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Weitere georgische Familie abgeschoben

Die Eltern und ihre fünf Kinder galten als gut integriert und hinterlassen Lücken in Meißen. Die Aktion erntet Kritik.

Ein Foto eines Familienfestes aus besseren Zeiten bei der georgischen Familie Pareulidze-Gardasvili in Meißen. Mittlerweile sind Eltern und Kinder nach Georgien ausgeflogen worden.
Ein Foto eines Familienfestes aus besseren Zeiten bei der georgischen Familie Pareulidze-Gardasvili in Meißen. Mittlerweile sind Eltern und Kinder nach Georgien ausgeflogen worden. © privat

Von Maria Knorr

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Meißen. "Oma, wir werden gerade abgeschoben. Wir haben dich ganz doll lieb." Als Brigitte Hofmann an einem Mittwochmorgen diese Nachricht auf ihrem Handy liest, ist die georgische Familie Pareulidze-Gardasvili bereits auf dem Weg zum Flughafen Leipzig/ Halle – ohne den Vater. Von dort aus sollen sie nach Tiflis gebracht werden.

Hofmann kann nicht fassen, was Aishat, die älteste Tochter der siebenköpfigen Familie, ihr da schreibt. Fünf Jahre lang wohnten sie im selben Haus in Meißen. Besonders die beiden ältesten Mädchen, zwölf und 13 Jahre, sind Hofmann ans Herz gewachsen. Oft ist sie mit den Kindern auf den Spielplatz gegangen. "Wir sind ihre Ersatzgroßeltern", sagt Hofmann.

25 Minuten zum Sachenpacken

Aus Georgien sendet Aishat ihnen eine Sprachnachricht, in der sie erzählt, was vorgefallen ist. Gegen fünf Uhr morgens hätten Polizeibeamte geklingelt. Alle schliefen noch und hörten erst das heftige Pochen an der Tür. Etwa zehn Polizisten betraten die Wohnung. "Die haben nicht mal gegrüßt. Nur: Sie werden jetzt abgeschoben, sie haben 25 Minuten um ihre Sachen zu packen. Der Flieger geht zehn Uhr von Leipzig", erzählt Aishat.

Die Eltern verstehen nicht alles. Aishat muss übersetzen. Darüber hätten sich die Polizisten lustig gemacht, sagt sie. Die Mutter ist aufgelöst und ihre jüngeren Geschwister weinen. In dem hektischen Durcheinander verletzt sich der Vater. Was genau passiert ist, weiß Aishat nicht. Die Kinder sehen nur, wie der Vater auf dem Boden im Bad liegt und ein Beamter sein Knie in seinen Rücken presst, erzählt die Tochter in der Sprach-Nachricht. Ein Sanitäter muss kommen. Dann wird der verletzte Vater in die Elbland-Kliniken nach Meißen gebracht. „Als wir die Sachen aus der Wohnung geholt haben, war da noch Blut, und Glasscherben lagen überall“, bestätigt Hofmann.

Die Mutter wird mit ihren fünf Kindern zum Flughafen Leipzig/Halle gebracht. Gegen 13.30 Uhr hebt das Flugzeug ab. Der Vater muss im Krankenhaus genäht werden. Am Nachmittag sei er zunächst in Abschiebehaft gebracht worden, von wo aus er später ebenfalls nach Tiflis ausgeflogen wird. Frau Hoffman hört das von einem Bekannten des Vaters. Von offizieller Seite erfährt sie, trotz Nachfrage, nichts.

Brigitte Hofmann ist traurig, dass ihre georgischen Patenkinder abgeschoben wurden. Auf diesem Spielplatz war sie so oft mit ihnen.
Brigitte Hofmann ist traurig, dass ihre georgischen Patenkinder abgeschoben wurden. Auf diesem Spielplatz war sie so oft mit ihnen. © Claudia Hübschmann

Auch im Kindergarten und in der Schule ist niemand über den Vorgang informiert. Die 13-jährige Aishat geht wie ihre 12-jährige Schwester in die Pestalozzi-Schule in Meißen. Als Hofmann dort anruft, um der Lehrerin Bescheid zu geben, ist diese fassungslos. Sie geht zurück zu den Schülern ins Klassenzimmer und sagt: "Unsere Aishat ist nicht mehr da." Die Kinder schreiben spontan Briefe an die drei Schulkinder der Familie. Zusammen mit Gebasteltem wollen sie die in einem Päckchen nach Georgien schicken.

Es ist 23 Uhr, als die Mutter mit ihren fünf Kindern in Georgien ankommt. "Dort haben wir zwei Stunden auf der Straße gesessen mit Gepäck", erzählt die 13-Jährige. Dann fahren sie noch einmal drei Stunden mit dem Bus in ihr Dorf. "Wir konnten das nicht aushalten, wie meine Mutter geweint hat", so die 13-Jährige. Die kleinen Geschwister haben Hunger und sind müde. Als sie vor dem Haus der georgischen Großeltern stehen, sind diese völlig überrascht. In der kleinen Wohnung trennt nun ein Tuch den Schlafbereich der siebenköpfigen Familie ab. Der gesundheitliche Zustand des Vaters habe sich verschlimmert. Schon vor der Abschiebung hatte er sich mehreren Operationen in Deutschland wegen einer Beinverletzung unterziehen müssen.

Mädchen sprechen sehr gut Deutsch

Wie die georgischen Familien aus Pirna und Radebeul, hatte sich auch Familie Pareulidze-Gardasvili gut integriert. Drei der fünf Kinder sind in Deutschland geboren und waren noch nie im Ausland. "Die Mädchen sprechen so gut Deutsch", sagt Hofmann. Die 12-jährige Maka sei sehr strebsam, habe nur Bestnoten nach Hause gebracht. Als höflich und zuvorkommend, beschreibt auch Serpina Bittner vom Meißner Verein "Ein Haus für Vieles" die Kinder.

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Nachdem mehrere Abschiebungen von georgischen Familien in die Schlagzeilen geraten war, verschärft sich die Kritik an der Abschiebepraxis in Sachsen. "Abschiebungen nach Georgien stechen immer wieder durch die besondere Brutalität hervor, mit der Ausländerbehörden und Polizei vorgehen", sagte Juliane Nagel, asylpolitische Sprecherin der Linksfraktion in einem Interview mit der Leipziger Zeitung vom 10. Juni. "Da Georgien als sicheres Herkunftsland gilt, werden Verfahren generell schnell geprüft, weil die Bleibe-Chancen gering sind", weiß Katja Schubert, Rechtsanwältin für Migrationsrecht aus Radebeul, aus ihrer langjährigen Berufserfahrung. Auf Anfrage von Sächsische.de teilte die Landesdirektion Sachsen mit, dass in diesem Jahr bereits fünf Sammelabschiebungen nach Georgien stattgefunden haben. Dabei wurden 167 Georgier aus Sachsen zurückgeführt. Bis Ende Mai wurden insgesamt 209 Personen aus Sachsen abgeschoben.

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