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Stadt begeht Amalie Dietrichs 200. Geburtstag

Eine Frau hat im 19. Jahrhundert in der Wissenschaft für Aufmerksamkeit gesorgt. Zuletzt geriet sie aber auch in Kritik. Siebenlehn erinnert an ihre Verdienste.

200 Luftballons mit dem aufgedruckten Gesicht von Amalie Dietrich kündigen das Jubiläumsjahr der Naturforscherin an.
200 Luftballons mit dem aufgedruckten Gesicht von Amalie Dietrich kündigen das Jubiläumsjahr der Naturforscherin an. © Claudia Hübschmann

Siebenlehn. Mit einem „Glück auf“ sind 200 grüne Luftballons am Freitagvormittag in Siebenlehn auf die Reise geschickt worden, um das Amalie-Dietrich-Jahr 2021 einzuläuten. Damit wollen die Siebenlehner den 200. Geburtstag der weltbekannten Naturforscherin feiern. Wegen der Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie wurden die Luftballons von verschiedenen Standorten aus gestartet. So wurden Lauftballons auch an Schüler der Grundschule und an Kindergartenkinder ausgegeben, um sie an anderer Stelle steigen zu lassen.

Matthias Lütkemeier, Vorsitzender des Schulförderverein Siebenlehn und einer der beiden Initiatoren der Veranstaltungen im Jubiläumsjahr, sagte zur Eröffnung: „In diesem Jahr wollen wir an die Leistungen von Amalie erinnern. Amalie ist auch umstritten. Wir möchten die historischen Verdienste und Leistungen würdigen und mit den Kritikern von Amalie in Austausch treten.“ Ziel sei es unter anderem, dass die Botanikerin nicht in Vergessenheit gerate, „und auch die nachfolgenden Generationen auf die Tochter unserer Stadt stolz sein können.“

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Zudem wurde vor dem ehemaligen Rathaus auf dem Markt – Siebenlehn wurde 2003 als Stadtteil in die damalige Gemeinde Großschirma eingegliedert – eine eigens für das Jubiläumsjahr hergestellte Fahne gehisst.

Das Highlight im Veranstaltungskalender, so betonte Lütkemeier, werde die geplante Podiumsdiskussion „Amalie Dietrich im Wandel der Zeit“ am 27. Mai im Hotel „Schwarzes Roß“ sein, zu der verschiedene Experten eingeladen sind.

Viele Veranstaltungen im Laufe des gesamten Jahres sind organisiert. Inwieweit und in welchem Rahmen diese stattfinden können, ist noch unklar. „Wir hoffen, dass wir trotz Einschränkungen und natürlich mit den einzuhaltenden Regeln gemeinsam die Erinnerung an Amalie pflegen können“, sagte Lütkemeier.

Dietrich erlangt in einer Männerdomäne Anerkennung

Großschirmas Bürgermeister Volkmar Schreiter (FDP) lobte die Organisatoren: „Alle Achtung, was Matthias Lütkemeier und Dietmar Lippert ehrenamtlich auf die Beine gestellt haben.“ So hob er unter anderem positiv hervor, „das Programm ist sehr vielschichtig und für alle Altersgruppen ist etwas dabei.“ Als er selbst vor 35 Jahren nach Großschirma kam, kannte er den Namen Amalie Dietrich schon. Allerdings habe er sich noch nicht tiefgreifend mit dem Leben der Botanikerin befasst. „Ich muss zugeben, das Buch habe ich noch nicht gelesen. Ich werde es jetzt aber tun.“ Besonders freue er sich in dem Jahr auf die Podiumsdiskussion.

Amalie Dietrich wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Die schon in der Kindheit Naturinteressierte lernte von ihrem Mann, dem Botaniker Wilhelm Dietrich, die Grundbegriffe der Botanik. Später begann sie zunächst mit Reisen, größtenteils zu Fuß durch Europa, sammelte und präparierte Pflanzen. Es gelang ihr, den Hamburger Reeder Cesar Godeffroy, der ein Museum für Natur- und Völkerkunde der Südsee plante, von ihrer Arbeit zu überzeugen. Er schickte sie 1863 mit einem Forschungsauftrag für zehn Jahre nach Australien.

Vor zehn Jahren geriet Dietrichs Name in negative Schlagzeilen. „Der Todesengel der Aborigines“ werde sie in Australien genannt, so schrieb es der Berliner Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in der Zeitschrift „Geo“. Dafür gibt es allerdings keine Beweise, wie auch andere Forscher inzwischen herausfanden. Eine von ihnen ist die australische Historikerin Ray Sumner. Doch der ausnehmend gute Ruf Dietrichs ist seitdem beschädigt, zumal viele Medien in Deutschland über die angeblichen Gräueltaten bis hin zu Auftragsmorden berichteten. 2015 sagte Glaubrecht in einem Interview in der Freien Presse, dass es keine Belege für Auftragsmorde gebe. Und den schlechten Ruf habe Dietrich in Australien auch nicht, erklärte Dietmar Lippert, der auch Kontakte in das Land habe: „Amalie Dietrich gehört dort zum Unterrichtsstoff.“

Viele Persönlichkeiten werden in diesem Jahr in Siebenlehn erwartet, laut Lütkemeier unter anderen von der australischen Botschaft, der Ministerpräsident, Wissenschaftler und auch Familienmitglieder der Naturforscherin hätten zugesagt.

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