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PLUS Meißen

Vorfreude und eine Träne im Knopfloch

Nach mehr als drei Jahrzehnten übergibt Andreas Herper sein Meißner Taxi-Unternehmen. Der Nachfolger hat vor allem mit zwei Problemen zu kämpfen.

Gespiegelt in der blitzblanken Heckscheibe eines Transporters. Taxiunternehmer Andreas Herper (rechts) mit neuem Nachfolger Christian Klemm.
Gespiegelt in der blitzblanken Heckscheibe eines Transporters. Taxiunternehmer Andreas Herper (rechts) mit neuem Nachfolger Christian Klemm. © Claudia Hübschmann

Er hat ihn immer noch, wenn auch nur als Modell. Andreas Herper greift ins Regal seines Büros, holt ihn hervor, den roten Lada 1500 im Maßstab 1:24. "Sogar mein originales DDR-Kennzeichen von damals ist dran", sagt er stolz und lacht. Mit dem Auto aus sowjetischer Produktion, auch der "Mercedes des Ostens" genannt, fing alles an. Damals, 1987, begann er mit seinem Lada als Zusatztaxifahrer. "Davon gab es etwa zehn in Meißen. Bitte nicht verwechseln mit Schwarztaxis", sagt er.

Seinen Wunsch, das Taxifahren zum Hauptberuf zu machen, verwirklichte er kurz nach der Wende. Er kündigte seinen Job bei Planeta in Radebeul und gründete im April 1990 einen Taxibetrieb als Einzelunternehmer. "Gefühlt 30 Leute hatten das damals in Meißen ebenso gemacht", sagt er. Das Geschäft läuft gut - bis die D-Mark kommt. "Da kaufte sich doch jeder ein altes Westauto, Taxis waren kaum noch gefragt", so Andreas Herper.

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110 Mitarbeiter, 56 Fahrzeuge

Er sieht sich nach neuer Kundschaft um, fährt seit 1991 als Kurierdienst auch die Sächsische Zeitung aus, stellt einen Fahrer ein. "Ich hatte mir kurz vorher einen Passat zugelegt, eine Limousine, keinen Kombi, habe mich sehr geärgert, denn den hätte ich jetzt gebraucht", so der Unternehmer. Und lässt sich was einfallen. Kauft sich einen Anhänger, mit dem er jetzt die Zeitungen zu den Zustellern schafft.

Und es geht weiter bergauf. Seit 1993 bekommt er Aufträge für die Schülerbeförderung. Das ist auch heute noch ein wichtiges Geschäftsfeld. Schüler fährt das Unternehmen nicht nur im Landkreis Meißen, sondern auch in Dresden, Oschatz, Lübben, Chemnitz, Merseburg. Seit 2000 arbeitet die Firma auch für die Deutsche Post, hat den Briefdienst für Riesa, Senftenberg, Hoyerswerda und Lauchhammer übernommen. Nicht nur die 56 Fahrzeuge laufen prächtig, sondern auch das Geschäft. Mittlerweile sind 110 Mitarbeiter angestellt, davon 85 Minijobber. Andreas Herper ist ein erfolgreicher Unternehmer geworden.

"Eine tolle Lebensleistung"

Doch jetzt gibt er seinen Betrieb ab, verkauft ihn an einen Nachfolger. Der 38-jährige Christian Klemm, als Speditionskaufmann viele Jahre bei einer großen Sammelgutspedition beschäftigt, hat den Taxibetrieb übernommen. Geplant war das so eigentlich noch nicht. "Ich hätte gerne noch bis 70 weitergemacht", sagt Andreas Herper. Aber eine Krankheit zwingt ihn dazu, kürzerzutreten.

2020 feierte das Unternehmen sein 30-jähriges Bestehen. Aus den genannten Gründen wollte Andreas Herper zum Jahresende aufhören. Doch die Übernahme des Betriebes durch einen Mitarbeiter klappte nicht. So schrieb er die Firma aus. Christian Klemm war einer von mehreren Bewerbern.

Offenbar stimmte die Chemie zwischen den beiden von Anfang an. "Im Mai dieses Jahres saß ich das erste Mal im Büro von Herrn Herper. Schon im Oktober kam es zur Übernahme", so der 38-Jährige. Das ist ungewöhnlich schnell. "Mein Steuerberater sagte mir, alles, was Hand und Fuß hat, dauert mindestens neun Monate", sagt Andreas Herper und lacht.

Trotz des neuen Geschäftsführers bleibt der Firmenname im Grunde erhalten. Aus der Herper-Transfer e.K. wird nun die Herpertransfer GmbH. Mit im Boot der GmbH ist ein weiterer Unternehmer. "Ich fand die Firma sehr beeindruckend, sie ist eine tolle Lebensleistung von Herrn Herper", sagt der neue Inhaber. Es gäbe eine gute Basis, um das Geschäft weiterzuführen. Generell wolle er nichts ändern. Er übernimmt nicht nur die Immobilie, sondern auch alle Fahrzeuge und Mitarbeiter.

Dabei ist auch hier aller Anfang schwer. Durch Corona hatte die Firma Umsatzeinbußen, vor allem der zeitweilige Wegfall des Schülerverkehrs schlug ins Kontor. "Während andere wie Merseburg oder Oschatz aber eine Ausfallentschädigung zahlten, gab es vom Landkreis Meißen keinen Cent", sagt Herper und ist verärgert. Vor allem die Aufträge der Post hätten die Firma in dieser Zeit über Wasser gehalten.

Drei E-Fahrzeuge sind bestellt

Sein Nachfolger hat mit weiteren Problemen zu kämpfen. Da sind die Dieselpreise, die durch die Decke gegangen sind und "dank" der Kohlendioxid-Steuer bald noch mehr steigen werden. Mit Sorge sieht der Unternehmer auch die Entwicklung des Mindestlohnes. "Es ist jetzt schon klar, dass wir spätestens ab Januar unsere Preise erhöhen müssen", sagt Christian Klemm.

Etwas Neues hat er schon angeschoben. Es wurden erstmals drei Elektrofahrzeuge bestellt und in der Werkstatt eine Lade-Box installiert. Die Lösung aller Probleme ist das nicht. "Für Schülerverkehr sind derartige E-Autos geeignet, für längere Strecken jedoch nicht", sagt er.

"Ich gehe nun voller Vorfreude, aber auch mit einer Träne im Knopfloch in den Ruhestand, das hier ist schließlich mein Lebenswerk", sagt Andreas Herper. Bis Jahresende will er noch beratend helfen, sich dann aber vollständig zurückziehen. Pläne hat er viele. Möchte am Haus werkeln, hofft, dass er seine vier Enkel in Hessen öfter sehen kann. Und da sind ja noch seine Oldtimer. Ein Wolga M24, Baujahr 1968, zwei Mercedes von 1978 und 1996 und ein Trabant, 31 Jahre alt. "Es war der fünftletzte, der in Zwickau mit Zweitakt-Motor gebaut wurde", sagt er.

Andreas Herper steht auf, geht in eine Ecke seines Büros. Dort steht ein Geschenk seiner Mitarbeiter zum 30. Firmenjubiläum: ein Modell seiner Firma. Auch zahlreiche Autos stehen auf den Parkplätzen. Er öffnet die Tür der Modellwerkstatt. "Gucken Sie mal rein", sagt er. Ja, da steht auch wieder einer. Ein roter Lada. Mit dem alles begann.

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