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Versuchung im Pfandleihhaus

Mit 34 Jahren hat ein Meißner schon ein bewegtes Leben hinter sich. Nur eines hat er bis heute nicht geschafft.

Auch in einem Pfandleihhaus klaute der Angeklagte. Es ist nicht die einzige Tat, die ihm vorgeworfen wird.
Auch in einem Pfandleihhaus klaute der Angeklagte. Es ist nicht die einzige Tat, die ihm vorgeworfen wird. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Wer zu zeitig kommt, hat aber auch Pech. So wie der Angeklagte. Tage vor seiner Verhandlung schlägt er im Meißner Amtsgericht auf. Und ist völlig verdutzt, dass die Verhandlung erst eine Woche später stattfindet.  Zu dieser erscheint er dann aber nicht. Jedenfalls nicht gleich. Kurz vor Ablauf des „akademischen Viertels“ ist er doch da. Er hat es verschlafen. 11 Uhr ist ja auch noch früh am Tage.

Ausgeschlafen ist aber an einem Mai-Tag dieses Jahres. Da ist es allerdings schon 14.30 Uhr, als er ein Pfandhaus betritt. Dort ist er gut bekannt, weil er immer in den letzten Wochen des Monats vorstellig wird, um sein Handy gegen Bares abzugeben. Denn sein Arbeitslosengeld II ist aufgebraucht, aber noch viel Monat übrig. Der Inhaber ist allerdings mit einer anderen Kundin beschäftigt. Da sieht der 34-jährige ein anderes Handy liegen. Es lächelt ihn an und scheint zu sagen: „Nimm mich mit“. 

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Er erliegt der Versuchung, steckt das Handy im Wert von 135 Euro ein. Lange hat er daran keine Freude. Denn kurz darauf ist der Dieb selbst bestohlen worden. Sagt er jedenfalls.

Wegen dieses Diebstahls, aber auch anderer Straftaten sitzt er nun vor Gericht. So hat er sich auch mal eine Tafel Schogetten im Wert von 99 Cent in die Hosentasche gesteckt und wollte ohne zu bezahlen durch die Kasse. „Ich hatte wieder mal keinen Cent einstecken und gehört, dass Sachen unter 2,50 Euro ein Kavaliersdelikt sind“, sagt er. Auch mehrere Schwarzfahrten werden ihm vorgeworfen. Weit kommt er nicht, die Kontrolleure kennen ihn wohl schon. Einmal will er von Meißen-Altstadt nach Meißen-Triebischtal fahren. Auch auf dieser kurzen Strecke wird er erwischt. „Das macht man nicht“, gibt er sich reuig, es komme nicht mehr vor: „Ich habe jetzt ein Fahrrad“, sagt er.

Mit 34 Jahren hat er schon ein bewegtes Leben hinter sich. Zehn Jahre lang hat er sich in Spanien aufgehalten. „Ich hatte eine Gefängnisstrafe offen, da habe ich mich ins Ausland abgesetzt“, gibt er offen zu. Dort habe er lange Zeit in einem Callcenter gearbeitet, für eine deutsche Firma technischen Support gegeben. Wie er das denn gemacht habe als Hauptschüler ohne Beruf, will die Richterin wissen. Jetzt kommt er fast ins Schwärmen. „Das ist das Schöne an Spanien, da braucht man keinen Beruf, sondern nur einen Kopf und zwei Hände, wird zwei, drei Wochen angelernt“, sagt er.

Dann kommt er wieder nach Deutschland zurück. Obwohl oder gerade weil er seine Familie 17 Jahre lang nicht gesehen hat, ist der Empfang eher frostig. Er hat den Kontakt inzwischen wieder abgebrochen.

Seit vier Jahren ist er hier, hat davon genau einen Monat gearbeitet, wurde als Trockenbauer angelernt. War wohl nicht das Richtige. Seitdem macht er - nichts. Stimmt nicht ganz. Er klaut. Im Kaufland Meißen hat er deswegen lebenslanges Hausverbot, wie er selbst sagt. Eines hat er mit 34 Jahren immer noch nicht geschafft: einen Berufsabschluss.

Vor dem Gefängnis habe er keine Angst, seitdem er mal drin gesessen habe, sagt er. Ins Gefängnis muss er diesmal nicht. Das Gericht verurteilt ihn zu einer Geldstrafe von 925 Euro. Bezahlen können wird sie der Mann, der nach eigenen Angaben 10.000 Euro Schulden hat, wohl nicht. Auf Antrag bei der Staatsanwaltschaft kann er die Strafe  abarbeiten. Macht er auch das nicht, muss er 65 Tage in Haft. Ungemach droht  noch  von anderer Seite. Weil er Cannabis anbaute, steht ein weiteres Verfahren an.

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