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Wo es seit 140 Jahren rund geht

Der Metallbau Wachtel aus Krögis feiert am 1. Juli ein ungewöhnliches Jubiläum. Gleichzeitig gibt es einen Neuanfang.

Das Firmenkarussell dreht sich nach 140 Jahren weiter. Matthias Wachtel (Mitte) übernimmt die Firma, seine Eltern sind bei ihm jetzt angestellt.
Das Firmenkarussell dreht sich nach 140 Jahren weiter. Matthias Wachtel (Mitte) übernimmt die Firma, seine Eltern sind bei ihm jetzt angestellt. © Claudia Hübschmann

Krögis. Es ist das Meisterstück von Matthias Wachtel, steht im Garten des elterlichen Grundstückes in Krögis und ist das Lieblingsspielzeug der Kinder: ein Karussell. Das Schönste daran: Man muss es nicht anschieben, es dreht sich von selbst. Und irgendwie ist es symbolisch für die Firma Metallbau Wachtel. Hier geht es rund, und das seit 140 Jahren.

Am 1. Juli feiert die kleine Firma dieses Jubiläum. 1881 kaufte Gustav Wachtel die damalige Schmiede in Löbschütz, dessen Sohn Bruno übernahm sie 1918. 30 Jahre später übernahm sie Herbert Wachtel, der Vater des jetzigen Inhabers Erhard Wachtel. Bis jetzt. Mit dem Firmenjubiläum übergibt er am selben Tag an seinen 34-jährigen Sohn Matthias. Dieser hat in der elterlichen Firma gelernt, machte die Meisterprüfung und qualifizierte sich zum Betriebswirt, war bisher angestellt.

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Jetzt tauschen Vater und Sohn die Rollen. Der 66-jährige Erhard Wachtel, der seit Januar Rentner ist, arbeitet jetzt bei seinem Sohn. "Das heißt, ich bewerbe mich um die Stelle. Mal sehen, ob er mich nimmt", sagt der Seniorchef und lacht. Er nimmt ihn, ebenso wie seine Mutter Undine Wachtel. Die 62-Jährige arbeitete auch bisher in dem Familienbetrieb. Ein Mitarbeiter, der seit 1990 in der Firma ist, komplettiert das Team.

Matthias Wachtel hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. "Ich habe mich erst schwergetan, jetzt aber entschieden, das durchzuziehen. Es geht ja darum, eine lange Familientradition fortzuführen", sagt er. Über Jahre hat er hautnah miterlebt, was es bedeutet, selbstständig zu sein. Geregelten Feierabend gibt es praktisch nicht, Urlaub ist kurz und selten. "Die längste Zeit in all den Jahren, die wir mal am Stück Urlaub gemacht haben, waren zehn Tage", sagt Undine Wachtel. Auch krank werden möchte man nicht. Ihr Mann hatte sich Silvester 2002 den Mittelfuß gebrochen. "Da habe ich bis April eben fast nur Büroarbeit gemacht, mich aber auch auf zwei Krücken auf Baustellen geschleppt", sagt er.

Die Silhouette der Stadthäuser am Kirchplatz in Mittweida wurde in der Werkstatt in Löbschütz hergestellt.
Die Silhouette der Stadthäuser am Kirchplatz in Mittweida wurde in der Werkstatt in Löbschütz hergestellt. © privat
Dieses Friedhofstor in Sora wurde von den Krögisern restauriert.
Dieses Friedhofstor in Sora wurde von den Krögisern restauriert. © privat
Dieses Edelstahl-Treppengeländer stellte die Firma Wachtel für eine Schule in Dresden
Dieses Edelstahl-Treppengeländer stellte die Firma Wachtel für eine Schule in Dresden © privat

Die Leute gönnen sich etwas

Matthias Wachtel als der neue Chef möchte die Firma nicht nur weiterführen, sondern auch verändern. Neue Maschinen anschaffen, einen weiteren Mitarbeiter einstellen. In den 1990er Jahren zählte die Firma immerhin acht Leute. "Die Auftragslage ist gut, viele zufriedene Stammkunden kommen immer wieder", sagt er. Finanzkrise und Corona haben dem Handwerk einen Aufschwung verschafft.

"Wegen der Negativzinsen bringen die Leute ihr Geld nicht mehr auf die Bank, sondern gönnen sich was. Und durch Corona gab es einen Rückzug ins Private. Viele machen sich ihr Zuhause schön. So viele Terrassen und Balkone wie in der letzten Zeit haben wir noch nie gebaut", sagt Erhard Wachtel. Und: Die Leute achten auf Qualität, geben dafür auch mehr Geld aus. "So manche Kunden, die billig gekauft hatten und reingefallen sind, kamen dann zu uns und blieben uns auch treu. Für diese Treue sind wir dankbar und wollen unsere Kunden weiterhin zufriedenzustellen", sagt Undine Wachtel. Tore, Zäune, Überdachungen, Treppen und vieles mehr stellt der kleine Betrieb her. Und hier bekommt man eben nichts "von der Stange", sondern alles wird individuell nach den Kundenwünschen angefertigt in Löbschütz, wo sich noch immer die Werkstatt befindet.

Auch Lehrlinge ausbilden möchte der neue Firmenchef eines Tages wieder, wenngleich er weiß, dass es schwer ist, die Leute zu halten. "Die Verlockungen der Industrie sind für die jungen Leute einfach zu groß", sagt der Metallbau-Meister.

Für öffentliche Aufträge bewirbt sich der Metallbau schon lange nicht mehr. "Der bürokratische Aufwand ist so groß, dass man dafür extra einen Mitarbeiter einstellen müsste", sagt Matthias Wachtel. Allerdings arbeitet der kleine Betrieb als Subunternehmer für Garten- und Landschaftsbaubetriebe, stellt unter anderem Tore und Zäune für Dresdner Schulen her, ist auch an der Sanierung der Krögiser Sporthalle beteiligt.

Erhard Wachtel wird zwar weiter in der Firma arbeiten, will aber nach und nach kürzertreten. "Ich werde mich aber zurücknehmen, wenn ich merke, dass meine Ideen hinderlich sind", sagt er. Auch das Handwerk sei von Digitalisierung und Globalisierung betroffen. Vor 25 Jahren, als die Firma ihren Sitz von Löbschütz nach Krögis verlegte, fing man mit Fax und Kopierer an. Heute geht alles nur noch über den Computer.

Mehr Zeit für die Enkel

Ganz aufhören wird er aber vorläufig nicht. "Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag vor dem Fernseher hocken kann. 1971 habe ich mit der Lehre angefangen, habe ein halbes Jahrhundert im Handwerk gearbeitet. Da kann man nicht so schnell loslassen", sagt er. Hat er seine Selbstständigkeit jemals bereut? Nein, sagt er nach kurzem Zögern, auch wenn die Politik den Selbstständigen das Leben sehr schwer mache. "Aber ich bin eben noch einer vom alten Schlag. Traditionsbewusstsein und Handwerkerehre bedeuten mir sehr viel", so der 66-Jährige.

Langweilig wird ihm sicher nicht. Denn das Paar hat neben dem Sohn zwei Töchter und vier Enkel, zudem ein großes Grundstück zu bewirtschaften.

Nun also führt Matthias Wachtel die kleine, aber traditionsreiche Firma in fünfter Generation. Er hat zwei Söhne, zwei und vier Jahre alt. Für die Nachfolge, so scheint es, ist also gesorgt. Im Metallbau Wachtel geht es weiter rund.

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