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Wieder ein Schmuckstück

Das Haus an der Görnischen Gasse 38 erstrahlt in alter Schönheit. Hier zeigt sich auch, was Meißen kann.

Von Harald Daßler
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Wieder ein Kleinod: Mit seiner neu geschaffenen Fachwerkfassade ist das Haus an der Görnischen Gasse 38 ein echter Hingucker.
Wieder ein Kleinod: Mit seiner neu geschaffenen Fachwerkfassade ist das Haus an der Görnischen Gasse 38 ein echter Hingucker. © Robin Geyer

Meißen. Dieses Haus hat über Jahrhunderte das Bild der Görnischen Gasse mit geprägt – aber auch den Verfall der historischen Bausubstanz in Meißen angezeigt. Die schwarze Verkleidung, die es 2002 im Zuge einer Notsicherung erhielt, machte zugleich deutlich, welche Schwierigkeiten der Umgang mit historischer Bausubstanz bereitet.

Der Eigentümer dieses Hauses mit der Nummer 38 Holger Metzig weiß, wovon er spricht. Es ist nicht das erste Gebäude an der Görnischen Gasse, das der diplomierte Bauingenieur saniert hat – und damit auch dazu beitrug, dass die einstige Handwerkergasse Haus für Haus ihr Antlitz zum Guten verändert hat.

Die beiden Wohnungen, im nun geretteten und von Grund auf sanierten Haus, sind bereits vermietet. Unmittelbar vor dem Einzug der Mieter begutachtete Holger Metzig mit Mitarbeitern seines Ingenieurbüros sowie befreundeten Architekten und Bauingenieuren das Ergebnis, der mehr als zwei Jahrzehnte währenden Bemühungen.

Bauherr Holger Metzig (l.) und Architekt Knut Hauswald.
Bauherr Holger Metzig (l.) und Architekt Knut Hauswald. © Robin Geyer

Dass das 1525 erbaute Haus eines der wenigen frühen Dokumente für die hölzerne Bauweise in der Stadt ist, darauf machte Knut Hauswald aufmerksam. Für seine Promotion hatte sich der Meißner Architekt mit der Geschichte dieses Hauses beschäftigt, das komplett in Fachwerkbauweise errichtet worden war. Nur einem Zufall – nämlich der Windrichtung – sei es zu verdanken, dass es im Juni 1637, als die Stadt angezündet wurde und lichterloh brannte, nicht zerstört wurde.

Allerdings machten mittelalterliche Bausünden und der „Zahn der Zeit“ den Balken des Fachwerks und vor allem der Dachkonstruktion schwer zu schaffen. Um über 80 Zentimeter hatte die sich im Lauf der Jahre gesenkt, berichtet Holger Metzig. Wohl auch deshalb war das Haus zu DDR-Zeiten nicht mehr bewohnt und wurde vom VEB Gebäudewirtschaft lediglich als Rohrlager genutzt. Als er es 1998 erwarb, galt das Gebäude als einsturzgefährdet, so der Bauherr. Ein Antrag auf Abbruch, der Platz für einen Ersatzbau hätte schaffen sollen, stieß auf Ablehnung durch die Denkmalschutzbehörde.

Das benachbarte Gebäude mit der Hausnummer 37 hatte Holger Metzig bereits 1994 saniert. Hier zog der Statiker mit seinem Ingenieurbüro ein. Knut Hauswald half dabei, eine Lösung zur denkmalgerechten Rettung für das ruinöse Haus Nummer 38 zu finden. Dennoch mussten etwa drei Viertel der zerstörten Holzkonstruktionen entfernt werden. Im Dachgeschoss, wo nun alle Voraussetzungen vorhanden sind, um noch eine Ein-Raum-Wohnung zu schaffen, ist zu erkennen, wie die geretteten Balken in den neuen Dachstuhl integriert sind.

Teile der historischen Balkonkonstruktionen bleiben auch im Inneren des Hauses sichtbar.
Teile der historischen Balkonkonstruktionen bleiben auch im Inneren des Hauses sichtbar. © Robin Geyer

Ehe die Bauleute der Firma Reuschel im November 2020 mit dem Sanieren des Hauses beginnen konnten, waren viele Jahre ins Land gegangen. Viel Geduld und Beharrlichkeit waren nötig, bis alle Genehmigungen und Fördermittelzusagen vorlagen und Auflagen so nachverhandelt waren, dass sie auch wirtschaftlich umgesetzt werden konnten. Dabei erhielt Bauherr Metzig Unterstützung vom Meißner Architekten Stephan Rex, der sich um die Genehmigungsplanungen kümmerte, sowie vom Bauingenieur Olaf Baldauf, der Ausschreibungen und Bauleitung betreute. Bei ihnen bedankte sich Holger Metzig ebenso wie beim Künstler Olaf Fieber, der das Farbkonzept erarbeitete.

Etwa eine halbe Million Euro, einschließlich Fördermitteln, hat Holger Metzig in das Haus an der Görnischen Gasse 38 investiert. Dessen imposante Fachwerkfassade bietet nun einen weiteren Blickfang in einer der ältesten Meißner Gassen. Fast alle Häuser an ihr sind inzwischen saniert.

An der Rückseite des Hauses befindet sich ein Treppenaufgang zur Wohnung im Obergeschoss. Hier gibt es auch Pkw-Stellflächen sowie den Anschluss für eine E-Ladesäule.
An der Rückseite des Hauses befindet sich ein Treppenaufgang zur Wohnung im Obergeschoss. Hier gibt es auch Pkw-Stellflächen sowie den Anschluss für eine E-Ladesäule. © Robin Geyer

Dass die Stadt damit auf sich aufmerksam machen und begeistern kann, hat Holger Metzig des Öfteren erfahren: Immer wieder wurde er angesprochen, wenn er abends auf der Baustelle war – von Einheimischen ebenso wie von Fremden. Schließlich ist die Görnische Gasse Teil des Porzellanpfades, der Besuchern der Stadt den Weg zur Manufaktur weist.

An einem Stammtisch, den Holger Metzig, der auch Stadtrat mit dem Mandat der Unabhängigen Liste Meißen (U.L.M.) ist, vor Jahren ins Leben rief und an dem sich Hauseigentümer und Anwohner der Görnischen Gasse regelmäßig treffen, geht es immer wieder darum, wie die Straße weiter belebt werden kann. Kinderfeste oder offene Höfe in den sanierten Häusern zogen bereits zahlreiche Neugierige an.

Zu den verwirklichten Ideen vom Stammtisch gehören ein vom Meißner Künstler Olaf Fieber geschaffenes Porzellanwandbild sowie das Porzellan-Wohnzimmer. Diese Kunstwerke im öffentlichen Raum haben sich ebenso wie die sanierten Fassaden zu Hinguckern entwickelt und für Gesprächsstoff auch außerhalb der Stadt gesorgt. Das sind gute Voraussetzungen dafür, dass immer mehr Leben auf einer der ältesten Gassen der Stadt einzieht. Ein Café könnte dieser Entwicklung sicher einen weiteren Impuls verleihen.

An und in der Görnischen Gasse zeigt sich, was in Meißen möglich ist.