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Seit März praktisch Berufsverbot

Für die Reisebranche gibt es einen zweiten Lockdown. Wie Bodo Hausen aus Lommatzsch weiter durchhalten will.

Bodo Hausen aus Lommatzsch kämpft um sein Reisebüro, das er seit 25 Jahren betreibt.
Bodo Hausen aus Lommatzsch kämpft um sein Reisebüro, das er seit 25 Jahren betreibt. © Claudia Hübschmann

Lommatzsch. Das Jahr 2020 sollte ein ganz besonderes werden. Seit genau 25 Jahren betreibt Bodo Hausen in Lommatzsch ein Reisebüro, Jahr für Jahr ging es kontinuierlich bergauf. Die Reiselust sei ungebrochen, konstatierte er noch Ende Februar dieses Jahres. Doch dann kam Corona. Die Reisebranche wurde am schwersten getroffen von den Beschränkungen. Das Jubiläumsjahr wurde zum Desaster. Und Besserung ist nicht in Sicht.

„Seit März habe ich praktisch Berufsverbot, biete ich praktisch nur noch einen kostenlosen Service an. Der heißt, Stornierungen abzuwickeln, Reisen umzubuchen oder das Geld zurückzuzahlen. Im letzteren Fall sind die Provisionen, von denen ein Reisebüro nun mal lebt, futsch. Seine beiden Mitarbeiterinnen musste er entlassen. Zu den Chancen auf Wiedereinstellung kann er nichts sagen. „Ich muss ja auch damit rechnen, dass sie sich umorientieren, sich einen anderen Job suchen“, sagt der 50-Jährige.

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"Irre, wie ganze Branchen zu Grabe getragen werden"

Die Hoffnung, dass sich die Situation nach den geringen Infektionszahlen im Sommer bessert, hat sich längst zerschlagen. Obwohl es offiziell keinen zweiten Lockdown gibt, erlebe diesen die Reisebranche jetzt. „Es ist schon irre, wie völlig substanzlos ganze Branchen zu Grabe getragen werden“, sagt der Lommatzscher. Es gehe ja nicht nur um ihn, sondern deutschlandweit um drei Millionen Beschäftigte.

Das Reisegeschäft für das kommende Jahr liege völlig am Boden. „Das einzige, was wir haben, sind Umbuchungen von diesem Jahr“, sagt er. Und noch etwas macht ihm zu schaffen. „Die Loyalität der Bestandskunden hat stark abgenommen“, so Bodo Hausen. Soll heißen: Viele buchen jetzt nicht mehr im Reisebüro, sondern online. Das hat Folgen. „Es wird nach Corona einen neuen Tourismus geben. Der stationäre Betrieb wird immer mehr zurückgedrängt“, fürchtet er. „Wir haben es alle in unseren eigenen Händen. Warum besinnen wir uns nicht auf unsere alten Werte und kaufen zum Beispiel regional ein? Es könnte die gewohnte Struktur erhalten, Existenzen sichern, Perspektive geben und uns gemeinsam diese sonderbare Zeit überstehen lassen“, appelliert er.

Ein weiteres Problem macht nicht nur ihm zu schaffen. Seit dem 1. Oktober geht die Bundesregierung, wie angekündigt, anders mit Reisewarnungen um. Nur noch vor expliziten Risikogebieten wird gewarnt, ansonsten wird nur noch abgeraten. „Jetzt dreht sich der Spieß um: Die pauschale Warnung entfällt, das heißt, nun werden solche Länder aufgeführt vor denen auch künftig ausdrücklich gewarnt wird. Für alle anderen Staaten existiert eine solche Warnung ab sofort nicht mehr. Nur für den Fall, dass deutsche Urlauber in den entsprechenden Ländern Einreisebeschränkungen wie einer mehrtägigen Quarantäne-Pflicht unterliegen, wird vor Reisen abgeraten. Das Abraten liegt in seiner Bedeutung aber deutlich unter dem Warnen. So können Kunden nicht mehr kostenlos stornieren, zudem tritt in aller Regel bei einem Notfall die Auslandskrankenversicherung in Haftung“, sagt er.

Meck-Pomm statt Lanzarote

Um seine Kunden zu halten, geht er auch ungewöhnliche Wege. So gelang es ihm jetzt, eine Gruppe mit 24 Teilnehmern umzubuchen. Statt der ursprünglich geplanten Flugreise nach Lanzarote ging es nach Fleesensee in Mecklenburg-Vorpommern. „Bei strahlendem Sonnenschein gab es viel Zeit zum Entdecken der Umgebung, für ausgedehnte Spaziergänge oder Nutzung des hoteleigenen Schwimmbades, der Saunen, Salzgrotte und Massagen“ sagt er. Zudem wurden verschiedene organisierte Ausflüge wie Schiffsfahrten unternommen. „Alles in allem haben wir eine sehr gelungene Reise erlebt. Ich bedanke mich bei allen Reiseteilnehmern für ihr Vertrauen, ihre Wertschätzung und die freundliche Gruppendynamik“, so Bodo Hausen.

Aber solch eine Umbuchung ist eben eher die Ausnahme. „Das Tal ist für die Reisebranche noch nicht erreicht. So lange es keinen wirksamen Impfstoff gegen Corona gibt, wird sich an der Situation unserer Branche nichts ändern“, fürchtet er. Die Frage sei, wie viele Reisebüros dann noch übrig seien. Große Hoffnungen setzt er nun auf ein Überlebenspaket für die Branche. Doch auch das würde nur temporär helfen. „Es werden nur die überleben, die sich Gedanken machen, wie es weitergeht“, sagt der Lommatzscher.

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Er hat sich Gedanken gemacht. Um die Kosten, die ja weiterlaufen, bezahlen zu können, will er jetzt einem Nebenjob nachgehen. Und hofft, dass dies nur für eine begrenzte Zeit nötig sein wird. Und das 25. Jahr nicht das letzte für sein Lommatzscher Reisebüro war.

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