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Plötzlich war alles anders

Regina Wenzel kümmert sich um ihren Mann Armin, der ein Bein verloren hat. Die Treffen beim Stammtisch für pflegende Angehörige in Meißen fehlen ihr sehr.

Regina und Armin Wenzel in ihrer Meißner Wohnung, die einen Katzensprung von dem Seniorenpark "carpe diem“ entfernt liegt. Dort traf sich Regina Wenzel regelmäßig mit anderen Menschen, die Angehörige pflegen. Derzeit muss das ausfallen.
Regina und Armin Wenzel in ihrer Meißner Wohnung, die einen Katzensprung von dem Seniorenpark "carpe diem“ entfernt liegt. Dort traf sich Regina Wenzel regelmäßig mit anderen Menschen, die Angehörige pflegen. Derzeit muss das ausfallen. © Claudia Hübschmann

Immer einmal im Monat konnte Regina Wenzel zu den Leuten gehen, die sie sofort verstehen, ohne lange erklären zu müssen. Immer am zweiten Montag im Monat war sie für anderthalb Stunden im Seniorenpark „carpe diem“ auf der Dresdner Straße in Meißen. Nur einen Katzensprung von ihrer Wohnung entfernt, traf sie hier auf Menschen, die sich zuhause um erkrankte Partner oder Angehörige kümmern. So wie sie. Das letzte Treffen ist nun über vier Monate her, da die Corona-Krise den Stammtisch gerade unmöglich macht.

Diese Treffen sind eine schöne Abwechslung und auch kurze Auszeit von ihren Verpflichtungen: Kochen, Wäsche waschen, der gesamte Haushalt und vor allem auch die Unterstützung und der geistige Beistand für ihren Mann, sind für die 67-Jährige nicht immer leicht zu schaffen: „Bei den Treffen ist man unter Gleichgesinnten, denn alle haben ähnliche Erfahrungen und Probleme“, sagt Regina Wenzel, „hier kann ich ganz offen reden.“ Außerdem gab es auch immer ein bisschen Dolce Vita in dem Restaurant des Seniorenparks: Eisbecher, Kaffee und Kuchen. Auch das fehlt.

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Der Stammtisch hat sich erst vor knapp über zwei Jahren gegründet. Die Idee entstand im Kurs für pflegende Angehörige: „Die Teilnehmer wünschten sich eine Möglichkeit der Weiterführung des zwanglosen Erfahrungsaustausches untereinander“, sagt die ehrenamtliche Leiterin, Roswitha Eißler. Viele träfe die Betreuungs- oder Pflegesituation oft völlig unvorbereitet, viele Fragen müssten dann in kurzer Zeit geklärt werden, sagt Roswitha Eißler, die selbst in der Altenpflege-Ausbildung gearbeitet hat.

Es kommen aber auch Menschen, die schon viele Jahre die Betreuung oder Pflege übernommen haben und sich ihre Probleme und Nöte von der Seele reden möchten. Und schließlich auch die, die nach langer Pflegezeit ihren Partner verloren haben: „Da geht es dann um Trauerbewältigung und konkrete Lebenshilfe“, sagt die Stammtisch-Leiterin. Bis zur Corona-Krise konnten 18 Treffen mit 21 Teilnehmern aus der Region organisiert werden. Die Betreuungsgründe sind ganz unterschiedlich: dementielle Veränderungen, Pflegebedürftigkeit nach einem Schlaganfall, Erblindung, Suchterkrankungen und Amputation von Gliedmaßen.

So ist es auch bei Regina und Armin Wenzel, die erst 2018 von Cottbus nach Meißen gezogen sind. Die beiden sind geschieden und haben sich 2002 bei einer Partnervermittlung kennengelernt: „Wir haben unser ganzes Leben gearbeitet und uns so auf die Rente gefreut“, sagt Regina Wenzel, „und dann war nur ein Jahr später alles vorbei.“ Ihr Mann hatte bereits sechs Operationen aufgrund von Arterienverkalkung, aber das Bein war nicht mehr zu retten. Im Jahr 2019 musste es bis zum Knie abgenommen werden: „Es war sehr schwer diese Einschränkung überhaupt erst einmal zu erkennen und zu begreifen“, sagt Armin Wenzel. Danach sei er in ein Loch gefallen, sagt seine Frau.

In Meißen fühlen sie sich sehr wohl, die Kinder und die Enkeltochter wohnen um die Ecke: „Eigentlich wollten wir die Umgebung erkunden, wandern gehen und in Dresden die Museen besuchen“, sagt Regina Wenzel. Doch plötzlich musste sie sich um ihren Mann und ihre 92-jährige Schwiegermutter kümmern: „Das hat mich überrollt und ich war überfordert“, sagt sie. Durch die Pflegeberatung hat sie dann auch vom Stammtisch erfahren, der ihr eine große Hilfe ist: „Durch den Austausch lernt man viel über den Umgang mit schweren Situationen“, sagt sie und ist dankbar für die Menschlichkeit und die gute Betreuung.

All das fehlt ihr und den anderen Mitgliedern sehr. Viele haben durch die Corona-Pandemie noch zusätzliche Probleme: „Einige mussten die Betreuung und Pflege plötzlich allein stemmen, da Unterstützungsangebote wie die Tagespflege wegbrachen“, sagt Roswitha Eißler. Drei Frauen aus der Gruppe haben in dieser Zeit ihren Partner verloren und sind aufgrund der Kontaktbeschränkungen sehr einsam. Sie nutzen das Angebot des telefonischen Kontakts, den Roswitha Eißler anbietet: „Das ist aber kein Ersatz und wir hoffen alle auf neue Möglichkeiten, uns bald wieder persönlich zu treffen.“

Stammtisch für pflegende Angehörige, Restaurant „Vier Jahreszeiten“ im Seniorenpark carpe diem, Dresdner Straße 34 in Meißen, immer am zweiten Montag im Monat von 16.30-18.00 Uhr, der Stammtisch kann ohne Anmeldung besucht werden und ist offen für alle, die als pflegende Angehörige Austausch suchen. Derzeit nur telefonischer Kontakt mit Dr. Roswitha Eißler: 03521 – 405190.

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