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Sind Städtepartnerschaften ein Auslaufmodell?

Am Wochenende feiert Lommatzsch seine Verbindungen zu Weissach und Kiskunmajsa. Doch es fehlt nicht nur an Zeit und Geld, um diese zu pflegen.

Dieses Geschenk brachte die Lommatzscher Bürgermeisterin Anita Maaß von einem Besuch in der ungarischen Partnergemeinde KIskunmajsa mit .
Dieses Geschenk brachte die Lommatzscher Bürgermeisterin Anita Maaß von einem Besuch in der ungarischen Partnergemeinde KIskunmajsa mit . © Gerhard Schlechte

Lommatzsch. Am Wochenende ist Krautmarkt, dann werden auch wieder Vertreter aus den Partnerstädten Weissach im Tal in Baden-Württemberg und aus dem ungarischen Kiskunmajsa in die Stadt kommen. Es gibt gleich zwei Gründe zum Feiern. Mit den Ungarn besteht die Partnerschaft seit genau 25 Jahren, mit Weissach sogar seit 31. Weil das 30-jährige Jubiläum im Vorjahr wegen Corona ausfallen musste, wird es nun nachgeholt.

Es reisen insgesamt 25 Personen an, darunter die zwei Bürgermeister, Stadträte und Vertreter der Partnerschaftskomitees. Erst vor wenigen Tagen waren Mitglieder des Lommatzscher Stadtrates in Ungarn, darunter auch Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP). Sie kam mit gemischten Gefühlen zurück. "Ich war vor drei Jahren das letzte Mal dort, war überrascht und beeindruckt, was in dieser Zeit in der Stadt alles saniert wurde. Die Stadt hat sich toll entwickelt", sagt sie. Vieles sei mit Geldern der EU gemacht worden. Und trotzdem: "Selbst wenn wir auch so viel Geld hätten, würden wir das in dieser Zeit nicht hinbekommen. Dafür ist unsere Bürokratie viel zu schwerfällig", so die Rathauschefin.

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Keine Masken, keine Abstände

Beeindruckt hat sie auch, wie dort mit Corona umgegangen wird. "Obwohl die Impfquote ähnlich wie bei uns bei etwa 60 Prozent lag, gibt es in Ungarn keine Einschränkungen mehr. Keine Masken, kein Abstand, stattdessen Küsschen links, Küsschen rechts", sagt sie. Dennoch seien Menschen auch dort mit der Coronapolitik der Regierung unzufrieden. "Ob jemand die Coronamaßnahmen ablehnt und befürwortet, hängt in Deutschland wie in Ungarn oder anderswo sicher auch davon ab, wie glaubwürdig und vertrauensvoll die jeweilige Regierung ist", sagt sie.

Was die Zukunft der Städtepartnerschaften angeht, ist sie zwiegespalten. "Einerseits finde ich diese Partnerschaften gerade in dieser Zeit, in der wir so viele Probleme in Europa haben, wichtiger denn je. Man geht anders miteinander um, wenn man miteinander redet, wenn man sich kennt, auch mal die Perspektive wechselt, andere Mentalitäten kennenlernt. Diese zwischenmenschlichen Beziehungen sind immer wichtiger, um zu verstehen, wie die Menschen ticken", sagt sie.

Desinteresse bei der Jugend

Andererseits sieht sie ein zunehmendes Desinteresse an solchen Partnerschaften, vor allem bei der Jugend. Diejenigen, die diese Städtepartnerschaften auf die Beine gestellt haben, sind in die Jahre gekommen. Es rücke aber niemand nach. Man könne die Arbeit nicht nur auf zwei, drei Schultern verteilen. Und es gibt noch ein Problem. Um die Partnerschaften zu pflegen, bedarf es Zeit und Geld. "Beides haben wir in Lommatzsch nicht", sagt sie. Für solche Partnerschaften gäbe es keine Fördermittel. Und auch personell sei die kleine Verwaltung an Grenzen gestoßen.

Vor fünf Jahren sei sie noch optimistischer herangegangen, habe sich zum Beispiel einen Jugendaustausch der Feuerwehren vorgestellt. Zwar gäbe es dafür ein Versprechen der Feuerwehr und auch Interesse vom Spielmannszug, aber noch keine konkreten Termine für Treffen. Hinzu kämen gerade mit Ungarn die Sprachbarrieren. "Bei mir ist inzwischen Ernüchterung eingekehrt. Das Interesse der Zivilgesellschaft ist an solchen Partnerschaften offenbar gering. Und eine Städtepartnerschaft nur auf Verwaltungsebene ergibt wenig Sinn", so die Lommatzscherin.

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Sind Städtepartnerschaften also ein Auslaufmodell? "Es ist wie in einer Ehe. Nach 25 Jahren ist die Neugier weg und der Gewohnheit gewichen. Wenn die Gesellschaft satt ist und kein Bedürfnis nach interkulturellem Austausch hat, müssen wir entscheiden, ob und wie wir solche Partnerschaften weiterführen", sagt sie. "Entweder wir kriegen das hin oder wir schaffen es nicht, weil wir es nicht wollen. Dann aber wäre es ehrlicher, diese Partnerschaften zu beenden. Das hieße aber aufgeben. Und das will ich nicht", so die Bürgermeisterin.

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