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Wenn der Einkauf zur Nebensache wird

Kontaktvermeidung ist das A und O in der Corona-Pandemie. Gerade aber viele aus der Hochrisikogruppe hielten sich nicht daran, kritisiert eine Hirschsteinerin.

Maske zu tragen, kann vor Ansteckung schützen. Noch besser ist es derzeit, Kontakte zu vermeiden. .
Maske zu tragen, kann vor Ansteckung schützen. Noch besser ist es derzeit, Kontakte zu vermeiden. . © dpa

Hirschstein/Riesa. Corona hat den Landkreis fest im Griff. Unter den Beschränkungen leiden besonders Kinder, die ihre Freunde nicht mehr treffen können, aber auch alte Leute. Wegen der Kontaktbeschränkungen ist der Besuch der Enkel kaum oder gar nicht mehr möglich. Auch Treffen mit Nachbarn, Freunden, Verwandten und Bekannten sind weitgehend tabu. Cafés sind geschlossen, der Einzelhandel und die Baumärkte haben dicht, der Besuch beim Friseur ist unmöglich.

Dies alles sind aber auch Kommunikationsmöglichkeiten. Seit der Tante-Emma-Laden im Dorf zu hat, trifft man sich eben im Supermarkt zum Schwätzchen. Das ist auch während Corona die ziemlich einzige Möglichkeit, andere Leute zu treffen.

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Mehrmals am Tag im Supermarkt

Und so spielt der Einkauf vielfach nur noch eine Nebenrolle. So verständlich das ist, in der jetzigen Zeit diese Möglichkeit zum Austausch mit anderen zu nutzen, so birgt sie doch auch Gefahren. Größere Gruppen stehen zusammen, Abstände werden nicht eingehalten, der Mund-Nasen-Schutz bedeckt nicht die Nase.

Einer jungen Frau aus der Gemeinde Hirschstein (Name ist der Redaktion bekannt) ist aber noch etwas anders aufgefallen, was sie sehr ärgert. Sie lebt auf dem Land, ist alleinerziehend und berufstätig. In der Gemeinde gibt es außer einem Bäcker keine Einkaufsmöglichkeit. Sie muss nach Riesa zum Einkaufen fahren - nach der Arbeit, was erst gegen 17 Uhr möglich ist.

"In Zeiten von Corona mit möglichst großer Kontaktvermeidung bedeutet das, dass ich maximal einmal und in der Regel vor dem Wochenende einkaufen gehe, um die Kontakte so weit wie möglich einzuschränken. Es ist mir wiederholt passiert, dass sowohl donnerstags als auch freitags gegen 17 Uhr die Altersgruppe der meisten Mit-Einkäufer über 70 Jahren liegt, diese in den Gängen stehen und miteinander Neuigkeiten austauschen und dann mit einem Kohlrabi, einer Flasche Sekt und was Süßem im Korb an der Kasse stehen", sagt sie.

Für die Hirschsteinerin ist es nicht nachvollziehbar, dass sich viele Senioren nicht an die Kontaktbeschränkungen halten beziehungsweise Kontakte so weit wie möglich einschränken. "Hauptsächlich wegen dieser Hochrisikogruppe machen wir doch das alles zu, Schule und Kita, kein Sport am Nachmittag für die Kinder, Geschäfte geschlossen. Diese Unvernunft ist für mich nicht verständlich", sagt sie.

"Ältere Menschen stigmatisiert"

Sollte also älteren Menschen vorgeschrieben werden, wann sie einkaufen dürfen? Rechtlich dürfte das kaum umsetzbar sein. Es bleiben wohl nur Appelle. In Tübingen hat das Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) versucht. Er bat darum, dass jüngere Bürger nicht mehr zwischen 9.30 Uhr und 11 Uhr einkaufen gehen. Diese Zeit solle den Covid-19-Risikogruppen überlassen werden.

Prompt hagelt es Kritik. Ältere Menschen würden auf diese Weise stigmatisiert, so der Landes-Seniorenrat. Ein Einkauf sei die letzte Möglichkeit für Senioren, am gesellschaftlichen Alltag teilzunehmen und einen sozialen Kontakt zu pflegen.

Die Senioren-Union der CDU Baden-Württemberg bezeichnete Palmers Appell als "nicht angebracht" und "bevormundend".

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