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Vom Paralympics-Star lernen

An diesem besonderen Sporttag zeigt Holger Nikelis, was im Rollstuhl möglich ist und was nicht. Am Ende fordern die Schüler den Weltmeister zum Duell heraus.

Perspektivenwechsel an der Kalkbergschule Meißen: Der Paralympics-Sieger zeigt, dass Volleyball, Basketball und Tischtennis auch im Rollstuhl kein Problem sind.
Perspektivenwechsel an der Kalkbergschule Meißen: Der Paralympics-Sieger zeigt, dass Volleyball, Basketball und Tischtennis auch im Rollstuhl kein Problem sind. © Claudia Hübschmann

Meißen. "Wen von euch könnte ich zu Hause besuchen?", fragt Holger Nikelis und stützt sich auf seinen Rollstuhl. Sein Blick schweift über Schüler in ausgewaschenen Sportklamotten. Schweigen. Niemand meldet sich. "Damit sind wir schon bei meinem Hauptproblem: Barrierefreiheit." 

Holger Nikelis ist 36 Jahre alt. Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte er im Rollstuhl: "Jetzt ist es einfach mein Leben." Bei einem Badeunfall mit 17 Jahren bricht seine Wirbelsäule und er ist querschnittsgelähmt. Beim Tischtennis hat Nikelis trotzdem alle großen Preise gewonnen: Er ist Deutscher Meister, Weltmeister und Paralympics-Sieger - obwohl er nicht mal einen Tischtennis-Schläger halten kann. Später wird er trotzdem auf die Frage eines Schülers antworten, dass - so komisch es klingt - er seinen Unfall nicht rückgängig machen würde, selbst wenn er könnte.

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Am Mittwoch war Nikelis anlässlich des Aktionstags 'Jugend trainiert für Olympia' an der Förderschule auf dem Kalkberg. Der Sporttag musste coronabedingt ganz anders ablaufen als sonst. Schon ein Leistungsvergleich mit anderen Schulen ist nicht möglich. An der Kalkbergschule haben sich die Lehrer deshalb etwas ganz Besonderes ausgedacht: Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin und Ergotherapeutin Linda Geisler-Seeliger hat der Tischtennis-Profi einen Rollstuhl-Parcour aufgebaut. Bei den verschiedenen Stationen soll mehr Respekt für die Behinderung entstehen, der Rollstuhl gleichzeitig als Sportgerät erkannt werden: Vor allem aber beginnen sich die Schüler mit dem Handicap auseinanderzusetzen.

Keinerlei Berühungsängste

Seit seinen ersten sportlichen Erfolgen nutzt Nikelis seine Popularität als Türöffner: "Zumindest ist es mir so am Anfang leichter gefallen, weil es ganz anders wirkt, wenn da ein mehrfacher Goldmedaillen-Gewinner kommt." Mit den Schülern ins Gespräch zu kommen ist seitdem zu seiner Berufung geworden: "Wenn wir die Jugendlichen frühzeitig sensibilisieren, greifen sie im Beruf hoffentlich einmal auf diese  Erfahrung zurück", sagt Nikelis. 

Auch bei der achten Klasse macht es den Eindruck, als sei sie noch disziplinierter als sonst. Ein wirkliches Gespräch kommt so aber nicht in Gang, dabei hat Nikelis noch kurz zuvor erzählt, wie wichtig es sei, dass Fragen gestellt werden, denn in Sachen Barrierefreiheit gebe es jede Menge Nachholbedarf. "Das ist ganz normal", berichtet Geisler-Seeliger. "Zuerst sind die Schüler distanziert, sobald sie einmal selber im Rollstuhl sitzen, kommen die Fragen ganz von alleine."

Denn wer hat vorher schon mal in einem Rollstuhl gesessen? Und dann ist gleich die erste Aufgabe, in engem Slalom durch die Halle zu fahren, ohne dass der Luftballon auf dem Schoß wegfliegt. "Ich kann das nicht", ruft eine der Neuntklässlerinnen, als sie nur von der Aufgabe hört, fasst sich aber doch ein Herz und kommt mit Bravour durch den Parcour. "Wenn die Schüler erst mal den Hindernis-Parcour durchlaufen haben, können sie super mit den Dingern umgehen", freut sich die Sportlehrerin Frau Rehn, die daneben die Basketball-Station betreut, von der die Schüler Freiwürfe im Rollstuhl werfen. Der ganze Aktionstag übertrifft die Erwartungen von Sportlehrerin Frau Rehn: "Dass es so reibungslos abläuft, es allen so viel Spaß macht, das hätte ich nicht gedacht: Vor allem haben die Schüler keinerlei Berührungsängste."

Duell: Schüler gegen Weltmeister

Am Ende der Veranstaltung traut sich sogar ein mutiger Neuntklässler, Nikelis zum Duell herauszufordern. "Sowas habe ich noch nie gemacht", erzählt der 36-Jährige, während er sich seinen Tischtennisschläger mit Band um die Hand wickeln muss. "Sonst könnte ich den Schläger gar nicht halten", erklärt Nikelis den verdutzten Schülern.

Nico hat nach dieser außergewöhnlichen Sportstunde einen besonderen Ehrgeiz entwickelt und verschwindet kurz im Klassenzimmer, um seinen eigenen Schläger zu holen. Derweil findet sich bereits der nächste Freiwillige, der den Weltmeister herausfordern möchte. Ganze fünf Punkte dauert es, bis Hannes den ersten Treffer macht und dann scheint sich das Blatt zu wenden:  Der Zehntklässler lehnt sich mit seinem Oberkörper ganz tief zur rechten Seite der Platte hinunter, lässt den Ball zweimal aufspringen. Angetäuscht. Der Ball schnallt auf die linke Seite. Ausgleich: Sieben zu sieben. Am Ende kann der Profi die Partie doch  ganz knapp für sich entscheiden. Bei seinem eigentlichen Ziel, seine Vision einer inklusiven Gesellschaft nach Meißen zu tragen, hat er hingegen ganz klar gewonnen.

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