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„Uns speist man mit Fixkosten ab“

Einzelhändler wünschen sich mehr Planbarkeit in der Pandemie. Meißner Geschäfte erklären ihre Not.

Ronny Rühle (vorn rechts) und seine Belegschaft. Der Unternehmer mahnt seit Wochen, die Einzelhändler nicht im Stich zu lassen.
Ronny Rühle (vorn rechts) und seine Belegschaft. Der Unternehmer mahnt seit Wochen, die Einzelhändler nicht im Stich zu lassen. © Kristin Richter

Meißen. Die Innenstädte sind wie leergefegt. Oder werden es bald sein, wenn dem Einzelhandel nicht geholfen wird. Davon geht zumindest Ronny Rühle aus. Der Unternehmer betreibt unter anderem drei Modegeschäfte in Riesa, Großenhain und Meißen. Erst vergangene Woche prangerte er öffentlich die sächsische Regierung an, dass sie Einzelhändlern keine Perspektive böte. Und zwar in einem Live-Beitrag für die Welt. Dort erklärte er zum Beispiel, dass er seine Altersvorsorge kündigen musste, um mit seinem Geschäft zu überleben. Allein mit Onlinehandel könne er die Verluste nicht auffangen.

„Als klassischer Einzelhändler sind vor allem unsere Geschäfte der Anlaufpunkt für Kunden“, so Ronny Rühle. Wegen des Lockdowns nun einfach nebenbei ein Onlinegeschäft aufzubauen, funktioniere nicht. Dafür müsse man Geld und Zeit investieren. Er selbst hat in der Krise eine eigene Kunden-App entwickelt und einen neuen Laden in Riesa eröffnet. Trotzdem mahnt er, dass lebendige Innenstädte verloren gehen, wenn die Einzelhändler nicht unterstützt werden. „Gerade das Weinfest oder der Töpfermarkt leben von der Gastronomie und von uns Einzelhändlern.“

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Besonders bitter empfindet er die sogenannten Novemberhilfen. Auf der einen Seite profitieren davon große Franchiseunternehmen wie McDonalds oder Starbucks. Denn diese generieren in der Krise weiter Umsätze und erhalten darüber hinaus staatliche Hilfen. Zudem zahlen sie nur wenig Steuern. Auf der anderen Seite sei es schlicht ungerecht, nur ein paar wenige Unternehmen bedingungslos mit 75 Prozent des Vorjahresumsatzes im November zu unterstützen. „Uns Einzelhändler speist man hingegen mit betrieblichen Fixkosten ab.“ Für persönliche Lebenshaltungskosten bleibe da nichts. Seinen Ärger hat er neben seinem Medienauftritt in der Welt auch als öffentlichen Brief verfasst: unter anderem an Landrat Ralf Hänsel (parteilos) sowie den Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD). Stellungnahmen blieben bisher aus. Ronny Rühle nahm deshalb auch am 11. Januar an der Aktion „Wir machen aufmerksam“ teil, eine Netzinitiative einer bayerischen Kommunikationsagentur.

Pelzhaus Hempel wünscht sich einen politischen Fahrplan

Auch im traditionsreichen Pelzhaus Hempel auf der Burgstraße blickt man resigniert auf die aktuelle Situation. Zwar reparieren Thomas Margenberg und seine Schwester in der Riesaer Werkstatt noch einige kaputte Kleidungsstücke: „Aber irgendwann sind auch die nicht mehr da“, so der Inhaber des Meißner Geschäfts. „Uns fehlt der reguläre Betrieb, Reparaturen retten uns nicht.“ Um den Umsatzverlust etwas auszugleichen, nutzt er vermehrt das Portal Meissen.Online, ein eigener digitaler Marktplatz der Stadt Meißen.

„Die Plattform erleichtert uns die Organisation“, sagt Thomas Margenberg. Doch noch immer seien zu wenige Einzelhändler aus Meißen dabei. „Es wäre schön, wenn sich noch mehr beteiligen.“ Dann könnten alle voneinander profitieren. Er erklärt die Idee des Onlineshops: „Ein Kunde möchte zum Beispiel Wein kaufen und sucht auf Meissen.Online danach. Im besten Fall landet er danach auf meiner Seite oder auf einer anderen und kauft dort noch etwas.“ Vorbild ist demnach: der Einkaufsbummel durch die Stadt. Nur eben online.

Allerdings kann er durch den Onlinehandel nicht seinen Umsatzrückgang stoppen, denn dafür verkauft er zu wenig. „Im Prinzip habe ich keinerlei Einnahmen. Auch meine Reserven sind irgendwann alle.“ Es klemme mittlerweile überall. Lange hält sein Geschäft das nicht mehr durch. Zudem hat er seit dem Frühjahr 2020 keine weitere Überbrückungshilfe erhalten. Sein Steuerbüro erarbeite einen aktuellen Antrag. Doch ob er Anspruch hat, wisse er zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Sachsenweit können Handwerker und Händler wohl in diesem Monat nicht mit der Auszahlung rechnen.

Am Umgang mit der Corona-Krise störe Thomas Margenberg am meisten: das offene Ende. „Wir als Unternehmen müssen planen können. Ich wünsche mir von der Politik, dass sie einen Fahrplan aufstellt und so mehr Klarheit schafft.“ In seinen Augen werden die Einzelhändler hingehalten. „Wenn ich gewusst hätte, wann ich wieder öffnen darf, hätte ich mir vielleicht einen anderen Job gesucht.“ Er hoffe nun, dass er im Frühjahr wieder öffnen darf. Viel wichtiger ist aber, dass die Meißner in die Innenstadt kommen und die Händler, aber auch Gastronomen unterstützen.

Parfümerie Novita hofft auf treue Kunden nach dem Lockdown

Gabi Hähnel, Inhaberin der Parfümerie Novita auf der Elbstraße, ist ebenso enttäuscht. Auf die Frage, was Sie an der derzeitigen Lage kritisiere, antwortet sie so: Sie habe noch die Worte Jens Spahns im Ohr, der keinen zweiten Lockdown versprochen hatte. Durch diesen hat sie im Dezember allein 40 Prozent an Umsatz eingebüßt. Im Januar rechnet sie mit 100 Prozent. Trotz eines eigenen Onlinehandels. Darüber bestelle jedoch kaum einer. „Eher bekomme ich Anrufe, um Ware zu liefern“, sagt sie. Dafür postet sie regelmäßig Gutscheine auf Facebook, um Kunden zum Kaufen zu bewegen.

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Sie hoffe, dass die Geschäfte bald wieder öffnen können. Denn Überbrückungshilfen seien auch in ihrem Fall nicht sicher. Im Herbst möchte sie aber das 30-jährige Bestehen ihres Geschäfts in Meißen feiern. In dieser Zeit hat sie sich einen Kundenstamm aufgebaut. Wenn sie wieder öffnen darf, hofft sie, dass die Kunden ihr treu bleiben.

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