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Sozialromantik bringt keinen Umsatz

Es gibt kaum noch kleine Lebensmittelläden im Landkreis Meißen. Eine andere Branche profitiert davon.

Nah, gut und zu. Der ehemalige Edeka-Markt in Zehren ist geschlossen.
Nah, gut und zu. Der ehemalige Edeka-Markt in Zehren ist geschlossen. ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Meißen. Er hatte die Weltwirtschaftskrise überlebt, den Zweiten Weltkrieg, 40 Jahre DDR und auch die Nachwendezeit. Doch im Sommer 2017 war Schluss für den kleinen Lebensmittelladen in Lommatzsch. Der letzte Inhaber Steffen Hentschel hatte das traditionsreiche Lebensmittelgeschäft am Sachsenplatz zehn Jahre lang geführt. Es war der letzte Tante-Emma-Laden in der kleinen Stadt.

Was fehlte, waren die Kunden und der Umsatz. Hentschel hatte zunächst beide Verkäuferinnen entlassen müssen, versuchte es allein weiter. Doch es rechnete sich einfach nicht mehr. Die Kunden waren in die Supermärkte abgewandert.

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„Vor Ort sind Bevölkerung und Kommunalverwaltung meist froh, dass es solche Läden gibt. Man muss nicht den Weg zum nächsten Supermarkt auf sich nehmen, weil man ein Stück Butter, eine Flasche Milch oder ein Glas Honig kaufen möchte. Außerdem trifft man meist jemanden zum Reden, es gibt immer Klatsch und Tratsch und vielleicht auch eine gewisse Sozialromantik, indem man sich an frühere Zeiten erinnert. Für den Betreiber ist es auf dieser Basis aber kaum möglich, schwarze Zahlen zu schreiben“ sagt Lars Fieler, Geschäftsführer für Standortpolitik bei der Industrie- und Handelskammer Dresden. Sozialromantik bringen eben keinen Umsatz.

Jankes Einkaufszentrum in Ziegenhain schloss im Herbst vorigen Jahres, obwohl die Kunden dem Laden die Treue hielten.
Jankes Einkaufszentrum in Ziegenhain schloss im Herbst vorigen Jahres, obwohl die Kunden dem Laden die Treue hielten. ©  Archivfoto: Claudia Hübschmann

Irgendwann ist der Akku leer

Seit Jahren gibt es im Landkreis Meißen ein Sterben kleiner Lebensmittelläden auf dem Land. So beispielsweise in Zehren. Schon der Start des damaligen Edeka-Marktes war schwierig. Als der Coswiger Gottfried Bräuer den Markt Anfang 2002 übernahm, war die Bundesstraße 6 wegen Bauarbeiten monatelang dicht, die Einkaufsstätte nicht oder nur schwer zu erreichen. Die Straße war noch nicht richtig fertig, da kam die nächste Katastrophe: Das Jahrhunderthochwasser verursachte einen Schaden von rund 250 000 Euro. Nur einen Teil davon hat er von der Versicherung ersetzt bekommen.

Doch es kam noch schlimmer. 2013 stand das Gebäude erneut im Wasser der Elbe. Insgesamt entstand diesmal ein Versicherungsschaden von über 100 000 Euro. Die Gebäudeschäden waren nicht versichert, weil es hierfür keine Versicherung gab. Bräuer musste schließen.

„Die Bürger müssen sich mit ihrem Laden identifizieren und auch wirklich dort einkaufen. Und da sind wir bei den Preisen. Gerade im Lebensmittelbereich sind die Kunden trotz aller Bekenntnis zu Regionalität und Nachhaltigkeit sehr sensibel“, sagt Lars Fieler. Derartige Läden funktionierten meist in Regionen gut, wo der Kundenkreis eingeschränkt mobil sei durch Überalterung oder durch Defizite beim öffentlichen Personennahverkehr.

Doch mitunter reicht auch das nicht, wie das Beispiel Ziegenhain zeigt. Gleich nach der Wende hatte Simone Janke den ehemaligen Konsum übernommen. Die Kunden blieben ihr treu. Doch es wurden durch Abwanderung und Sterbefälle immer weniger. Am 31. Oktober vorigen Jahres war Schluss. Am fehlenden Umsatz lag es nicht. Doch seit 2000 stand sie sechs Tage die Woche von morgens bis abends im Geschäft, machte kaum noch Urlaub. „Irgendwann ist der Akku leer“, sagte sie damals.

In die entstandene Lücke sind andere gesprungen. Seit 2015 führt Steve Weiner die Mobile Frische in Schleinitz, eine Firma, die mit Verkaufswagen vor allem Lebensmittel aufs Land bringt. Insgesamt fahren die Mitarbeiter zehn Touren bis Dresden, Chemnitz und Leipzig. Allein im Landkreis Meißen gibt es rund 100 Anlaufpunkte, die regelmäßig angefahren werden, unter anderem in Riesa, Meißen, Nossen, Döbeln, Radebeul, Coswig.

"Können uns vor Anfragen kaum retten"

„Wir können uns vor Anfragen kaum retten, wurden sogar schon aus Bayern und Hannover angerufen, ob wir auch dort hinfahren können“, sagt der 40-Jährige. Das Unternehmen, das es seit 26 Jahren gibt und das einst unter „Tepenhof“ firmierte, hat mittlerweile 16 Angestellte. Das Geschäft boomt. „Uns rufen ständig Bürgermeister an, ob wir auch ihre Orte anfahren können“, sagt Steve Weiner.

Corona hat noch mal einen Schub gegeben. Die Bestellungen hätten sich erhöht, auch Drogerieartikel und Ähnliches würden jetzt bestellt. Viele Leute trauten sich wegen Corona nicht, mit dem Bus zu fahren, bevorzugen den Kauf vor der Haustür, sagt der Firmenchef. Werbung brauche er gar nicht zu machen, so groß sei der Zulauf und so groß ist die Lücke, die die Tante-Emma-Läden hinterlassen haben.

Bestellungen bei Pflugs Frische sind montags bis freitags von 6 bis 16 Uhr unter 035241 82200 möglich.

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