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Milde Strafe für Zündler

Für eine schwere Brandstiftung müsste ein Meißner mindestens fünf Jahre ins Gefängnis. Doch er kommt deutlich besser weg.

Der Brand am " Waldschlößchen" in Röderau im Juni 2019 konnte nicht aufgeklärt werden.
Der Brand am " Waldschlößchen" in Röderau im Juni 2019 konnte nicht aufgeklärt werden. © Christoph Scharf

Meißen/Dresden. Wegen besonders schwerer Brandstiftung, zweimal Beihilfe zur Brandstiftung, gefährlicher und vorsätzlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung muss der Meißner S. für zwei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis. Dieses Urteil fällte am Donnerstag nach vier Verhandlungstagen die Jugendkammer des Landgerichtes Dresden unter Vorsitz von Richter Andreas Ziegel.

 Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte in eine Wohnung in Meißen mit anderen eingebrochen war. Um die Spuren zu verwischen, habe er unter den Möbeln Teelichter aufgestellt und angezündet. Mit dem Brand sollten die Einbruchsspuren vernichtet werden, so das Gericht. Auch wegen Beihilfe zur Brandstiftung wurde S. verurteilt. Er soll bei einem Brand auf dem Gelände von Hülsbusch in Weinböhla „Schmiere“ gestanden haben. 

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Auch zwei Wagen des dortigen Karnevalsvereins brannten ab. Dass S. den Brand gelegt habe, könne ihm nicht nachgewiesen werden. Auch bei einem weiteren Brand in Meißen wurde er wegen Beihilfe verurteilt. Brände von Zirkuswagen, am „Waldschlößchen“ in Röderau bei Riesa, in der ehemaligen Zellstofffabrik in Coswig sowie zwei weitere Brände in Meißen konnten ihm ebenfalls nicht sicher nachgewiesen werden.

Bierflasche auf den Kopf des Bruders

Auch wegen gefährlicher Körperverletzung wurde S. verurteilt. Er hatte sich beim Stadtfest in Dresden als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma ausgegeben und „Wildpinkler“ geschlagen. Auch eine Frau, in deren Wohnung er einbrach, schlug er mit der Faust ins Gesicht, so dass sie einen Bruch erlitt.

 Das Gericht sah es auch als erwiesen an, dass S. zu Silvester 2019 einem seiner Brüder eine Bierflasche auf den Kopf schlug. Zudem hatte der Meißner im Gefängnis ein Handtuch angebrannt und aus dem Zellenfenster geworfen, um Aufmerksamkeit des Wachpersonals zu erregen. Das Gericht wertete das als Sachbeschädigung.

Schwierige Beweisführung

Angesichts der Vielzahl an Taten ist das Urteil äußerst milde ausgefallen. Der Grund liegt darin, dass der junge Mann, der in wenigen Wochen 22 Jahre alt wird, nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde. Das Gericht wich damit von der Beurteilung des renommierten psychiatrischen Gutachters Dr. Frank Wendt aus Berlin ab, der als eine Ikone auf seinem Gebiet gilt.

 Der Gutachter vom Institut für forensische Psychiatrie in Berlin hatte bei dem Angeklagten keine Reifedefizite ausgemacht, sondern Fehlentwicklungen. Eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht kommt damit für ihn nicht in Betracht.

Das Gericht entschied dennoch nach dem Grundsatz „im Zweifel für den Angeklagten“ anders. Das ist insofern bemerkenswert, weil die Verhandlung ursprünglich vor dem Jugendschöffengericht des Amtsgerichtes Dresden eröffnet wurde. 

Nach dem Vortrag des gleichen Gutachters fühlte sich das Jugendgericht nicht mehr zuständig und gab die Sache an das Landgericht ab. Die Jugendkammer ging allerdings mit ihrem Urteil deutlich über den Antrag von Staatsanwalt Dieter Kiecke hinaus. Dieser hatte auf eine Jugendstrafe von zwei Jahren plädiert, Verteidiger Hendrik Klee sogar nur auf ein Jahr und sechs Monate. 

Wäre S. nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt worden, hätte er allein für die schwere Brandstiftung eine Mindeststrafe von fünf Jahren erhalten. Richter Ziegel sprach von einer schwierigen Beweisführung, weil einige Zeugen selbst in die Taten involviert und einige auch sehr unglaubwürdig waren. Ein Zeuge war beispielsweise ein Meißner, der mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt wurde.

Verurteilter bleibt im Gefängnis

S. sitzt seit August vorigen Jahres im Gefängnis. Erst war er in Untersuchungshaft, dann saß er eine neunmonatige Jugendstrafe vollständig ab, nachdem die Bewährung wegen der neuen Taten widerrufen worden war. Er wird weiter im Gefängnis in Regis-Breitingen bleiben. Das Gericht hielt den Haftbefehl aufrecht. „Ich werde die Zeit im Gefängnis nutzen, um mein Leben auf die Reihe zu kriegen“, sagte er in seinem „letzten Wort“. Er soll in der Haft eine angefangene Ausbildung abschließen und den Hauptschulabschluss nachholen.

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Der mitangeklagte 23-jährige D. hingegen wurde lediglich wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe von 300 Euro verurteilt, im Übrigen freigesprochen. Er hatte eine Tür eingetreten. Wegen der Brandstiftungen war er von S. offenbar zu Unrecht beschuldigt worden. Auch er saß sechs Monate in Untersuchungshaft. Für diese Zeit steht ihm eine Haftentschädigung zu. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig, es ist Revision vor dem Bundesgerichtshof zulässig. Ob er diese einlegt, ließ Verteidiger Hendrik Klee am Donnerstag offen.

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