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Rad los und ratlos

Der Angeklagte will ein teures Fahrrad gekauft haben. Dass der Kaufvertrag gefälscht ist, erkennt die Polizei sofort. Nicht die einzige Merkwürdigkeit.

Mit einem teuren Mountainbike wird der Angeklagte von der Polizei erwischt. Es ist gestohlen.
Mit einem teuren Mountainbike wird der Angeklagte von der Polizei erwischt. Es ist gestohlen. © Symbolfoto: dpa

Meißen. Der Angeklagte kommt zu spät. Gerade so kurz vor Ablauf des "akademischen Viertels" schlägt er im Gerichtssaal auf. Er sei umgezogen von Meißen nach Mittweida, der Zug habe Verspätung gehabt. Und er ist wegen der Anklage aufgebracht, fühlt sich im Recht. "Ich habe das Fahrrad für 1.000 Euro von einem Kollegen gekauft. Das steht alles im Kaufvertrag", sagt er. Wenn es konkret wird, dann ist der 26-jährige Meißner allerdings äußerst schmallippig.

Fakt ist jedenfalls, als er in jener Julinacht vorigen Jahres in Meißen von der Polizei mit einem teuren Fahrrad aufgegriffen wird, stellt sich heraus, dass das Mountainbike im Wert von 2.000 Euro gestohlen ist. Es wurde zwischen Anfang Juni und Anfang Juli in Dresden entwendet. Ob es der Angeklagte auch selbst geklaut hat, ist nicht klar. Allerdings ist er der Hehlerei angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, das Rad von einem anderen gekauft zu haben, obwohl er wusste, dass es gestohlen war.

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Verkäufer in ganz Deutschland nicht gemeldet

Er habe das Rad vom Kumpel eines Kumpels in dessen Wohnung gekauft, behauptet er. Wo der wohnt, weiß er aber nicht so genau. "Am Kaufland dort hat er gewohnt", sagt er. Jetzt sei der Kumpel aber umgezogen. Wohin, das weiß er nicht.

Auch wo der angebliche Verkäufer wohnt, kann er nicht sagen. Aber er nennt den Namen. Der steht auch im Kaufvertrag. Allerdings: Ein Mann mit diesem Namen ist in ganz Deutschland nicht gemeldet. So ist der Angeklagte nicht nur das Rad los, sondern auch ziemlich ratlos.

Zwei Tage, nachdem ihm das Rad weggenommen wurde, kreuzt er bei der Polizei auf. Ausweisen kann er sich nicht, aber er will sein "Eigentum" wiederhaben, legt einen Kaufvertrag vor. Mit einem Blick erkennen die Polizisten, dass der Kaufvertrag gefälscht ist. Denn er ist auf den 12. April vorigen Jahres datiert. Da gehörte das Rad aber noch dem rechtmäßigen Besitzer. Zwei bis drei Monate später wurde es erst gestohlen.

500 Euro in der Hosentasche

Dennoch kreuzt der Meißner immer wieder bei der Polizei auf, fordert vehement das Rad zurück. Woher er denn so viel Geld hatte, fragt die Richterin den Hartz-IV-Empfänger. Na ja, 500 Euro habe er in der Hosentasche gehabt, die anderen 500 Euro habe er sich von seiner Mutter besorgt. Die hat nur einen Aushilfsjob. Als Zeugin bestätigt sie allerdings, ihm das Geld geliehen zu haben.

"Ich habe das Rad für meine Freundin gekauft, weil die keines hatte", sagt er. Und überhaupt, Fahrräder würde er öfter mal kaufen, so drei, vier Stück seien es schon gewesen, so der Angeklagte.

Ist er nun wirklich so dreist, oder hat er das Rad tatsächlich gekauft und wusste nicht, dass es gestohlen war? Das würde nichts ändern, auch dann wäre er ein Hehler, so der Staatsanwalt. Den Angeklagten ficht das nicht an: "Es war mir egal, wo das Rad her war."

Das Fahrrad hatte einen Neuwert von 2.000 Euro. Gekauft hatte er es für 1.000 Euro. Konnte, ja musste er erkennen können, dass es gestohlen war, es sich um Hehlerware handelte? Die Richterin hat daran erhebliche Zweifel. Und spricht ihn deshalb frei. Die Tat könne ihm nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden, begründet sie.

Polizei wartet vor dem Saal

Die Freude des Angeklagten über den Freispruch ist aber nur von kurzer Dauer. Sie wird erheblich getrübt, als er den Gerichtssaal verlassen will. Da stehen nämlich drei Polizisten vor der Tür, präsentieren ihm wegen einer anderen Sache einen Haftbefehl. Der konnte bisher nicht vollstreckt werden, weil der Angeklagte umgezogen war, sich offensichtlich aber nicht umgemeldet hatte. Durch die Verhandlung, zu der auch Polizisten als Zeugen geladen waren, bekamen die Beamten Wind davon, dass sich der Mann in Meißen aufhält. Und nehmen ihn nun gleich mit. Dumm gelaufen.

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