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Unternehmen im Kreis Meißen wegen hoher Energiekosten unter Druck

Im Stahlwerk Riesa ruhte zeitweise sogar die Produktion. Clevere Einkäufe und Wärmerückgewinnung reichen nicht aus, um die Mehrkosten zu kompensieren.

Von Ines Mallek-Klein
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Das Riesaer Stahlwerk Feralpi hat eine eigene Stromversorgung mit Umspannwerk. Als die Preise aber extrem nach oben schossen, wurde die Stromzufuhr kurzzeitig abgeschaltet: zu teuer. Bei derart hohen Preisen ist ein rentabler Betrieb nicht mehr möglich.
Das Riesaer Stahlwerk Feralpi hat eine eigene Stromversorgung mit Umspannwerk. Als die Preise aber extrem nach oben schossen, wurde die Stromzufuhr kurzzeitig abgeschaltet: zu teuer. Bei derart hohen Preisen ist ein rentabler Betrieb nicht mehr möglich. © Klaus-Dieter Brühl

Meißen. Lieferengpässe, fehlende Fachkräfte und dann auch noch steigende Energie- und Rohstoffpreise. Die Unternehmen im Elbland sind unter Druck. Sie müssen vielfach ihre Gewinnziele korrigieren und mit langjährigen Kunden über Preiserhöhungen verhandeln.

Bei der ESF Elbe Stahlwerke Feralpi GmbH ruhte in den zurückliegenden Monaten für einige Zeit die Produktion, weil die Strompreise kurzfristig so weit in die Höhe schossen, dass ein rentabler Betrieb nicht mehr möglich war, bestätigt Werksdirektor Uwe Reinecke sächsische.de. Gegenüber 2020 müsse das Stahlwerk nun doppelt so viel für Energiekosten aufwenden.

Bei der Energiebeschaffung setze man auf langfristige Abnahmeverträge – und zwar für grünen Strom, allerdings nicht von regionalen Versorgern. Die seien mit Bezug auf Energiebedarf und der Abnahmestruktur leider nicht wettbewerbsfähig, räumt der Leiter Energie & Medien, Tim Bause, ein.

Nordstream 2 Schuld an explodierten Gaspreisen?

In den nächsten Jahren will das Unternehmen seine Energiebeschaffung anpassen und weitere Einsparpotenziale suchen. Schon jetzt nutze man die Abwärme aus dem Elektrolichtbogenofen. Mit dieser Abwärme werden rund zwei Prozent des gesamten Stromverbrauchs erzeugt. Werksdirektor Uwe Reinecke sieht hier durchaus noch Potenzial für Erweiterungen.

Die Walzengießerei Coswig GmbH rechnet im laufenden Jahr mit fünf bis sieben Prozent Mehrausgaben für Strom. Für 2022 erwartet Bert Tietze einen noch rasanteren Preissprung. „Bei den Gaskosten müssen wir gegenüber 2021 einen Anstieg von zirka 100 Prozent kalkulieren, Strom wird sich rund um ein Fünftel verteuern“, sagt der Prokurist des Unternehmens.

Seit fast 130 Jahren werden hier Walzen und Gussteile hergestellt. Zu den Abnehmern gehören Windenergieunternehmen, Hersteller von Mahl- und Zerkleinerungsanlagen oder Maschinenbauer. Um die Bauteile in Form zu bringen, braucht es Energie, viel Energie.

Das Gas liefert ein regionaler Versorger und der Einkauf ganzer Tranchen an der Börse (EEX) gibt in begrenztem Umfang Planungssicherheit. Das Problem sei aber, dass die Preisentwicklungen im zu Ende gehenden Jahr deutlich sprunghafter sind, als in den vergangenen Jahren, so Bert Tietze.

Die energieintensive Walzengießerei in der Walze Coswig. Das Unternehmen rechnet für 2021 mit fünf bis sieben Prozent Mehrausgaben für Strom.
Die energieintensive Walzengießerei in der Walze Coswig. Das Unternehmen rechnet für 2021 mit fünf bis sieben Prozent Mehrausgaben für Strom. © Arvid Müller

Er sieht auch in der verzögerten Inbetriebnahme der Gaspipeline Nordstream 2 einen Grund für den explosionsartigen Anstieg des Gaspreises. Beim Stromkauf nutzt das Unternehmen Konzernkonditionen. Um eine eigene Energieversorgung aufzubauen, müsste investiert werden. „Unser Fokus bei Investitionen liegt aktuell aber eher in der anlagentechnischen Ausrüstung des Produktionsbereichs“, so der Prokurist.

Die Produktion muss weiterlaufen und die Walzengießerei telefoniert mit ihren Kunden. Es gibt keine erfreulichen Nachrichten vor dem Fest, denn die Mehrkosten müssen zum Teil an die Endkunden weitergegeben werden.

Selbst die Einführung eines Energieteuerungszuschlags ist in der internen Diskussion. Eine Entspannung ist nicht in Sicht. Denn die von der neuen Bundesregierung in Aussicht gestellte Abschaffung der EEG-Umlage wird durch die Co2-Steuer bei Gas wieder verfrühstückt.

„Die Frage ist, was für energieintensive Unternehmen getan werden kann, um im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz keinen Wettbewerbsnachteil in Deutschland zu haben“, so Bert Tietze. Dieses Thema könne Deutschland aber nicht alleine lösen, das müsse auf europäischer Ebene geklärt werden, um die Schwerindustrie auf dem Kontinent zu behalten.

Düsterer Ausblick für energieintensive Betriebe

Auch die Kunden von Wacker Chemie müssen sich darauf einstellen, dass unter der Rechnung höhere Beträge stehen. Bereits Mitte Oktober hat der Geschäftsbereich Wacker Silicones wegen anhaltend steigender Energie-, Rohstoff- und Logistikkosten Preiserhöhungen von 30 Prozent und mehr angekündigt, Wacker Polymers hebt aus den gleichen Gründen seine Preise für Polymerdispersionen, Dispersionspulver und Festharze bis zu 20 Prozent an.

Die Energiekosten belasten das Konzernergebnis. Auch wenn der Konzern für einzelne Standorte aus Wettbewerbsgründen keine Zahlen veröffentlicht, werden höhere Rohstoff- und Energiepreise das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen des Konzerns im laufenden Geschäftsjahr um mehr als 400 Millionen Euro gemindert. Für 2022 erwartet das Unternehmen weitere Belastungen, die zumindest teilweise an die Kunden weitergegeben werden müssen.

Doch es gibt auch Versuche, den Verbrauch und die Kosten zu senken. „Am Standort Nünchritz setzen wir auf die Rückgewinnung von Wärme aus unseren Produktionsprozessen“, heißt es aus dem Unternehmen. Je effizienter man arbeite, umso besser, auch mit Blick auf die angekündigten Änderungen im EEG-Gesetz. Ob sie bei gleichzeitig steigenden Energiepreisen tatsächlich Entlastung bringen, wollte Wacker Chemie zum aktuellen Zeitpunkt nicht bewerten.

Das sich die Bedingungen für die energieintensiven Unternehmen in Deutschland mittelfristig verbessern, damit rechnet der Werksdirektor des Riesaer Stahlwerkes nicht. „Da sowohl das Energiesteuergesetz als auch das Stromsteuergesetz und die europäische Energiesteuerrichtlinie derzeit auf dem Prüfstand stehen, dürfte es regierungsseitig das Ziel werden, die bisherigen Ermäßigungen für energieintensive Unternehmen schrittweise abzuschmelzen“, so Uwe Reinecke.

Da es immer schwerer werde, in Deutschland kostengünstig zu produzieren, will sich Feralpi Stahl vom billigen, aber eben auch klimaschädlich produzierten Stahl aus dem Ausland abgrenzen: mit einem geschützten grünen Label für klimafreundlich und CO2-arm produziertem Stahl. Ein erster Schritt in die Richtung wurde schon gegangen. Alle Produkte aus dem Riesaer Stahlwerk werden rohstoffschonend aus Schrott hergestellt.