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Flüchtlingsberater in Not

Es kommen zwar weniger Migranten in den Kreis Meißen. Trotzdem erfordert ihre Betreuung mehr Aufwand als früher.

In Meißen gibt es eine neue Anlaufstelle für Migranten gleich rechts neben dem Hamburger Hof. Das Team um Chefin Kerstin Grimmer von der Diakonie Meißen freut sich über die besseren Arbeitsmöglichkeiten.
In Meißen gibt es eine neue Anlaufstelle für Migranten gleich rechts neben dem Hamburger Hof. Das Team um Chefin Kerstin Grimmer von der Diakonie Meißen freut sich über die besseren Arbeitsmöglichkeiten. © Claudia Hübschmann

Meißen. Erst kürzlich hatte Migrationsberaterin Kerstin Grimmer von der Diakonie wieder einen dieser typischen Fälle auf dem Tisch. Der junge Mann, vor wenigen Jahren aufgrund der Zustände in seiner Heimat nach Deutschland geflüchtet, absolviert hier eine Lehre. Zudem kümmert er sich um seinen minderjährigen Bruder. Die Trennung von ihren Eltern belastet die beiden Jungen schwer. Sie haben Sehnsucht nach ihnen.

Das Gefühl der Einsamkeit und die Sorge um die Eltern lähmt die zwei Brüder. Sie können sich nur schwer motivieren und darauf konzentrieren, in Meißen ein neues Leben zu beginnen. Die Ungewissheit lenkt sie immer wieder ab.

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Verdrängte Sorgen kommen hoch

Dieses Schicksal sei exemplarisch für die Probleme, mit welchen viele der aktuell im Landkreis lebenden Geflüchteten zu kämpfen hätten, sagt Kerstin Grimmer. Sie blickt zurück auf das Jahr 2015, als wöchentlich Tausende Ausländer neu nach Sachsen kamen. Damals ging es einfach darum, die Ankommenden zu registrieren und ganz grundlegende Bedürfnisse zu bedienen. Wo fand sich noch ein Zimmer mit Bett, Schrank und Stuhl? Es war ein Massenbetrieb und vor allem ein Kommen und Gehen. Die wenigsten Zugereisten blieben hier.

Das hat sich grundlegend geändert. Nach Angaben des Landratsamtes von Anfang dieses Jahres lebten im Landkreis Meißen gut 1.200 Asylbewerber. Die Zahl der Ausländer insgesamt lag bei gut 8.000. Viele von ihnen sind bereits seit geraumer Zeit hier. Dafür sorgt nicht zuletzt die sogenannte Wohnsitzauflage. Grundsätzlich haben demnach Geflüchtete, sobald sie anerkannt sind oder eine Aufenthaltserlaubnis besitzen, die ersten drei Jahre in dem Land zu bleiben, welches sie zugewiesen bekamen. Wegziehen dürfen nur diejenigen, die mindestens 15 Stunden wöchentlich sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind.

Der Effekt dieser Vorgabe liegt auf der Hand: Gerade Familien, die sich innerhalb von drei Jahren über Kindergarten sowie Schule, über Freunde und Bekannte, vielleicht auch über einen Verein in Riesa, Großenhain, Meißen oder Radebeul eingelebt haben, scheuen einen zweiten Neuanfang. Sie kennen die Bus- und Bahnlinien, besuchen einen Deutschkurs, haben erste Fühler nach einem Job ausgestreckt.

Diese vorläufige Sesshaftigkeit und die damit verbundene Ruhe zum Reflektieren sorgen allerdings dafür, dass bis dahin durch die unmittelbaren Alltagssorgen überdeckte und verdrängte Probleme sich wieder stärker bemerkbar machen. Die Beratung sei deutlich intensiver geworden, sagt Kerstin Grimmer, welche die zuständige Zweigstelle der Diakonie in Meißen leitet. Allein im jüngsten Jahresvergleich hat sich auf dem Gebiet des Landkreises Meißen die Zahl der Fälle im sogenannten Case Management, einer besonders intensiven Form der Hilfe, von 74 auf 194 erhöht.

Es fehlen 20 Millionen Euro

Während auf der einen Seite der Bedarf für Unterstützung stetig wächst, blieben die Ressourcen zumindest im Bereich der Migrationsberatung des Diakonischen Werkes Meißen in den vergangenen Jahren weitgehend gleich. Im Auftrag des Landkreises sind die Sozialarbeiter, Psychologen und ihre Kollegen an den Standorten Coswig, Gröditz, Großenhain, Riesa und Meißen aktiv. Knapp 30 Mitarbeiter umfasst das Team.

"Jetzt stellen sie sich einmal vor, ein Handwerker müsste doppelt so viel leisten, aber würde den gleichen Lohn erhalten", fasst Chef-Migrationsberaterin Gerlinde Franke aus Großenhain das Dilemma zusammen. Sie fordert den Bund auf, die entsprechenden Förderprogramme um 20 Millionen Euro aufzustocken. Integration sei kein Sprint, sondern ein Marathon. Es brauche Zeit, eine neue Sprache zu erlernen, sich mit den Gebräuchen und Sitten eines Gastlandes vertraut zu machen. Die Migrationsberater spielten dabei die Rolle von Lotsen, so Gerlinde Franke.

Von der Meißner Standortleiterin Kerstin Grimmer kommt ein zustimmendes Nicken. Sie und ihre Handvoll Kollegen sind in diesen Tagen aus einer Drei-Zimmer-Wohnung in einen deutlich geräumigeren und geeigneteren Standort auf der Dresdner Straße 11 umgezogen. Diakonie, Landratsamt, Baufirmen und viele Partner mehr haben das ermöglicht.

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Gefragt, wie ein typischer Arbeitstag aussieht, muss Kerstin Grimmer korrigieren. Den gebe es nicht, sagt sie. Dazu seien die Aufgaben und Anfragen zu vielschichtig. Das Spektrum reicht von der Hilfe beim Ausfüllen von Formularen über das Erklären der Mülltrennung bis hin zur Nachhilfe bei Schwierigkeiten in der Schule. Und dann gibt es da noch die Fälle wie den der beiden Brüder, die ihre Eltern vermissten. Bei solchen Problemen sei sie sehr dankbar, eine Psychologin im Team zu haben, sagt Kerstin Grimmer. Für eine grundlegende Lösung ist allerdings die Politik zuständig.

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