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Wieder eine Verbraucherfalle?

Einer Seniorin aus Nossen lässt es keine Ruhe: Sie wurde abgezockt. Jetzt möchte sie andere Menschen warnen.

Was verbirgt sich hinter EasyCare24?
Was verbirgt sich hinter EasyCare24? © Claudia Hübschmann

Nossen. Charlotte Nossinsky* kann es kaum fassen. „Ich hätte nie gedacht, mal auf Betrüger hereinzufallen“, sagt die 91-Jährige am Telefon. „Ich habe rund 100 Euro eingebüßt.“ Das sei nicht viel, „aber ich möchte andere warnen, dass ihnen nicht dasselbe passiert.“

Die Nossnerin hat die SZ informiert. Coronabedingt erzählt sie am Telefon, was passiert ist. Klar und deutlich, alles verständlich. Sie sei zwar schon 91, aber „im Kopf bin ich klar.“ Im Dezember vorigen Jahres prüfte sie ihre Kontoauszüge. Dabei stellte sie fest, dass eine Abbuchung über 49,50 Euro dabei war, die sie nicht zuordnen konnte. Als Verwendungszweck steht Easycare24 auf dem Kontoauszug. Zudem sei eine Telefonnummer dabei, die bei Fragen zurückzurufen sei. Das sei ihr auch komisch vorgekommen, weil es unüblich sei. „Aber ich rief an, um zu erfahren, wer sich hinter dieser Nummer verbirgt“, berichtet die Seniorin weiter. Easycare24, ein Schlüsseldienst. Am Telefon habe sie der Firma mitgeteilt, dass sie nie einen Vertrag gemacht habe und auch keine Unterlagen hätte. Woraufhin ihr gesagt wurde: Sie haben aber doch schon bezahlt, erzählt die Seniorin.

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Beim nachträglichen Prüfen ihrer Kontoauszüge musste die Nossnerin feststellen, dass es stimmt. Auch im Dezember 2019 und im Mai 2020 wurde dieser Betrag abgebucht. „Wissen Sie, ich war damals sehr krank und habe diese Abbuchungen nicht bemerkt“, erklärt sie der SZ.

Der Firma habe die 91-Jährige am Telefon gesagt, dass sie das nicht mitmache, dass sie keinen Schlüsseldienst brauche. Daraufhin wurde ihr erklärt, sie müsse kündigen. „Ich habe dann einen Zettel geschrieben, dass ich mir verbitte, Geld abzubuchen.“

Wie Charlotte Nossinsky erfuhr, ist der Sitz von EasyCare24 in Bielefeld. Auch das kam ihr seltsam vor. Sie bekam dann ein Schreiben der Firma mit der Kündigungsbestätigung. Zumindest konnte sie sich die dritten 49,50 Euro vom Dezember 2020 von ihrem Geldinstitut zurückbuchen lassen.

Undurchsichtiges Firmengeflecht mit ähnlichen Produktangeboten

Die Seniorin fragt sich nun, wie viele Menschen noch davon betroffen sind. Auch könne sie sich nicht erklären, wie diese Firma an ihre Kontodaten und eine Einzugsermächtigung gelangen konnte. „Ich habe die EC-Karte nie aus der Hand gegeben und war auch auf der Bank vorsichtig“, sagt sie. Sie vermute, eigentlich könne nur ihr Stromanbieter (Vattenfall) damit zu tun haben.

Die Unterlagen, „Kündigungsbestätigung“ von EasyCare24 sowie Kontoauszug, hat die Seniorin der SZ zur Verfügung gestellt. Auf dem Schreiben ist weder eine konkrete Firma noch eine Anschrift vermerkt. Lediglich eine Postfach-Nummer in Bielefeld. Telefonnummer, E-Mail- und Internetadresse stehen darauf. Recherchen der SZ lassen eine Unseriosität vermuten. So wird mit verschiedenen Service- und Versicherungsleistungen geworben, auch in Verbindung, einen Reisegutschein gewinnen zu können.

Im Impressum der Easycare24-Webseite ist erst nach Scrollen unter die Ausführungen zum Haftungsausschluss der Vermerk, dass es sich bei Easycare24 um ein Produkt der Swiss Premium Solutions GmbH handelt. Beim Suchen nach dieser Firma gelangt man zu deren Webseite, auf der zu lesen ist: Swiss Premium Solutions GmbH ist eines der führenden Unternehmen für Mehrwertleistungen rund um Versicherung, Reise, Freizeit und weitere Services. Sitz ist in der Schweiz, in Baar. Nähere Informationen gibt es nicht, außer ein paar Logos, teils mit Webseiten-Angabe. Das Easycare24-Logo ist auch dabei, aber ohne Link.

Seriosität mit Preis-Siegel vorgetäuscht

Auf der Webseite von Easycare24 sind verschiedene Telefonnummern zu finden. Zum einem mit Bielefelder Vorwahl, aber auch mit einer Münchner und Frankfurter Nummer. Bei Recherchen zu der Bielefelder Telefonnummer gelangt man schließlich zu der Firma M&P Customer Care GmbH, die verschiedene Service-Leistungen anbietet. Sie wirbt auf ihrer Internetseite damit, dass sie mit dem Deutschen Servicepreis, verliehen vom Deutschen Institut für Service-Qualität (DISQ) gemeinsam dem Nachrichtensender n-tv, ausgezeichnet worden sei.

M&P Customer Care GmbH in Bielefeld warb mit dem Deutschen Servicepreis auf ihrer Webseite. Angeblich wäre sie damit ausgezeichnet worden. Aufgrund der SZ-Recherche wurde der Preisgeber auf den Missbrauch des Siegels aufmerksam. Daraufhin verschwand das S
M&P Customer Care GmbH in Bielefeld warb mit dem Deutschen Servicepreis auf ihrer Webseite. Angeblich wäre sie damit ausgezeichnet worden. Aufgrund der SZ-Recherche wurde der Preisgeber auf den Missbrauch des Siegels aufmerksam. Daraufhin verschwand das S © Uta Büttner

Da das abgebildete Siegel Abweichungen vom Original aufwies – so fehlte unter anderem die Jahreszahl – fragte die SZ beim DISQ nach, das aufgrund dessen selbst Nachforschungen betrieb. Dabei bestätigte sich die Vermutung, dass M&P Customer Care GmbH diesen Preis nie gewann. „Das Unternehmen ist kein Preisträger und darf das Servicepreis-Siegel nicht verwenden“, teilte DISQ-Geschäftsführer Markus Hamer mit. Das Institut wandte sich deshalb am Mittwoch an M&P: Seitdem ist das Siegel von der Webseite verschwunden. Auf telefonische Nachfrage bei der Firma zu dem Vorfall konnten Mitarbeiter nichts sagen, ein versprochener Rückruf durch einen Geschäftsführer erfolgte bisher nicht.

Wie kam es zu dem Vertrag, wenn es ihn gibt?

Was den Vertrag und die Abbuchungen für das Produkt EasyCare24 Gold betrifft, so sagte Ramona Dellnitz vom M&P-Kundendienst, sie könne nicht sagen, wie es zu so einem Vertrag komme, da ihre Firma die Verträge nur verwalte, jedoch nicht abschließe. Aber eines könne sie sagen, in der Regel würden die Kunden von ihrem Energieanbieter angerufen, und das Produkt werde als Prämie oder Dankeschön angeboten. Aufgrund dieser Aussage und der Vermutung von Nossinsky fragte die SZ bei Vattenfall nach. „Wir hatten dieses Produkt nie“, teilte Pressesprecherin Sandra Kühberger mit.

Einen Nachweis, dass Charlotte Nossinsky* nicht doch über irgendeinen Kanal – vielleicht einen Telefonanruf – eine von ihr nicht gewollte Geschäftsbeziehung eingegangen ist, gibt es nicht. Aber allein die öffentlichen Auftritte sowie der Missbrauch des Servicepreis-Siegels lassen zumindest vermuten, dass es sich um ein unseriöses Unternehmen handelt. Zumal es mit Serviceengel24 ein weiteres nahezu identisches Angebot von M&P Customer Care GmbH im Netz gibt.

Die Seniorin hat den Vorfall noch nicht der Polizei gemeldet. Eigentlich will sie ihre Ruhe haben. Doch die Gefahr, dass auch andere betroffen sein könnten, lässt ihr keine Ruhe.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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