merken
PLUS Meißen

Gold-Panzer für die nackte Männerbrust

Ein Fresko in Meißen ist eines der bedeutendsten Werke von Karl-May- Illustrator Sascha Schneider. Unter oberen Schichten liegen anstößige Details.

Noch bis Ende Juli sollen die Restaurierungsarbeiten andauern. Nicht sehr viel länger hat es gedauert, um das komplette Wandgemälde aufzumalen.
Noch bis Ende Juli sollen die Restaurierungsarbeiten andauern. Nicht sehr viel länger hat es gedauert, um das komplette Wandgemälde aufzumalen. © Claudia Hübschmann

Meißen. Schüsse, Überschallflugzeuge und Salzwasser. In über 120 Jahren musste das Freskogemälde der Johanneskirche – eines der größten Sachsens – viel mitmachen. Restaurator Michael Gruner soll das ungeschehen machen: Mit konzentriertem Blick und dünnem Pinsel fährt er über die noch feineren Risse. Es ist Fingerspitzengefühl gefragt: "Dadurch, dass ein Fresko direkt mit dem Gebäude verbunden ist, macht es auch alle Bewegungen mit", erklärt Gruner, der auf der obersten Gerüstebene seine Arbeitsposition im Schneidersitz eingenommen hat.

Nach dieser gigantischen Zeitspanne könnte man meinen, Gruner müsste nur vor einem ziemlich ausgeblichenen Gemälde sitzen. Doch im Entstehungsjahr 1899 wurde nur mit wertvollsten Pigmenten gemalt, weshalb das Gemälde so frisch wie am ersten Tag erstrahlt. Für das satte Blau wurde eine Farbe aus dem gemahlenen Luxus-Edelstein Lapislazuli - dem sogenannten Ultramarin - angerührt. "Im Mittelalter auch als Königsblau bezeichnet, weil sich das nur Könige leisten konnten", ergänzt Architekt Thomas Bretschneider. Um das Gemälde möglichst originalgetreu zu retuschieren, werden die Fehlstellen mit den gleichen wertvollen Farben übermalt.

Augusto
Leben und Genuss
Leben und Genuss

Für Genießer genau das Richtige! Leckere Ideen, Lebensart, Tradition und Trends gibt es in der Themenwelt Augusto.

Anfang Mai wurde mit der Restaurierung begonnen; die meiste Zeit habe jedoch die Reinigung in Anspruch genommen. Ende Juli ist die Fertigstellung vorgesehen. Nicht sehr viel länger hat es gedauert, um das komplette Wandgemälde aufzumalen – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Erneuerung seit 2017 geplant wird: Das prächtige Fresko wurde von Karl-May-Illustrator Sascha Schneider innerhalb eines halben Jahres fertigstellt. Nun wird es zum dritten Mal restauriert.

Die schnelle Arbeitsweise Ende des 19. Jahrhunderts ist zum einen der freskalen Maltechnik geschuldet. Jeder angefangene Wandabschnitt musste an einem Tag fertig gemalt werden; sonst bindet der Putz ab. Die Geschwindigkeit, die Schneider in der Johanneskirche an den Tag legte, sei dennoch beeindruckend gewesen, so Gruner.

Jetzt, wo das Gerüst in der Johanneskirche steht, lassen sich die einzelnen Tagwerke ganz genau erkennen.
Jetzt, wo das Gerüst in der Johanneskirche steht, lassen sich die einzelnen Tagwerke ganz genau erkennen. © Claudia Hübschmann

Dabei war der damals 28-jährige Künstler mit Ölgemälden noch recht unerfahren. Erst 1897 beginnt Schneider mit der Schaffung von Wandbildern in der Villa Colombia des Herrn von Kaufmann in Florenz. "Ein Jahr später übernimmt er den Auftrag zur Schaffung eines Rundbogenbildes in Meißen-Cölln in der im Jugendstil neuerbauten Johanneskirche. (...) Das am 27.8. 1899 übergebene Fresco wird als eine beutende Leistung eines begabten jungen Künstlers der neueren Kunstrichtung gewürdigt. Schneider war bei dem Festgottesdienst mit seiner Mutter anwesend. Interessant, dass das kompliziert gegliederte Gemälde auf zwei Zementsockeln ruht, das lichtumflossene Lamm Gottes und Engel darstellend, die als Anfänge Schneiders bildhauerische Tätigkeit gewürdigt werden können", schreiben Rolf Günther und Klaus Hoffmann 1989 in ihrer Biografie über die Künstlerfreundschaft von Sascha Schneider und Karl May.

Sascha Schneider: Ein Weltenbummler findet sein Zuhause in Meißen

Rudolph Karl Alexander Schneider wurde 1870 in Sankt Petersburg geboren. Schon früh sei sein späteres künstlerisches Schaffen von seiner überwachen Fantasie sowie dem Prunk der russisch-orthodoxen Kirchenwelt geprägt worden: "In frommer Gläubigkeit sah er zu jenen Ikonen, die, auf Gold gemalt, streng figurenhaft, prunkvoll geschmückt, altertümlich fremd, von den Taten der Heiligen, ihrem Kampf mit Hölle und Teufel und ihrem Sieg im himmlischen Licht erzählen"; schreibt Klaus Hoffmann, der damalige wissenschaftliche Leiter des Karl-May-Museums in Radebeul, im Jahr 1988 in seiner Karl-May-Biografie.

Prägend dürfte auch eine schwere Verletzung der Wirbelsäule gewesen sein, die zeitlebens zu einer Rückendeformation führte: "Hier ist vielleicht ein wesentlicher Ansatzpunkt zu finden, der Schneiders späteres Suchen nach idealer, gesunder Schönheit aus psychologischer Sicht besser verstehen lässt", schreiben Rolf Günther und Klaus Hoffmann.

Im Jahr 1884 starb Schneiders Vaters. Nach des frühen Tods des Vaters zog er von der Schweiz nach Dresden zur Schwester der Mutter. Sie ermöglich ihrem Neffen den Besuch der Kreuzschule in Blasewitz, wo sein Zeichenlehrer auf sein Talent aufmerksam wurde, ihn förderte und schließlich einen Platz an der Dresdner Kunstakademie verschaffte.

Mit 24 Jahren präsentierte Schneider seine erste Einzelausstellung, in der er sich von der konventionellen romantischen Jugendzeichnung abwendet hat und sich Motiven der nordischen Mythologie und mittelalterlichen Dichtung widmete. Geprägt von Dämonen und Visionen.

Zeitlebens war Schneider auf vielen Reisen: "Dem geliebten Italien und seinem Hellas war er ebenso zugetan wie dem herben Finnland", schreiben Günther und Hoffmann. Seine Reisen führten ihn sogar in den Kaukasus und bis nach Ägypten. Auch die rege Reisetätigkeit dürfte seine Werke geprägt haben.

1900 siedelte sich Schneider in Meißen an.

1902 wurde der Grundstein für die Künstlerfreundschaft zwischen dem Maler Sascha Schneider und dem Schriftsteller Karl May gelegt, "die in ihrer gegenseitigen Durchdringung zu den Seltenheiten in der Kunstgeschichte gehören dürfte", so Günther und Hoffmann. Nach dem früh verstorbenen Vater habe Schneider in May eine Vaterfigur gefunden.

1904 vereinbarten sie eine künstlerische Zusammenarbeit. Der Maler verbildlicht als Buchdeckelillustration allegorisch die Kernaussage des Autors und schafft damit eine Einheit aus Wort und Symbol. Über 25 Zeichnungen sind in den Jahren 1904/05 für die Reiseerzählungen entstanden.

1 / 4

40 Brote für die Trinitatiskirche

Um den Glanz des bedeutenden Wandbildes zurückzubringen, habe bereits die Reinigung einen bemerkenswerten Effekt gehabt: „Die konstante Schmutzschicht hat die farbenreichen Kontraste des Gemäldes verklärt“, berichtet Architekt Thomas Bretschneider. Mithilfe von Spezialschwämmen; doch vor gar nicht allzu langer Zeit wurde dafür noch Brotteig verwendet: "Der feuchte Teig und die Säure des Brots lösen den feuchten Dreck an. Das funktioniert 1 A. Hinterlässt allerdings organische Reste", so Gruner, der in seiner Laufbahn zum Beispiel die Fresken der Trinitatiskirche mit insgesamt 40 Brotlaibern gereinigt hat.

In der Johanneskirche arbeitet Gruner gerade die Faust eines Jünglings auf der Himmelseite des Gemäldes auf. Zuerst grundiert er die Fehlstellen mit einem Fleischton vor, dann wird die Stelle so lange lasiert, bis sich der Bereich nicht mehr von der Umgebungsfarbe abhebt. Nur für den Restaurator bleibt die Retusche erkennbar. Zumindest aus er Nähe – um es vom Original weiterhin unterscheiden zu können.

Die Mittelfraktion des Freskos sticht - zumindest aus der Nähe - durch die viel feinere Malweise hervor. Kann es sein, dass Sascha Schneider über seiner Arbeit zusammengebrochen ist?
Die Mittelfraktion des Freskos sticht - zumindest aus der Nähe - durch die viel feinere Malweise hervor. Kann es sein, dass Sascha Schneider über seiner Arbeit zusammengebrochen ist? © Claudia Hübschmann

Da das gesamte Bild sonst nur von den Kirchenbänken gesehen wird, spielt das gar keine Rolle. „Die ganze Arbeit ist in einer Strichelmalerei gehalten, die nur aus der Ferne eine Körperhaftigkeit erkennen lässt“, sagt Gruner. Jetzt, wo das Gerüst in der Johanneskirche steht, offenbart sich ein neuer Blick auf das Kunstwerk und ein außergewöhnliches Detail: Die gesamte Mittelfraktion des Bildes ist auf einen viel raueren Putz aufgetragen. "Es gibt die Hypothese, dass Schneider über dem Mittelteil abgebrochen sein könnte", sagt Gruner und betont dabei das letzte Wort ganz besonders scharf, denn belegen lässt sich das nicht: „Vielleicht ist die viel feinere und plastischere Malweise auch ganz bewusst gewählt, um das reine Antlitz Jesu‘ ganz bewusst vom Rest des Bildes abzuheben.“

Das gesamte Wandbild wurde in Mischtechnik aus Freko und Secco gehalten und ist für seine explizite Körperlichkeit für Ende des 19. Jahrhunderts äußert fortschrittlich und so umstritten, dass es sogar 90 Jahre später – bei der zweiten Restaurierung – immer noch als zu anstößig empfunden und deshalb entschärft wird. "Schneider dürfte bei aller Freizügigkeit seiner Darstellungen auch immer den Idealen nach griechischem Vorbild entwickelten Körper im Sinne gehabt haben", bewerten es Rolf Günther und Klaus Hoffmann. Doch die damalige Kirchenverwaltung kommt im selben Jahr zu einer ganz anderen Einschätzung und ordnet kurz vor der Wende eine Umgestaltung an, gibt Gruner aus einem über dreißig Jahre alten Briefwechsel wieder. Ein nackter Männeroberkörper bekam deshalb einen goldenen Brustpanzer aufgemalt. „Das bleibt nun so“, sagt Gruner. Denn jede Retusche habe seine Berechtigung: Auch wenn sich der Zeitgeist und damit die Ansprüche an die Restaurationsarbeit maßgeblich verändert haben.

Der Arbeitsplatz von Restaurator Michael Gruner knapp unter der Kirchendecke.
Der Arbeitsplatz von Restaurator Michael Gruner knapp unter der Kirchendecke. © Claudia Hübschmann

Momentan steht das Original im Vordergrund, frei nach dem Motto, alles, was über das Sichtbare hinausgeht, ist Spekulation. „Wenn sich heute die fehlenden Stellen nicht mehr rekonstruieren lassen, muss der Betrachter mit dem fragmentarischen Anblick leben“, so Gruner. "Allerdings ist das immer noch eine Ermessensfrage. Wenn eine zu konsequente Originaltreue dazu führt, dass der Betrachter das Bild nicht mehr versteht, muss so viel ergänzt werden, bis ein schlüssiges Gesamtbild herauskommt", ergänzt Bretschneider.

Weiterführende Artikel

Mehr Geld für die Johanneskirche

Mehr Geld für die Johanneskirche

Die Stadt stockt ihren Anteil zur Finanzierung der Bauarbeiten am Gebäude auf. Das sorgte für eine heftige Debatte im Stadtrat.

In der Johanneskirche waren solche Überlegungen gar nicht notwendig, die Arbeiten am Gemälde wurden von Beginn an akribisch dokumentiert. Die Aufzeichnungen sind sogar so genau, dass ein undefinierbarer Knubbel wieder in seiner ursprünglichen Form – einen Fuß – rekonstruiert werden kann. Der hatte sich über die Jahre so verändert, bis er als Fuß nicht mehr zu erkennen war. Scheinbar haben die alten Fotografien bei der letzten Restaurierung nicht vorgelegen.

Mehr zum Thema Meißen