merken
PLUS Meißen

"Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen"

Der Ministerpräsident macht sich ein persönliches Bild der Lage im Elblandklinikum: Lockdown kam zu spät, finanzielle Hilfen erreichen eine Grenze.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Landrat Ralf Hänsel (parteilos) hören den Ausführungen von Frank Ohi zu, der die Lage im Elblandklinikum beschreibt.
Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) und Landrat Ralf Hänsel (parteilos) hören den Ausführungen von Frank Ohi zu, der die Lage im Elblandklinikum beschreibt. © Claudia Hübschmann

Meißen. Ein Mann läuft vor dem Klinikeingang hin und her. Das wäre an sich nichts Außergewöhnliches, nur dieser hat einen spulenförmigen Kopfhörer im rechten Ohr und eine grüne "So geht Sächsisch"-Maske auf. Denn das ist einer der Personenschützer von Michael Kretschmer (CDU). Er war noch vor der Ankunft des Ministerpräsidenten am Ort, um die Lage zu überprüfen.

Nachdem das Begrüßungskomitee von Elblandklinik und Landratsamt minutenlang drinnen mit Anspannung gewartet hatte, geht es mit Erleichterung hinaus. Michael Kretschmer kommt ihnen fröhlich entgegen und begrüßt den neuen Landrat Ralf Hänsel (parteilos) herzlich. Genauso wie Frank Ohi, Vorstand der Elblandkliniken. Der Ministerpräsident hört dem Klinikpersonal beim Gang durch das Krankenhaus aufmerksam zu. Doch je mehr Geschichten er aus ihrem Arbeitsalltag hört, umso stärker legt sich die Stirn des Ministerpräsidenten in Falten. Michael Kretschmer will am Montag erfahren, was der Freistaat Sachsen für die Mitarbeiter und die Geschäftsführung in den Elblandkliniken tun kann.

Anzeige
Fit und ohne Erkältung durch den Winter
Fit und ohne Erkältung durch den Winter

Nicht nur ein gesunder Lebensstil, auch ein Griff in die Phytothek kann dabei helfen, den Körper zu stärken. Professionelle Beratung gibt es in den StadtApotheken.

Das nutzt Frank Ohi. Er berichtet davon, dass die Belastung im Meißner Klinikum groß ist und bis auf Ausnahmen wie die Stroke Unit oder die Geburtenstation hauptsächlich Corona-Patienten behandelt werden. Die Krankenhäuser in Riesa und Großenhain seien dann für die restlichen Patienten da. Der Lage sei für ihn ernst, da die Belastung schon länger anhalte. Er verweist deswegen auch darauf, dass sie bis zu 500 Corona-Tests täglich durchführen können – egal ob Mitarbeiter oder Patienten. Das mache er, damit in Meißen kein Corona-Hotspot im Krankenhaus entstehe.

Wirtschaftlich ist Lage jedoch schwieriger. "Problematisch ist für uns, dass wir nicht Teil des staatlichen Rettungsschirms sind", erklärt Frank Ohi. Doch zum Glück könne er sich auf die gesamte Belegschaft verlassen und schätzt den Zusammenhalt unter den Kollegen. Er dankt ihnen im Beisein des Ministerpräsidenten überschwänglich. Michael Kretschmer greift das auf und kommentiert: "Man merkt schon, dass hier in Meißen etwas Besonderes passiert, wenn ein kaufmännischer Leiter sich so sehr bedankt."

"Schutzmaßnahmen hätten vor vier Wochen kommen müssen"

Der Ministerpräsident führt weiter aus, dass es für ihn zwei Parallelwelten in Sachsen gebe: "Die einen können nicht mehr, die anderen verstehen nicht, warum sie nicht mehr dürfen." Das bezieht er darauf, dass ihn jemand aus der Tourismusbranche erst kürzlich gefragt hat: Wann Skifahren wieder möglich sei. Doch darauf sagt er ganz deutlich. "Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen." Erst kürzlich war er in Görlitz, Bischofswerda und Pirna. Verschiedene Krankenhäuser hätten ihm gesagt, dass sie davon ausgehen, dass noch ein weiteres Drittel an Patienten hinzukomme. Auch deshalb sei der Lockdown jetzt notwendig.

"Das ist aber nicht die Lösung, wenn sich einige dagegen wehren", sagt Michael Kretschmer. Er plädiert dafür, es den Asiaten gleichzutun. Das heißt, dass die Menschen mehr Bewusstsein für die Maßnahmen brauchen. Außerdem verspricht er, sich um eine Leerbettenpauschale zu kümmern – für alle Krankenhäuser in Sachsen, die nicht unter den Rettungsschirm fallen.

Beim Besuch der Stroke Uni im Elblandklinikum übergab Michael Kretschmer dem dortigen Personal den obligatorischen Stollen, denn schon mehrere sächsische Krankenhäuser in den vergangenen Wochen erhalten haben.
Beim Besuch der Stroke Uni im Elblandklinikum übergab Michael Kretschmer dem dortigen Personal den obligatorischen Stollen, denn schon mehrere sächsische Krankenhäuser in den vergangenen Wochen erhalten haben. © Claudia Hübschmann

Ralf Hänsel wiederum bedankt sich bei Michael Kretschmer für die sächsischen Regeln. "In meinen Augen ist das die sinnvollste Variante, mit Maßnahmen zu reagieren", so der neue Landrat. Der Landkreis Meißen hatte schon vergangenen Donnerstag eher als Sachsen strengere Maßnahmen eingeführt, wie die Maskenpflicht im öffentlichen Raum, die seit Montag in ganz Sachsen gilt.

Zudem ist Ralf Hänsel stolz auf das Klinikum, da es die Corona-Lage so gut meistere. "Das schafft Sicherheit. Die ist aber äußerst trügerisch, denn man braucht auch das entsprechende Personal." Denn mittlerweile gibt es im Landkreis Meißen 5.238 positiv auf Sars-CoV-2 getestete Personen (Stand 14.12.2020). In den vergangenen drei Tagen kamen mehr als 150 Personen täglich hinzu. Die Zahlen seien alarmierend, so Ralf Hänsel. Das weiß Michael Kretschmer: "Die Schutzmaßnamen hätten vor vier Wochen passieren müssen."

Bundeswehrsoldaten verzichten auf Weihnachtsurlaub

Bianca Svoboda, Pflegedirektorin in Meißen, beschreibt deshalb die Nöte der Pflegefachkräfte. "Allesamt haben Angst, sich selbst anzustecken, aber vor allem ihre Angehörigen", erklärt die Pflegedirektorin in Meißen. Weiter komme hinzu, dass viele sich sorgen, ob die Dienste ausreichend besetzt sind. "Und die Erfahrung, dass Angehörige von Patienten keinen Abschied nehmen können, ist schwer für unser Personal."

Sie sei aber dankbar für die Unterstützung der Bundeswehr, die in allen Teilen des Krankenhaus mit Soldaten aushelfe, sowie dem Personal, das hauptberuflich eigentlich nicht auf der Intensivstation (ITS) arbeitet. Das klappe gerade in der Meißner Elblandklinik sehr gut: "Denn viele waren dort schon vor Jahren. Das macht die Einarbeitung wesentlich leichter", so die Pflegedirektorin. Aber nicht jeder könne auf der ITS arbeiten, wie Michael Kretschmer bemerkt. Die leitende Stationspflegerin der Intensivstation in Meißen, Bianca Vogel, stimmt ihm zu. So haben manche zum Beispiel Angst, die technischen Geräte zu bedienen.

Bianca Vogel beklagt zudem den hohen Organisationsaufwand als Stationsschwester. "Wir wissen nicht, wie viele Patienten am Tag kommen." Zudem verteile sie Dienste – mit einem ausgewogenen Verhältnis an Fachpersonal, Bundeswehrsoldaten sowie fachfremden Personal. Das sei nicht einfach. "Ich freue mich aber sehr, dass viele Bundeswehrsoldaten auf ihren Weihnachtsurlaub verzichten, um uns auf der Station zu unterstützen."

"Dem Land geht das Geld aus"

In dieser angespannten Situation, in der sich das Klinikpersonal befindet, ärgert den Geschäftsführer wiederum besonders eins. Dass viele noch glauben, dass sie gar keine Corona-Patienten behandeln würden. Auch Michael Kretschmer treibe das um. Er könne es ebenso nicht nachvollziehen, warum einige Personen nicht bereit sind, trotz neuer Erkenntnisse ihren Standpunkt zu verändern. Das seien für ihn "Holzköpfe". Solche Menschen gebe es auch in der Klinik, so Frank Ohi. "Obwohl sie es besser wissen müssten. In solchen Fällen statuieren wir ein Exempel." Was das konkret bedeutet, führte er nicht aus.

Weiterführende Artikel

So stark sind die Intensivstationen belegt

So stark sind die Intensivstationen belegt

Immer mehr Corona-Patienten müssen auf Intensivstationen behandelt werden. Unsere Grafiken zeigen laufend aktuell die Auslastung in Sachsen und bundesweit.

"Lockdown kam deutlich zu spät"

"Lockdown kam deutlich zu spät"

Zumindest aus medizinischer Sicht, meint Dr. Martin Wolz, Ärztlicher Direktor am Elblandklinikum Meißen. Das Krankenhaus habe seine Belastungsgrenze erreicht.

Der Chef verlässt die Elblandkliniken

Der Chef verlässt die Elblandkliniken

Frank Ohi aus Meißen wird kaufmännischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums. Der Zeitpunkt des Wechsels ist noch offen. Er könnte Mitte 2021 erfolgen.

Das Corona-Zelt soll verschwinden

Das Corona-Zelt soll verschwinden

Inzwischen funktioniert die Corona-Testtechnik an den Elblandkliniken reibungslos. Aber die Fallzahlen gehen zurück. Wie lange noch?

"Am Ende liege es an jedem Einzelnen, sich an die Hygienevorschriften zu halten", so Bianca Vogel. Der Staat könne nicht wesentlich mehr tun, als finanzielle Hilfe zu geben und Kontaktverbote zu erteilen, sodass sich das Coronavirus nicht weiter ausbreite, so Michael Kretschmer. Das habe aber Grenzen. "Dem Land geht das Geld aus", der Punkt sei in Deutschland erreicht, sagt der Ministerpräsident. Es wurden in den vergangenen Monaten viele Hilfen versprochen. Er könne deshalb nicht versprechen, dass es nächstes Jahr zum Beispiel wieder einen Corona-Bonus gebe – verdient hätten es alle Pflegekräfte. Frank Ohi erwidert, dass sein Personal nicht darauf dränge, da der Patient immer im Mittelpunkt war und ist.

Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Meißen