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"Wir brauchen eine Teststrategie im Freistaat"

Mit Blick auf kommende Massentests wünscht sich Landrat Ralf Hänsel eine klarere Linie. Im SZ-Interview erklärt er auch, warum er Inzidenzen kritisch sieht.

Ralf Hänsel (parteilos) hat mitten in der Krise das Amt des Landrats übernommen. Um die Krisenarbeit zu bewältigen, trifft er sich wöchentlich mit allen wichtigen Institutionen des Landkreises im Krisenstab Infektionsschutz.
Ralf Hänsel (parteilos) hat mitten in der Krise das Amt des Landrats übernommen. Um die Krisenarbeit zu bewältigen, trifft er sich wöchentlich mit allen wichtigen Institutionen des Landkreises im Krisenstab Infektionsschutz. © Claudia Hübschmann

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Eine Krise kann immer kommen. Die Bewältigung dieser, gehört mit zu meinen Aufgaben als Landrat. Das ändert nichts an meiner Freude, mit der ich das Amt bewältigen will.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Corona-Lage?

Die Lage im Landkreis ist nach wie vor angespannt. Das mache ich allerdings nicht nur an unseren Inzidenzzahlen fest. Für mich ist wichtig: Können wir die medizinische Versorgung für unsere Bürger im Landkreis aufrechterhalten? Unsere Intensivbetten in den Elblandkliniken sind vollbelegt. Wir waren und sind gezwungen, Patienten außerhalb des Freistaats Sachsen zu verlegen. Die Normalbettenkapazitäten sind ebenso am Rande dessen, was möglich ist.

Sie treffen sich regelmäßig im Krisenstab Infektionsschutz. Wer sitzt dort und wofür gibt es ihn?

Geleitet vom Gesundheitsamt, dient er dem Informationsaustausch zwischen fast allen Dezernaten des Landratsamtes, den Elblandkliniken, der Polizei, der Bundeswehr, den Städten und Gemeinden sowie dem Brand- und Katastrophenschutz und den Rettungsdiensten. Wir treffen uns wöchentlich.

Folgen aus diesem Austausch dann die Allgemeinverfügungen?

Der Gesetzgeber für die Schutzverordnungen ist der Freistaat Sachsen. Die Landkreise und Kreisfreien Städte werden vor einem Erlass gehört. Je häufiger es Verordnungen gibt, desto kürzer ist für uns die Zeit, Stellung zu beziehen. Darüber hinaus muss der Landkreis regelmäßig Allgemeinverfügungen erlassen. Zum Beispiel für einzelne Pflegeheime, in denen wegen des Infektionsgeschehens Quarantäne angeordnet wird. Nach einer fachlichen Überprüfung durch das Gesundheitsamt und einer rechtlichen durch das Rechts- und Kommunalamt entsteht so eine Allgemeinverfügung, die ich unterschreiben muss. Das hat nichts mit dem Krisenstab zu tun.

Sie haben aber trotzdem am 9. Dezember 2020 schärfere Regelungen im Landkreis beschlossen, die es so in Sachsen noch nicht gab? Wie zum Beispiel eine Maskenpflicht im Freien.

Das muss man exakter formulieren. Alle Landkreise haben damals eine eigene Allgemeinverfügung erlassen, die gleichlautend war. Insofern waren die Regeln im Freistaat nicht unterschiedlich, weil alle die gleichen Regeln erlassen haben. Der Freistaat Sachsen hatte zu diesem Zeitpunkt für wenige Tage keine landesweit einheitliche Regelung. Deswegen haben alle sächsischen Landkreise gleichlautende eigene Corona-Schutzverordnungen im Kleinen erlassen.

Sie beschäftigen nun von ursprünglich 50 Mitarbeitern bald 370 im Gesundheitsamt. Kann man diese noch anleiten?

Das ist äußerst aufwendig. Denn der fachliche Anspruch sowohl bei der Indexermittlung als auch bei der Kontaktnachverfolgung ist sehr hoch. Alle Neuen werden mindestens einen Tag geschult. Es liegt in der Natur der Sache, dass Personal wechselt und Landesbehörden sowie die Bundeswehr Mitarbeiter austauschen. Die neuen Mitarbeiter müssen dann erneut geschult werden. Trotzdem fehlt ihnen anfangs die Erfahrung.

Können Sie so die Kontakte nachvollziehen?

Wir sind seit Mittwoch in der Lage, die vom Freistaat gesetzte Zielmarke zu erreichen. Das heißt, wir können mehr als 80 Prozent der Fälle innerhalb von maximal 48 Stunden nachverfolgen. Das war bisher nicht immer der Fall. Wir lagen oft zwischen drei und vier Tagen, vor vier Wochen auch mal bei ungefähr einer Woche. Das ist schon die Grenze, an der eine Kontaktverfolgung noch Sinn ergibt. Die Richtlinie des Freistaates ist zwar fiktiv, aber infektiologisch betrachtet, ist die Kontaktnachverfolgung wichtiger als die Indexermittlung.

Was heißt Indexermittlung?

Das ist die Ermittlung der positiven Fälle. Jede dieser Personen wird in unser System eingepflegt. Bis zum Jahreswechsel gingen uns die Meldungen der Labore noch per Fax zu. Diese wurden händisch abgeschrieben und in zwei Systeme eingetragen: in unser eigenes und in das des Freistaats. Seit Jahreswechsel gibt es eine digitale Schnittstelle, mit der Labore gezwungen sind, ihre Meldungen an uns elektronisch zu übermitteln. Diese müssen wir trotzdem noch überprüfen. Das ist die Indexermittlung, die wir mittlerweile gut bewältigen können. Deshalb sind bei uns die täglich gemeldeten Zahlen auch wirklich aktuell. Zeitweise hatten wir aber Wellen von hohen Fallzahlen, die abgearbeitet werden mussten.

Wie belastbar sind die Indexzahlen?

Es ist entscheidend: Wann teste ich eine Person und wann wird dieses Testergebnis in ein System eingegeben. Wann wird das Ergebnis an eine andere Institution übermittelt. Und wann geht diese Zahl in eine Indexermittlung ein. Wenn man ein echtes Bild der Corona-Lage haben möchte, muss das genau abgestimmt werden, und zwar mit dem Zähl- und Wertungsstandard des RKI. Das haben wir vor Wochen schon gemacht und zum Beispiel immer die gleiche Uhrzeit für die Indexermittlung verwendet.

Letztlich ist ein korrekter Index entscheidend, um politische Entscheidungen treffen zu können?

Alle politischen Handlungsprozesse hängen vom Index ab. Dieser ergibt sich auch daraus, wie viel man testet. Nirgendwo ist vorgeschrieben, wie viele Tests man pro 100.000 Einwohnern braucht. Erst so wären Indexwerte aber vergleichbar. Wir testen zum Beispiel viel mehr als andere Landkreise. Dafür haben wir in unseren Elblandkliniken ein eigenes Gerät. Von September bis Dezember führten wir 39.000 Tests durch und von Dezember bis Mitte Januar reichlich 18.000. Obendrauf kommen noch die Tests der LUA und anderer Labore für den Landkreis. Die Anzahl von Tests in anderen Laboren sind mir aber gar nicht zugänglich, sondern nur die Ergebnisse der positiven Corona-Fälle. Im Landkreis Meißen sind wegen der vielen Tests auch die Indexwerte dauerhaft hoch.

Sollte man weniger testen?

Was soll darauf eine vernünftige Antwort sein: Soll ich weniger Tests durchführen, um niedrigere Inzidenzwerte zu bekommen? Wir sind nicht im Wettbewerb und auch nicht schlechter als andere in Sachsen bezogen auf die Einhaltung von Schutzmaßnahmen, die ich sehr begrüße.

Welche Herausforderungen sehen sie jetzt noch?

Wir hoffen, dass die getroffenen Maßnahmen bis Februar eine Wirkung zeigen und die Inzidenzen nach unten gehen. Jetzt sind zwei Wochen seit Silvester vergangen, in denen wir einen weiteren Infektionsschub erwartet haben. Nächste Woche sollten wir eine Tendenz nach unten sehen. Sonst wäre das mehr als enttäuschend. Wenn das Infektionsgeschehen auf diesem Niveau bleibt, kann unser Gesundheitsamt das noch bewältigen. Wir können aber nicht unendlich viele zusätzliche Mitarbeiter holen.

Deswegen warne ich immer vor unkontrollierten Massenschnelltests. Denn sie bilden nur eine Momentaufnahme ab und der weitere Umgang mit deren Ergebnissen ist gegenwärtig nicht klar geregelt. Wenn man es ernst meint, müsste jeder Schnelltest mit einem PCR-Test verifiziert werden. Ob unser Gesundheitsamt bei Massentests dann noch in der Lage wäre, das Fallgeschehen im bisherigen Umfang zu bearbeiten, hängt natürlich von dessen Gesamtergebnis ab. Unser Anspruch ist daher eine einheitliche Falldefinition, die dann im Index berücksichtigt wird.

Sind Sie ein Gegner von Massenschnelltests?

Nein. Ich bin dafür, dass diese richtig geplant werden. Deshalb brauchen wir eine Teststrategie im Freistaat. Regelmäßige Schnelltests sind für mich in Altenheimen sinnvoll. Zum Beispiel um alle Heimbewohner mindestens zweimal die Woche oder alle Mitarbeiter täglich zu testen. So können Quarantäneentscheidungen zeitnah gefällt werden. Wenn ich unkontrollierte Massentests mache, leitet sich daraus kein infektiologisches Handeln ab. So weiß man nur, wie viele positive Fälle es zum Zeitpunkt des Tests gibt.

Ab Montag werden die Abschlussklassen getestet. Das beobachten wir. Wir wissen allerdings nicht, was dies im Umkehrschluss an Aufwand bei uns verursacht. Eine klarere Linie zum weiteren Vorgehen wäre aus meiner Sicht wünschenswert.

Das Gespräch führte Martin Skurt.

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