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Wie geht es der Industrie im Lockdown?

Die Unternehmen im Kreis Meißen befinden sich fast ein Jahr im Pandemiemodus. So halten sie die Produktion am Laufen.

Die sächsische Regierung hat Homeoffice für alle Unternehmen angeordnet. Firmen wie zum Beispiel die Walzengießerei aus Coswig erklären, ob Heimarbeit für sie infrage kommt.
Die sächsische Regierung hat Homeoffice für alle Unternehmen angeordnet. Firmen wie zum Beispiel die Walzengießerei aus Coswig erklären, ob Heimarbeit für sie infrage kommt. © Arvid Müller

Landkreis Meißen. Sachsen hat Homeoffice in seine Corona-Schutzverordnung aufgenommen. Denn kritisiert wurde, dass zu wenige Unternehmen ihren Mitarbeitern Arbeit von zu Hause ermöglichten und dadurch die Infektionszahlen stiegen. Doch nicht jeder Betrieb kann Homeoffice-Regelungen für alle Mitarbeiter umsetzen. Besonders nicht für solche, die Waren herstellen oder schwere Geräte bedienen müssen. Außerdem verschob die sächsische Staatsregierung Anfang des Jahres die Winterferien. Das führte dazu, dass einige Firmen ihre Dienstpläne ändern mussten. Wie schaffen das die Betriebe im Landkreis Meißen? Sie erklären, wie herausfordernd die Umstellung auf den Pandemiebetrieb war.

Wie viele Mitarbeiter sind im Homeoffice tätig?

Vor der Pandemie gab es kein Homeoffice in der Walzengießerei Coswig GmbH, die schon seit mehr als 120 Jahren Gussteile herstellt. 13 Homeoffice-Arbeitsplätze wurden nun extra eingerichtet. Die Erfahrungen mit den wenigen Mitarbeitern im Heimbüro seien so positiv, dass es die Möglichkeit vermutlich nach Corona noch geben soll. Das erklärt Marcus Hensel, Prokurist des Unternehmens. Allerdings: „Aufgrund der sehr produktionsintensiven Organisationsstruktur kommt nur ein Bruchteil für Homeoffice infrage.“ Das Unternehmen hat 260 Facharbeiter.

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Auch Jutta Matreux berichtet, dass das Homeoffice-Angebot mittlerweile sehr gut im Nünchritzer Chemiewerk angenommen werde. „Von den Berufsgruppen, die bei uns am Standort arbeiten und für die Homeoffice möglich ist, nutzen dies 80 Prozent der Beschäftigten“, so die Leiterin des Wacker-Werkes in Nünchritz. Bei allen Hygieneregeln und Schutzmaßnahmen seien motivierte Mitarbeiter aber am wichtigsten, die zu Hause und in den Betrieben unter erschwerten Corona-Bedingungen die Produktion gewährleisten. „Das erfordert viel Disziplin bei allen Beteiligten, ist aber wichtig, denn wir alle können durch unser Verhalten einen Beitrag dazu leisten, dass die Infektionszahlen zurückgehen.“

Ähnlich ist es im Großenhainer Produktionswerk von Boge Komponenten. Hier befinden sich nur die Mitarbeiter im Homeoffice, die nicht am Produktionsprozess beteiligt sind. Das sei nur ein kleiner Prozentsatz der 40 Mitarbeiter in Großenhain, teilt Werksleiter Matthias Dues mit. Es sei für das Unternehmen aber nicht schwierig, Hygienemaßnahmen umzusetzen. Zum einen seien die Produktionshallen mit 6.000 Quadratmetern riesig, zum anderen hielten die Mitarbeiter in den Büros sowie im Pausenraum genügend Abstand. Darauf achte man ebenso bei den Porzellanherstellern in der Meissen-Manufaktur, die nicht ins Homeoffice gehen können. Hier arbeiten von rund 400 Mitarbeitern 40 von zu Hause, so Pressesprecherin Bianca Herbst.

Wo liegen die größten Herausforderungen der Pandemie?

„Für viele Mitarbeiter mussten zunächst die technischen Voraussetzungen für Homeoffice geschaffen werden“, erklärt Bianca Herbst von der Porzellanmanufaktur weiter. Telefon- und Videokonferenzen bräuchten zudem vor allem Kontinuität. Sonst würden gelegentlich Informationen verlorengehen.

Im Chemiewerk müssen größere Produktionsanlagen natürlich vor Ort gesteuert werden. Herausfordernd sei deshalb laut Werksleiterin Jutta Matreux, Anlagenfahrer, Laboranten und Mitarbeiter bestmöglich vor einer Ansteckung zu schützen. Eine Maskenpflicht gibt es daher zum Beispiel schon seit dem Frühjahr. Zusätzlich werden die Mitarbeiter regelmäßig in Sachen Schutzmaßnahmen geschult.

Die von der Politik geforderte großzügige Lösung werde laut Prokurist Marcus Hensel in der Coswiger Walzengießerei angeboten. Für die Zukunft wünscht er sich, dass es transparente Regelungen gibt, die arbeitsrechtliche Fragen klären. Das betreffe vor allem die Arbeitszeit: Wann beginnt und endet sie, und wie wird sie erfasst? Eine offene Frage sei weiter, wie man Datenschutz im mobilen oder heimischen Büro gewährleisten kann.

Wie ist die Kinderbetreuung geregelt?

Wenn im Lockdown Mitarbeiter Kinder zu Hause betreuen müssen, ändert sich der gewohnte Arbeitstag. Dass Mehrarbeit durch kinderlose Kollegen erbracht wird, konnte Marco Hensel in Coswig allerdings nicht beobachten. „Und selbst wenn, ist aktuell die Solidarität noch relativ hoch, somit wird dies meist auf Abteilungsebene geregelt.“

Im Boge-Werk werden Angestellte, die Kinder betreuen müssen, in das Schichtsystem integriert. „Schichten mussten auch schon vor Corona verschoben werden, das ist für uns nicht neu“, erklärt Werksleiter Matthias Dues. Das Großenhainer Unternehmen sei ein familienfreundlicher Betrieb, sodass Kinderbetreuung und Beruf vereinbar seien. In Abstimmung mit dem Werksleiter.

Die Meissen-Manufaktur ermöglicht wiederum flexible Arbeitszeiten. „Die ausfallende Arbeitsleistung wird dann entweder zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt, oder Kollegen übernehmen dringende Aufgaben“, sagt wiederum Bianca Herbst.

Welche Reaktion gibt es auf die vorgezogenen Winterferien?

Marco Hensel ist zwiegespalten. Da man wegen des Lockdowns nicht wegfahren könne, sei es in Ordnung, die Winterferien vorzuziehen. Trotzdem stelle das für die Eltern keine Erleichterung dar, denn wegen der Einschränkungen gebe es keine Alternativen wie Ausflüge oder Freizeitaktivitäten. Aber: „Bezüglich der Dienstplanung in der Walzengießerei sind wir schon eine Zeit lang geübt, relativ flexibel und kurzfristig zu agieren, was nicht bedeutet, dass dies den Produktionsprozessen entgegenkommt.“

Unproblematisch sieht hingegen Bianca Herbst von der Meissen-Manufaktur die neue Ferienregelung. „Auswirkungen auf das Unternehmen sind nur bedingt vorhanden, da Vertretungsregeln entsprechend angepasst wurden, um einen weiterhin regulären Betrieb sicherzustellen.“

Die Werkleiterin von Wacker kann zwar nachvollziehen, dass aufgrund der hohen Infektionszahlen die Winterferien vorgezogen werden mussten. „Allerdings war die anschließende Urlaubs- und Personalplanung im Schichtbetrieb, bei Vertretungsregelungen und den familiären Betreuungskonzepten eine große Herausforderung für uns“, so Jutta Matreux. Das Chemiewerk sei jedoch vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. „Dank der wieder gewachsenen Nachfrage, konnten wir die zwischenzeitlich eingeführte Kurzarbeit in den meisten Einheiten beenden.“

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„Wir dürfen uns nicht über das Coronavirus und seine Auswirkungen aufregen, sondern müssen uns anpassen“, ist zudem Matthias Dues überzeugt. Deshalb gebe es seit Beginn der Pandemie einen Corona-Krisenstab beim Mutterunternehmen Boge Kompressoren, das weltweit mehr als 700 Menschen beschäftigt. Die vorgezogenen Winterferien bringen die Großenhainer Firma jedenfalls nicht aus dem Konzept. „Miteinander finden wir immer eine Lösung.“

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