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Das stille Leiden der Opfer

Sexuelle Gewalt und Missbrauch von Kindern nehmen im Landkreis Meißen zu. Der Weiße Ring versucht zu helfen. Und weiß, dass viele Taten ungesühnt bleiben.

Häusliche Gewalt und Sexualstraftaten gibt es im Landkreis deutlich mehr, als die Kriminalitätsstatistik aussagt, so Inge Erler vom Weißen Ring.
Häusliche Gewalt und Sexualstraftaten gibt es im Landkreis deutlich mehr, als die Kriminalitätsstatistik aussagt, so Inge Erler vom Weißen Ring. © dpa

Meißen. Dieser Fall bewegte Anfang des Jahres Deutschland. Ein 27-Jähriger hatte in Rot am See nahezu seine gesamte Familie ausgelöscht. Mit 30 Schüssen hatte der Täter Ende Januar seine Eltern, die beiden Stiefgeschwister, seine Tante und seinen Onkel bei einem Familientreffen getötet. Zwei Verwandte konnten sich schwer verletzt retten. Nach der Tat rief der 27-Jährige die Polizei und stellte sich. 

Was viele nicht wissen: Die beiden schwerverletzten Verwandten stammen aus der Region. Sie sind schwer traumatisiert, mussten sie doch mit ansehen, wie Tochter, Enkelin und Enkel erschossen wurden. Die Urenkel hatte der Täter zwar verschont, doch auch sie mussten die Tat mit ansehen. 

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Der Täter wurde vom  Landgericht Ellwangen im Juni zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren verurteilt. Zudem ordnete das Gericht die Unterbringung in der Psychiatrie an. Ein Psychiater hatte bei dem jungen Mann Wahnvorstellungen und eine krankhafte seelische Störung diagnostiziert.  Staatsanwalt, Nebenkläger und selbst die  Verteidiger hielten den Täter des Mordes für schuldig. Das hätte eine lebenslange Freiheitsstrafe bedeutet. Doch das Gericht entschied anders. 

So wird der Täter wohl irgendwann wieder freikommen. Die Angehörigen, die überlebten,  haben dagegen lebenslänglich. Bis zum Ende ihrer Tage wird sie das Geschehen nicht mehr loslassen. Es ist der schwerste, tragischste und schwierigste Fall, mit dem sich die Meißner Außenstelle des Weißen Ringes zu beschäftigen hatte.

Der Weiße Ring ist ein gemeinnütziger Verein, der Opfern von Straftaten hilft. Seit 2015 gibt es die Meißner Außenstelle, die von Anfang an die heute 69-jährige Inge Erler aus Staucha leitet. Doch wie kann der Verein solchen Opfern helfen? "In erster Linie, indem wir Beistand leisten. Unsere Hilfe besteht in diesen und anderen Fällen auch darin, dass wir Gutscheine ausgeben", sagt sie. Diese Gutscheine im Wert von je 190 Euro können für die Erstberatung bei einem Rechtsanwalt, aber auch für einen Psychologen eingesetzt werden.  

Seit fünf Jahren leitet Inge Erler die Außenstelle des Weißen Ringes im Meißner Rathaus. Jeden ersten und dritten Montag im Monat ist von 13 bis 15 Uhr geöffnet.
Seit fünf Jahren leitet Inge Erler die Außenstelle des Weißen Ringes im Meißner Rathaus. Jeden ersten und dritten Montag im Monat ist von 13 bis 15 Uhr geöffnet. © Claudia Hübschmann

Als Inge Erler 2015 anfing, war sie allein. Heute hat die Außenstelle sechs ehrenamtliche Mitarbeiter.  Die Zahl der Fälle, um die sich der Weiße Ring kümmert, hat sich in dieser Zeit von 30 auf 60 verdoppelt.

 Inge Erler, die früher als Sozialarbeiterin bei der Diakonie in Meißen gearbeitet hat, weiß, dass es nur die Spitze des Eisberges ist, was bei ihr und ihren Mitarbeitern ankommt. "Viele wissen gar nicht, dass es den Weißen Ring gibt. Wenn doch, dann gibt es eine hohe Hemmschwelle, bei uns vorzusprechen", sagt sie. Und ihre Mitarbeiterin Kerstin Diener ergänzt. "Das Problem ist, dass sich viele Opfer nicht trauen,  zu uns zu kommen, weil sie sich selbst als schuldig finden".

Ein kriminelles Netzwerk

Ein noch größeres Problem ist, dass viele Straftaten aus Angst gar nicht angezeigt werden. "Die polizeiliche Kriminalitätsstatistik und auch die Anzahl von Verfahren an Gerichten geben kein realistisches Bild wieder. Es gibt eine extrem hohe Dunkelziffer, besonders was sexuelle Gewalt und Missbrauch von Kindern betrifft. Die Zahlen sind viel höher als die angegebenen", so die Leiterin der Außenstelle.  So kommen oft Menschen zu ihr, die Opfer von Straftaten geworden sind, diese aber nicht angezeigt haben. Aus Angst litten die Opfer still vor sich hin, meist über viele Jahre. "Aus meiner früheren Tätigkeit weiß ich, wie viele Menschen beispielsweise im Triebischtal in Not sind", sagt sie. 

Da ist die Frau, die in einem Treppenhaus  zusammengeschlagen wird, aber nicht zur Polizei geht.  Da ist die Frau, die ihren Schwager nach der Entlassung aus dem Gefängnis aufnimmt, kurze Zeit später von diesem und ihrem Ehemann aus der Wohnung gedrängt wird.  Da ist das Mädchen, das ständig von seinem Vater gezüchtigt wird, dem auch ein Schneidezahn ausgeschlagen wird. Da ist die Mutter, die beobachtet, dass auf dem Schulhof mit Rauschgift gehandelt wird und danach von den Tätern massivst bedroht wird. Da ist der Mann, der sich bei einem Arbeitsunfall  einen  Finger abreißt, aber die Behandlungskosten selbst bezahlen soll, weil sein Arbeitgeber keine Krankenkassenbeiträge abgeführt hat. Da ist das Kind, das seit seinem zwölften Lebensjahr vom besten Freund des Vaters missbraucht wird. Oder da ist die Frau, die nach einer Vergewaltigung schwanger wird. Und da ist die Pflegerin, die ein Pflegeheimbewohner zu vergewaltigen versuchte. Viele dieser Straftaten sind nie angezeigt worden.

Wie kann der Weiße Ring in solchen Situationen helfen? Nun, die schwangere Frau wurde bei der Suche nach einer größeren Wohnung unterstützt. Und das Mädchen wurde aus der Familie genommen, ihm wurde Geld für eine Klassenfahrt spendiert. "Das Mädchen hat jetzt sogar Abitur gemacht. Wichtig ist Empathie, Aufmerksamkeit, dass wir mit den Leuten reden, sie merken, dass sich jemand um sie kümmert", sagt Inge Erler. 

Auch bei Gericht kümmern sie sich um Opfer. Allerdings können sie nur seelischen und moralischen Beistand leisten, aktiv eingreifen  bei Verhandlungen dürfen Mitarbeiter des Weißen Ringes nicht. Doch sie können auch wertvolle Tipps geben. "Viele wissen zum Beispiel gar nicht, dass Opfer von Straftaten bei Gerichtsverhandlungen als Nebenkläger auftreten können", sagt Lothar Knauer. Der frühere Bänker ist ebenfalls ehrenamtlich beim Weißen Ring tätig. 

Inge Erler hält die Entwicklung gerade bei Sexualstraftaten für sehr bedenklich. "Die meisten derartigen Taten ereignen sich nun mal in der Familie, im familiären Umfeld oder im Bekanntenkreis. Da trauen sich die Opfer nicht, die Angehörigen anzuzeigen. Oft sind sie noch Jahre später traumatisiert." Und sie räumt auch mit einem Vorurteil auf. Nämlich dem, dass solche Taten nur oder meist in einem bestimmten sozialen Milieu geschehen. "Das geht querbeet durch alle Schichten", sagt sie.   

Betroffen macht Inge Erler auch, wenn Menschen zu Opfern werden, die anderen helfen wollen. So wie der ältere Mann, der in einem Zug der Deutschen Bahn Zeuge wird, wie der Schaffner von jungen Menschen, die keine Fahrkarte haben, bedroht und geschlagen wird. Er mischt sich ein, wird selbst geschlagen, sein Handy zertreten.  Der Haupttäter wurde inzwischen verurteilt. Dennoch: "Bei Gerichtsverhandlungen geht es meist um die Täter. Um die Opfer kümmert sich kaum jemand, die werden allenfalls als Zeugen gehört und können dann gehen. Solange sich das nicht ändert, brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn die Leute bei Straftaten lieber wegschauen, statt Zivilcourage zu zeigen", sagt die Stauchaerin. 

Doch es braucht nicht unbedingt eine Polizeiakte, damit der Weiße Ring Opfern von Straftaten hilft. "Wenn das, was die Opfer berichten, glaubhaft ist, dann ist das für uns bindend, dann helfen wir", sagt Inge Erler. 

Manchmal gibt es Situationen, in denen auch die Helfer an ihre Grenzen kommen. Beispielsweise, als das Landeskriminalamt Wiesbaden Opfer von sexuellem Missbrauch auch im Landkreis Meißen ermittelte. Mitarbeiter sollten dabei sein,  als den bis dahin ahnungslosen Eltern die Nachricht überbracht wurde, dass auch ihre Kinder missbraucht wurden. Es war auch ein zehn, elf Jahre altes Mädchen dabei, das vom Freund des Vaters missbraucht wurde. Es hatte den Eltern freudig erzählt, dass ihr der Mann sogar das Klavierspielen beigebracht hatte. Was er sonst noch mit ihm machte, dazu  hatte das Kind nie ein Wort gesagt. 

"Danke, dass Sie hier sind"

Warum macht das Inge Erler mit 69 Jahren noch? Könnte sie nicht in Ruhe ihre Rente genießen? Sie denkt kurz nach. "Diese Menschen haben ein Recht auf Hilfe. Und ich habe nun mal ein Helfersyndrom", sagt sie. Der Weiße Ring will  vor allem Hilfe zur Selbsthilfe geben. Deshalb begrüßt sie Klienten immer mit  diesen Sätzen: "Danke, dass Sie hier sind. Das ist der erste Weg, sich selbst zu helfen."

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