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Wanderer zwischen den Welten

Max H. Wilde hat eine tunesische Mutter und einen deutschen Vater. In Tunesien ist er der Deutsche, in Deutschland der Tunesier.

Max H. Wilde ist nach der Schule von Tunesien nach Deutschland zurückgekehrt. Dass er es hier so schwer haben wird, hätte er nicht gedacht.
Max H. Wilde ist nach der Schule von Tunesien nach Deutschland zurückgekehrt. Dass er es hier so schwer haben wird, hätte er nicht gedacht. © Claudia Hübschmann

Meißen. Max hat sich ein paar Minuten verspätet. Das ist ihm peinlich, denn er hasst Unpünktlichkeit. Doch er kann gar nichts dafür. Sein Bus aus Großenhain hatte Verspätung. Dann musste er noch ein Stück zu Fuß laufen. Dennoch entschuldigt er sich wortreich immer und immer wieder.

Max ist ein freundlicher junger Mann, wurde an einem geschichtsträchtigen Tag geboren. Exakt zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erblickte er das Licht der Welt. Mit seinen 21 Jahren hat er schon mehr erlebt als manche in ihrem ganzen Leben. Doch schon bei seiner Geburt ist "etwas schiefgelaufen", wie er sagt.

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Eigentlich sollte er in Deutschland zur Welt kommen. Doch er wurde in Tunesien geboren, in La Marsa, einer Stadt mit 36.000 Einwohnern, etwa 18 Kilometer nordöstlich von der Hauptstadt Tunis an der Mittelmeerküste gelegen. Dort hielt sich die Familie gerade auf. Und das hat einen Grund: Max hat einen deutschen Vater und eine tunesische Mutter.

Sein Vater ist Fernfahrer, fuhr Stoffe von Tunesien nach Deutschland. In der Hafenstadt La Goulette lernt er 1997 seine künftige Frau kennen. Zwei Jahre später heiraten die beiden in Meißen, im gleichen Jahr kommt Max zur Welt, ein Jahr später seine Schwester. Bis 2006 lebt die Familie in Deutschland, Max geht hier auch in den Kindergarten.

Er wächst mehrsprachig auf, spricht fließend und akzentfrei Deutsch, ebenso Arabisch und Französisch, auch in Englisch kann er sich unterhalten. In der Familie herrscht ein nahezu babylonisches Sprachengewirr. Seine Mutter spricht kaum Deutsch, sein Vater kein Arabisch.

Mit seiner Mutter und seiner Schwester unterhält er sich auf Arabisch, mit seinem Vater auf Deutsch. Ist die ganze Familie zusammen, wird meist Französisch gesprochen.

Nicht gedacht, dass es so schwer wird

Dann naht der Schulbeginn. Seine Mutter besteht darauf, dass Max in Tunesien zur Schule geht. Also zieht er mit Mutter und Schwester in sein nordafrikanisches Geburtsland. Macht dort das Abitur, erwirbt die Fahrerlaubnis, bessert sich mit Essenausfahren sein Taschengeld auf. Doch für ihn ist klar: In Tunesien will er nicht bleiben.

"Ich kam mit der Mentalität nicht zurecht, mit den Menschen, mit der Religion. In der Schule wurde ich angefeindet, weil ich mich vom Religionsunterricht befreien ließ", sagt er. Und beschließt, zurück nach Deutschland zu gehen, dort, wo sein Vater wohnt. "Es war mir schon klar, dass es schwer für mich wird. Aber so schwer, das hatte ich nicht gedacht", sagt er nachdenklich.

Denn in Deutschland gehen die Probleme erst so richtig los, vor allem mit der deutschen Bürokratie. "Die Behörden haben mir nicht nur Steine in den Weg gelegt, sondern ganze Felsbrocken", sagt er. In Deutschland wird sein tunesisches Abitur nicht anerkannt. Ihm werden nur zehn Jahre Schulbesuch und ein Hauptschulabschluss angerechnet.

Er ist empört: "Ich gehe doch nicht zwölf Jahre zur Schule, rackere mich ab, und stehe dann mit einem Hauptschulabschluss da", sagt er. Für das falsche Zeugnis, wie er es nennt, habe er auch noch 138 Euro zahlen müssen. "Das ist viel Geld für mich", so Max.

Er möchte eine Lehre machen, am liebsten als Bierbrauer wie sein Opa Dieter Wilde. Auch sein Vater war Bierbrauer, bevor er Fernfahrer wurde. Doch Max ist flexibel, würde auch etwas anderes lernen, Zerspanungstechniker zum Beispiel. "Aber mit Hauptschulabschluss? Das können Sie vergessen", sagt er.

Und so schlägt er sich mit befristeten Jobs durch. Arbeitet drei Monate bei DHL als Paketbote, ist Aushilfe, Springer. Er verdient gut, ist aber täglich mindestens zwölf Stunden auf Achse. Nach Weihnachten wird er nicht mehr gebraucht. Auf Arbeitslosengeld hat er keinen Anspruch, weil er nicht zwölf Monate gearbeitet hat. Doch auch "Hartz IV" wird ihm verwehrt.

"Acht Anträge habe ich gestellt, achtmal habe ich keine Hilfe gekriegt", sagt er. Der Grund: Mit seinem Vater bildet er eine "Bedarfsgemeinschaft". Dieser verdient als Fernfahrer so viel, dass Max keine Unterstützung erhält. Dabei lebt der 21-Jährige bei seiner 86-jährigen, kranken Oma in Meißen.

"Sie wäre sonst ganz allein und ich auch", sagt er. Sein bitteres, persönliches Fazit: "Ich habe noch nie Hilfe von einer Behörde bekommen. Als Deutscher ist man in seinem eigenen Land verloren."

Der nächste Schock. Er muss seine Krankenversicherung selbst bezahlen, 835 Euro im Monat. Er kann es nicht glauben. "Woher ich das Geld nehmen sollte, interessierte keinen", sagt er. Er hatte nichts, keine Arbeit, kein Geld, keine Wohnung, kein Auto. Schließlich leiht er sich das Geld von seinem Vater.

Nach einem Monat findet er wieder einen Job in Großenhain. Er ist Hilfsarbeiter, bekommt den Mindestlohn. Dennoch beschwert er sich nicht: "Was kann ich denn verlangen mit Hauptschulabschluss und ohne Beruf?", fragt er. In der ersten Schicht ist er von 4.30 bis 17 Uhr auf den Beinen, fährt mit dem Bus von Meißen nach Großenhain und zurück.

"Wenn ich endlich nach Hause komme, bin ich geschafft, rauche eine, trinke vielleicht noch eine Flasche Bier und gehe zeitig zu Bett. Ich habe überhaupt keine Zeit, Freunde kennenzulernen. Mein einziger Freund ist mein Bett", sagt er.

Die Sache mit dem Führerschein

Mitunter ist er so frustriert, dass er auf aberwitzige Ideen kommt. "Manchmal denke ich, ich sollte meinen Pass wegschmeißen, mit dem Schauchboot in Meißen ankommen und laut "Asyl" rufen. Dann kriege ich alles, Verpflegung, Geld, eine Wohnung, könnte sogar kostenlos den Führerschein machen", sagt er. Ach ja, der Führerschein, das ist auch so eine Sache.

Er hat einen, aber eben einen tunesischen. Der gilt zwar in Deutschland, jedoch nur für sechs Monate. Dann muss er in einen deutschen umgetauscht werden. Das ist nicht so einfach, geht nicht automatisch. Er muss sich bei einer Fahrschule anmelden, eine theoretische und praktische Prüfung machen. Und kostenlos ist das auch nicht. Das alles weiß er nicht.

Dann wird er in Riesa, als er mit dem Auto seines Vaters unterwegs ist, angehalten, weil er ein bisschen zu schnell gefahren ist. Doch das Verwarngeld von 20 Euro ist das kleinste Problem. Die Polizisten stellen fest, dass sein tunesischer Führerschein in Deutschland nicht mehr gilt.

Dann kommt es wohl zu einem Missverständnis. "Der Beamte hat mit seinen Kollegen gesprochen und mit der Zentrale telefoniert. Dann sagte er mir, ich könne weiterfahren", so Max. Gemeint war wohl, dass er noch zurück nach Meißen fahren darf.

Max fährt auch danach weiter. Und wird erneut erwischt. Wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis sitzt er nun vor dem Meißner Amtsgericht. Wird zu einer Geldstrafe von 1.400 Euro verurteilt. Er versteht das nicht, fühlt sich ungerecht behandelt, zu Unrecht verurteilt.

"Ein Polizist ist eine Respektperson. Wenn er etwas sagt, verlasse ich mich darauf, dass es stimmt", verteidigt er sich. Dennoch nimmt er das Urteil an, verzichtet auf eine Berufung vor dem Landgericht. "Was soll ich denn machen? Einen Anwalt kann ich mir nicht leisten", sagt er resigniert.

Bezahlen kann er die Geldstrafe nicht, auch nicht in Raten, was auf Antrag möglich wäre. Bleibt noch, die Strafe abzuarbeiten. Dafür müsste er 200 Sozialstunden leisten. Wann er die machen soll, weiß er nicht. "Ich gehe arbeiten, danach bin ich kaputt", sagt er. Da bliebe nur noch das Wochenende, das er zur Erholung braucht. In den sauren Apfel muss er wohl beißen. Denn zahlt er nicht und macht er auch keine Arbeitsstunden, drohen 40 Tage Ersatzfreiheitsstrafe.

Inzwischen hat er sich bei einer Fahrschule angemeldet, aber noch keinen Termin. "Die deutsche Fahrerlaubnis kostet mich wieder viel Geld, so um die 1.000 Euro, 330 habe ich schon anzahlen müssen. Ich verschulde mich immer mehr", sorgt er sich. Aber er weiß: Ohne Führerschein wird es noch viel schwieriger, eine Arbeit zu finden. Und arbeiten will er, sein Geld selbst verdienen, dem Staat nicht auf der Tasche liegen.

"Du verstehen Deutsch?"

Max besitzt sowohl die deutsche als auch die tunesische Staatsbürgerschaft. Doch er hat sich längst entschieden: "Ich bin Deutscher, meine Muttersprache ist Deutsch, mein Heimatland ist Deutschland", sagt er. Seine tunesische Staatsbürgerschaft will er abgeben. Wenn er in Tunesien ist, wird er als Tunesier behandelt, unterliegt den dortigen Gesetzen. Doch zurückkehren will er in das Land ohnehin nicht.

Der 21-Jährige spricht zwar fließend und akzentfrei Deutsch, doch sein Anderssein sieht man ihm an. Hat er Probleme mit Rassismus? Er lächelt gequält: "Ja, fast täglich". Am meisten überrascht und schockiert habe ihn der Rassismus in deutschen Behörden, sagt er. Obwohl er Deutscher ist, werde er wie ein Ausländer angesprochen. Sätze wie "Du verstehen Deutsch?" seien normal.

"Mir ist es mehrfach passiert, dass mich Behördenmitarbeiter beleidigt oder sich über mich lustig gemacht haben. Die dachten wohl, ich verstehe sie nicht und waren geschockt, als ich Deutsch sprach, jedes Wort verstanden hatte", sagt er.

Er fühlt sich diskriminiert, auch wegen seines Namens. Er hat einen Doppelnamen, der auch den Nachnamen seiner arabischen Mutter enthält. Den möchte er nicht in der Zeitung lesen. "Schreiben Sie Max H. Wilde", bittet er.

Durch den Namen fürchtet er, weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben. Und noch etwas macht ihm zu schaffen: "Viele Flüchtlinge aus Tunesien sind kriminell. Das schadet nicht nur dem Ansehen des Landes, sondern mir ganz persönlich.

Ich bin zwar Deutscher, kein Flüchtling und nicht kriminell, werde aber wegen meines Aussehens, meines Geburtsortes und meines Namens in die gleiche Schublade gesteckt", sagt er.

Auch im Alltag werde er regelmäßig rassistisch beleidigt. "Ich schlucke das runter, zeige keinen an, das bringt doch nichts", sagt er. Nicht erst seit seiner Gerichtsverhandlung hat er wenig Vertrauen in die deutsche Justiz.

Was bleibt, ist die Hoffnung

Max H. Wilde ist ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen den Kontinenten, zwischen den Kulturen. In Tunesien ist er der Deutsche, in Deutschland der Tunesier. Doch die Wanderung hat ein Ende.

Er hat sich für Deutschland entschieden, trotz aller Probleme. Er hofft, dass sein Zeugnis doch noch anerkannt werden wird, dass er eine Lehrstelle findet und später einen guten Job. Und er hat Träume, aber keine unrealistischen, möchte eine Frau, ein Kind, vielleicht irgendwann ein Häuschen auf dem Land.

Eben so wie viele Deutsche. An Deutschland gefällt ihm die Sauberkeit, die Ordnung, die Pünktlichkeit. Was er vermisst, ist der Zusammenhalt. "Das ist in Tunesien anders. Dort hilft jeder jedem, wird viel zusammen gefeiert. Hier jedoch kennen viele ihre Nachbarn nicht mal beim Namen", sagt er.

Auch wenn er es derzeit sehr schwer hat in einem Land, das ihm teilweise noch fremd ist und das ihn als Fremden ansieht, macht er sich selbst Mut: "Wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt."

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