüche: Ein Pilz riecht nach altem Kartoffelkeller, ein anderer nach vergammeltem Rettich, Leuchtgas, Hering oder wie kaltes Schweröl. Wenn sich ein Pilz nicht so einfach identifizieren lässt wie der Parasol, ist der Geruch essenziell. Dann hilft es an den Lamellen zu riechen. "Sobald ein Pilz unangenehm riecht, sollte man die Finger davon lassen – aber auch nicht den Umkehrschluss betreiben. Der höchstgiftige Grüne Knollenblätterpilz riecht zum Beispiel honigsüßlich."

Bei manchen Pilzen hilft nur eine Kostprobe – wenn auch mit Vorsicht, denn bei stark giftigen Arten ist diese zu unterlassen. "Roh sind fast alle Pilze giftig. Ich würde nie jemandem empfehlen, rohe Pilze zu essen", sagt der Lebensmittelchemiker. Bei anderen Pilzarten ist es noch viel aufwendiger, da müsste man nach den Pilzfäden graben, diese waschen und mikroskopieren.

Pilze sind weitgehend unerforscht

Im Zweifel muss der Mykologe einen zaghaften Biss nehmen, um den Pilz zu identifizieren.
Im Zweifel muss der Mykologe einen zaghaften Biss nehmen, um den Pilz zu identifizieren. © Claudia Hübschmann

Als geprüfter Pilzsachverständiger gibt Zinke Workshops, Seminare und hat schon große Teile der sächsischen Wälder, zum Beispiel auch in Moritzburg, kartiert. In zehn Jahren hat er dabei schon 1.300 Arten entdeckt und findet dennoch immer etwas Neues. In diesem Jahr waren bei seinen Waldspaziergängen immerhin, zwölf ihm unbekannte Pilze dabei. Auch wenn es immer mehr Waldabschnitte gibt, auf denen gar keine Pilze zu finden sind: "Viele Pilze kommen mit dem nährstoffreichen Boden nicht klar", so Zinke. "Wenn alles mit Springkraut oder Brombeeren überwuchert ist, haben die Pilze keine Chance mehr."

Trotz der jahrelangen Erfahrung bringen den Pilzexperten viele Fragen an seine Grenzen, denn die meisten Pilze sind noch völlig unerforscht: Noch über 90 Prozent aller Pilzarten seien überhaupt nicht beschrieben. Forscher können deshalb nur schätzen, dass es weltweit bis zu 3,8 Millionen verschiedene Arten geben könnte. Das wären sechsmal mehr, als es Pflanzen gibt. Und selbst bei gängigen Pilzen gibt es für viele Beobachtungen noch gar keine Erklärung: "Keiner weiß, warum Wildschweine Grüne Knollenblätterpilze vertragen. Prinzipiell wären die auch für sie giftig. Manche Pilze, wie zum Beispiel die Kremplinge, sind tückischer, da passiert bei der ersten und bei der zweiten Pilzpfanne nichts. Aber irgendwann. Beim zwanzigsten, oder beim hundertsten Mal - das weiß keiner - wird es kritisch."

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