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Vergewaltigung vorgetäuscht

Eine Frau ruft die Polizei, weil sie in Meißen vergewaltigt wurde. Als die Beamten eintreffen, ist sie verschwunden.

Von Jürgen Müller
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Nach einem Notruf wegen Vergewaltigung fährt die Meißner Polizei zum Elbecenter. Doch das angebliche Opfer ist verschwunden.
Nach einem Notruf wegen Vergewaltigung fährt die Meißner Polizei zum Elbecenter. Doch das angebliche Opfer ist verschwunden. © SAE Sächsische Zeitung

Meißen. Bei der Polizei geht ein Notruf ein. Es meldet sich eine Frau, die berichtet, sie sei in der Elbstraße in Meißen von zwei Männern vergewaltigt worden. Jetzt halte sie sich am Elbecenter auf. Als die Beamten dort eintreffen, ist sie verschwunden. Sie ist nach Kamenz gefahren, wo sie wohnt. Dortige Polizisten suchen sie in ihrer Wohnung auf, treffen sie auch an. Jetzt sagt sie, ein Mann habe sie an Brust und Genitalien berührt. Von einer Vergewaltigung ist nicht mehr die Rede. Auch Strafanzeige will die Frau nicht stellen.

Eine Strafanzeige fertigen die Polizisten dennoch. Aber nicht gegen einen mutmaßlichen Vergewaltiger, sondern gegen die Frau. Wegen Vortäuschens einer Straftat und Missbrauchs von Notrufen sitzt die 41-jährige Kamenzerin nun vor dem Meißner Amtsgericht, mehr als zwei Jahre nach der Tat.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie so etwas macht. Ihr Sündenregister zählt elf Eintragungen. Bereits 2003 wurde sie vom Amtsgericht Kamenz wegen falscher Verdächtigung zu einer Haftstrafe von vier Monaten verurteilt, drei Jahre später erneut. Diesmal gab es nur eine Geldstrafe. Es folgen zwei weitere Strafen wegen Vortäuschens einer Straftat und Missbrauchs von Notrufen sowie wegen falscher Verdächtigung. Jetzt gibt es zehn Monate Haft, wieder auf Bewährung.

Zuletzt saß sie 2018 vor dem Meißner Amtsgericht. Das Delikt: falsche Verdächtigung. Auch hier hatte sie angegeben, vergewaltigt worden zu sein. Das Urteil: zehn Monate Haft. Erneut auf Bewährung. Jetzt für drei Jahre. Mit anderen Worten: Bei der jetzt angeklagten Tat stand sie unter Bewährung. Und nicht nur das. Ihre Bewährungsauflagen hat sie nicht erfüllt. Die bestanden darin, in der Bewährungszeit keinen Alkohol mehr zu trinken, sich in psychische Behandlung zu begeben und dies alle drei Monate dem Gericht nachzuweisen. In Behandlung will sie sein, Nachweise dafür hat sie nicht.

Ach ja, der Alkohol. Seit 2008 trinkt die Mutter zweier Kinder exzessiv, Bier, Wein, Sekt, Kräuterlikör. War schon mal zur Entgiftung und Therapie, hat aber nichts gebracht. Auch am Tattag war sie wieder betrunken, nach eigenen Angaben hatte sie 3,2 Promille Atemalkohol. Als die Polizisten Stunden später in ihrer Wohnung auftauchen, zeigt das Messgerät 1,8 Promille.

Die Polizei als Taxi

Wie sie denn auf die Idee gekommen sei, eine Vergewaltigung anzuzeigen und was sie damit bezweckt habe, will die Richterin wissen. Die Begründung ist ebenso verblüffend wie dreist. "Ich wollte von Meißen nach Kamenz, hatte gedacht, die Polizei bringt mich nach Hause", gibt sie zu. Die Polizei als Taxi sozusagen. Das habe schon mal geklappt, sagt sie. Und warum hat sie dann nicht auf die Polizei gewartet? "Das hat mir zu lange gedauert. Und außerdem war es kalt." Im August.

Die gelernte Altenpflegerin ist seit Jahren erwerbsunfähig, bezieht eine Erwerbsunfähigkeitsrente, leidet zudem unter psychischen Störungen, nimmt verschiedene Medikamente. Und trinkt massiv Alkohol. Die Staatsanwältin sieht daher zwar eine eingeschränkte Schuldfähigkeit, aber keinen Grund, das Strafmaß zu reduzieren. "Sie wussten genau, dass sie Straftaten begehen, wenn Sie Alkohol getrunken haben", wirft sie ihr vor und fordert eine Haftstrafe von zehn Monaten, diesmal aber ohne Bewährung.

Da geht auch der Verteidiger mit, will allerdings "letztmalig" Bewährung. Er sieht seine Mandantin an der Grenze zur Schuldunfähigkeit.

Auf des Messers Schneide

Die Richterin verurteilt die Kamenzerin zu der beantragten Haftstrafe, setzt diese jedoch erneut für drei Jahre zur Bewährung aus. Zudem wird die 41-Jährige einem Bewährungshelfer unterstellt. Und erneut muss sie eine psychische Behandlung alle drei Monate nachweisen. "Es stand auf Messers Schneide. Ich hätte auch wie von der Staatsanwaltschaft beantragt eine Haftstrafe ohne Bewährung gut begründen können", so die Richterin. Sie habe schwere Tatvorwürfe gegen zwei Männer einfach ins Telefon gesprochen, wirft sie ihr vor.

Eine Haft würde die Tat zwar sühnen, aber der Angeklagten in ihrer jetzigen Situation nicht helfen. Nach der Entlassung würde sich die Mühle weiterdrehen. Sie habe die Hoffnung und das Vertrauen, dass die Angeklagte jetzt den Ernst der Lage begriffen habe.

Die will jetzt immerhin nach einer erneuten Entgiftung eine Therapie machen. So oft wird sie diese Chance nicht mehr bekommen, denn eine solche Therapie kostet rund 25.000 Euro. "Ich trinke nichts mehr, will das auch nicht mehr, alles gut", sagt die Angeklagte. Nichts ist gut. "Sie sind alkoholkrank, und das bleiben Sie auch ihr Leben lang", so die Richterin.

Der Angeklagten dürfte klar sein, dass sie mit mehr als einem Bein im Gefängnis steht, wenn sie die Bewährungsauflagen wieder nicht erfüllt oder neue Straftaten begeht. Wenn das Urteil überhaupt rechtskräftig wird. Die Staatsanwaltschaft kann noch dagegen vorgehen, Berufung oder Revision einlegen.